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Pressefreiheit in Polen : Diskutieren wir, statt uns zu beleidigen!

  • -Aktualisiert am

Diskutiert wurde tatsächlich

Darin hatte er die politische Linke in Polen aufgerufen, sich aus der Umklammerung durch die liberale Anti-PiS-Opposition zu lösen. Sie solle lieber gemeinsam mit der PiS einen demokratischen, sozialistischen Staat schaffen. In seiner Argumentation ging er von Yascha Mounks These aus, dass ein Kampf zwischen undemokratischem Liberalismus und illiberaler Demokratie tobe. In Polen stehe die Linke vor der Wahl, entweder wie bisher jene Liberalen zu unterstützen, die glaubten, „Polen vor 2015 sei ein phantastischer Ort gewesen“ und die Bürger hätten nur PiS gewählt, weil ihnen „der Wohlstand zu Kopf gestiegen“ sei. Tatsächlich waren fehlende soziale Absicherung, niedrige Löhne und unsichere Beschäftigungsverhältnisse wichtige Gründe für den Wahlsieg der PiS. Statt die Restauration dieses Liberalismus zu unterstützen, solle die Linke, so Wos, einen Dialog mit der PiS beginnen, um ihr die autoritären Neigungen auszutreiben. Immerhin habe die PiS einige soziale Verbesserungen durchgesetzt.

Dem zuständigen Redakteur bei gazeta.pl, Grzegorz Sroczynski, war schon bei der Veröffentlichung klar, welchen Sprengstoff der Text barg, zumal sein Portal, wie der gesamte Agora-Konzern, sich im Anti-PiS-Lager verortet. Darum moderierte er den Text als „intellektuelle Provokation“ an, die zum Widerspruch reize. Den Lesern gab er noch mit: „Diskutieren wir, statt uns zu beleidigen!“

Es sollten Köpfe rollen

Diskutiert wurde tatsächlich. Beinahe sechshundert Kommentare stehen unter dem Beitrag, und zahlreiche Polemiken erschienen in der Presse. Doch das Vertrauen darauf, die besseren Argumente zu haben, reichte im Anti-PiS-Lager dann doch nicht aus. Es sollten Köpfe rollen. Die „Polityka“ stellte nicht nur unmittelbar nach Erscheinen des Textes klar, dass Wos’ Ansichten nicht ihrer politischen Linie entsprächen. Etwas später kam heraus, dass auch sein Vertrag nicht verlängert wurde. Wenig später machte Wos öffentlich, dass gazeta.pl die Verträge mit jenen Autoren löse, die Äquidistanz zu den beiden Lagern wahrten, darunter auch er selbst.

Kurz darauf folgte die Nachricht, dass der gesamte Meinungsteil bei gazeta.pl stillgelegt wird und alle Verträge mit regelmäßigen Beiträgern gekündigt sind. Die offizielle Begründung sind wirtschaftliche Erwägungen. Der zuständige Redakteur Sroczynski sagt nichts dazu. Nun hatten die rechten Medien Gelegenheit, sich ihrerseits zu empören. Das Magazin „Do Rzeczy“ fragte, ob es an „zu viel Pluralismus“ gelegen habe, der Fernsehsender Telewizja Republika, ob es „Zensur“ der „Gazeta Wyborcza“ sei.

Die selbstzufriedenen Fingerzeige beider Seiten auf die Verfehlungen der anderen und das nicht vorhandene Interesse an einer Auseinandersetzung in der Sache kommentierte Twardoch mit Bitterkeit: „Polen“, schrieb er, „ist kein Land, in dem die Bürger am Leben der Republik teilnehmen, indem sie sich über deren vitale Interessen streiten. Für solche Publizistik ist in Polen kein Platz.“ Hier gebe es nur „ein intellektuell leeres Ritual, das die eigene Seite im Rechthaben bestätigt und die anderen entmenschlicht. Kriegstänze um den Totempfahl, die vom zufriedenen Knurren der Stammesältesten begleitet werden.“

Sicher sind solche Kriegstänze nicht allein eine polnische Spezialität, doch ist die Polarisierung der Gesellschaft weiter fortgeschritten als in anderen Ländern. Dies schlägt sich auf die Medien nieder. Die politische Linie erhält Vorrang vor der Debatte. Weichen Redakteuren von der jeweiligen politischen Linie ab, gilt das schnell als Verrat. Das mag auch der Grund sein, warum die Antwort auf den Weckruf Twardochs ein dröhnendes Schweigen in den Redaktionsstuben ist.

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