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Pressefreiheit in Polen : Diskutieren wir, statt uns zu beleidigen!

  • -Aktualisiert am

Neunzehn Stunden später folgte die Kündigung

Wie sehr der Spott die Anhänger des Präsidenten traf, erfuhr Ivan Shyla bald am eigenen Leib. Er arbeitete als Social-Media-Redakteur des belarussisch-polnischen Senders Belsat. Der wird vom polnischen Staat finanziert und unter dem Dach des polnischen Fernsehens TVP betrieben. Belsat soll Weißrussen Zugang zu unabhängigen Informationen und belarussischen Journalisten eine freie Berichterstattung ermöglichen. Letzteres hatte Shyla wohl zu weit ausgelegt, als er das Foto von Duda und Trump mit dem Kommentar „Links der polnische Präsident“ auf seinem privaten Facebook-Account teilte.

Neunzehn Stunden später erhielt er seine Kündigung, und die erste Debatte, auf die Twardoch anspielte, begann. Die Belsat-Direktorin Agnieszka Romaszewska-Guzy, die Shyla entließ, steht dem Präsidenten durchaus nahe. Sie ist die Tochter von Zofia Romaszewska, einer bekannten ehemaligen Dissidentin, die heute Präsident Duda berät. Auch TVP, das Belsat betreibt, ist seit der Übernahme durch den PiS-Mann Jacek Kurski treu auf Regierungslinie. Der Vorwurf der Zensur lag also in der Luft. Dass Romaszewska-Guzy die Entlassung dem Branchendienst wirtualnemedia.pl gegenüber damit rechtfertigte, dass Shyla als Mitarbeiter des polnisch-belarussischen Senders nicht an einer „politischen Kampagne“ teilnehmen könne, machte es nicht besser.

Ein Instagram-Post als Beweis

Es dauerte nicht lange, bis sich die regierungskritischen Medien empörten. Die „Gazeta Wyborcza“ berichtete über „Bekannte Shylas“, die bestürzt seien. Schon in Weißrussland habe er unter Repressionen gelitten, nun bekomme er in Polen Probleme. Dazu muss man wissen, dass Weißrussland gerne herangezogen wird, wenn Regierungsgegner ausführen, wohin sich Polen unter der PiS entwickle. Das Portal Onet.pl sah Indizien für Zensur bei Belsat und verwies auf interne Dokumente. Gazeta.pl zeigte auf, dass Romaszewska-Guzy mit sich selbst weniger streng bei der Teilnahme an „politischen Kampagnen“ ist. Als Beweis wurde ein Instagram-Post vorgelegt, in dem sie ein Treffen Donald Tusks mit Barack Obama schnippisch kommentierte.

Bei gazeta.pl fand allerdings auch die zweite Debatte statt, die Twardochs Konstellation vervollständigt. Es wurde publik, dass das Portal seinen Meinungsteil stilllegt. Dort erschienen seit nicht ganz einem Jahr fast täglich Kommentare zahlreicher Autoren, die ein breites Meinungsspektrum abdeckten und viele Leser anzogen. Als offiziellen Grund gab der Mutterkonzern Agora eine strategische Neuausrichtung an. Vielfach wird jedoch kolportiert, die oft kontroversen Beiträge hätten zu Konflikten mit den anderen zu Agora gehörenden Redaktionen geführt, vor allem jener der „Gazeta Wyborcza“. Besonders ein Text des „Polityka“-Redakteurs Rafal Wos stach hervor.

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