https://www.faz.net/-gqz-9ub48

Zukunft von hr2-kultur : Der nächste Zug entscheidet

Lauter schöne Logos: hr2 in der Eigenankündigung. Bild: HR/F.A.Z.

Die Zukunft des Radiojuwels hr2-Kultur hängt in der Schwebe. Die Senderleitung verfolgt ihren Abschaltplan. Was denkt der Rundfunkrat, der morgen tagt?

          5 Min.

          Im Schach gehört die Hängepartie zum fortgeschrittenen Repertoire: Wegen zu langer Dauer und auslaufender Bedenkzeit vertagen die Kontrahenten das aktuelle Spiel ergebnislos. Bis zur Wiederaufnahme der Partie bleibt Zeit, den bisherigen Verlauf zu analysieren und das künftige Vorgehen zu planen. So ist nun auch die Lage im Konflikt zwischen den Verantwortlichen im Hessischen Rundfunk und ihren gebührenzahlenden Gegnern. Seit geraumer Zeit arbeitet der Sender am großen Reformwurf seiner trimedialen Zukunft, also an der durchgängigen Vernetzung von Radio, Fernsehen und Internet. Die hausinterne Losung dabei lautet: „digital first“, das Digitale muss jetzt Vorrang haben.

          Jochen Hieber
          (hie.), Freier Autor

          In Sachen Politik, Wirtschaft und Sport ist man dabei schon ein gutes Stück des Wegs vorangekommen, ohne dass dies von einer nennenswerten Öffentlichkeit überhaupt bemerkt worden wäre. Widerstreit gab es schon deshalb nicht, weil niemand einen Verlust zu beklagen hatte. Trimedialität funktioniert hier nach dem Prinzip des Wahrnehmungsgewinns durch Vermehrung und Variabilität. Dass man dafür etwa im linearen Fernsehen des Hessischen Rundfunks, eigenen Angaben zufolge, die eine oder andere ohnehin belanglose Quizshow geopfert hat, stört keineswegs, im Gegenteil: Es kann der Qualität nur dienen.

          Seit im vergangenen Sommer aber die Kultur an die Reihe kam, ist es mit der Ruhe vorbei. Das hat gute Gründe. Wie stets beim Aufbruch in die schöne neue Zeit hat man zunächst versucht, auch hier Altlasten hinter sich zu lassen – und dabei Abgehängte und Verlierer erzeugt, die sich aber sogleich entschlossen wehrten. Verlierer waren die lineare Radiowelle hr2-Kultur und deren Hörer. Sie sind eindeutig in der Minderheit, bestehen jedoch ebenso eindeutig auf ihrem Schutz und ihrem Recht. Während etwa die Popwelle hr3 täglich von gut neunhunderttausend Nutzern frequentiert wird, sind es beim Kulturradio nicht einmal mehr neunzigtausend. Die aber, musste der Intendant Manfred Krupp zu seinem Erstaunen feststellen, „können sich besonders gut artikulieren und sind hervorragend vernetzt“.

          Vereinfacht gesagt, aber der Wahrheit entsprechend: Es geht darum, bei hr2-Kultur Produktions- und Personalkosten massiv einzusparen, indem das Musikprogramm weitgehend auf Klassikkonserven reduziert und die überaus substantielle Kulturberichterstattung aus Hessen und darüber hinaus zumal in den beiden sechs von achtzehn Sendestunden umfassenden Magazinen „Kulturfrühstück“ und „Kulturcafé“ bis fast zum Totalverzicht skelettiert werden soll. In der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift „Medium Magazin“ spricht der Intendant beschönigend von „intelligentem Verzicht“ und erklärt: „Es wird weniger, vor allem auch anders.“

          Wozu dient eine „Kultur-Unit“?

          Wie dieses andere aussehen soll: Damit beschäftigt sich seit einigen Wochen eine Arbeitsgruppe unter der Leitung des hr-Kulturredakteurs Alf Mentzer. Das Ziel ist, im Jargon der Medienmanager formuliert, eine sogenannte „Kultur-Unit“, die als „Ausspielweg“ von kultureller Berichterstattung in erster Linie nicht mehr das ein- und ausschaltbare Radio, sondern allzeit abrufbare Online-Plattformen wie „hessenschau.de“ oder die ARD-Audiothek bevorzugt – und dem jüngeren Publikum zuliebe naturgemäß auch mit der Präsenz in sozialen Medien wie Facebook, Instagram, Youtube und dergleichen spekuliert.

          Die Idee dabei: Man will auf diese Weise kulturelle Inhalte für ein neues Publikum überhaupt erst interessant machen und damit popularisieren, für Leute also, die das gute alte Radio nur noch vom Hörensagen kennen, allein schon bei Begriffen wie „Kultur“ und „Literatur“ ein Zitronengesicht ziehen und auch beim Autofahren nur Spotify konsumieren. Gesetzt den Fall, die Idee ließe sich von der Senderseite aus realisieren, bliebe trotzdem mehr als fraglich, ob sie den gewünschten Effekt zeitigte. Wer, sagen wir, zwischen sechzehn und fünfundzwanzig Jahre jung ist und sich für die klassischen Inhalte der Kulturberichterstattung interessiert, ist entweder aus höchst eigenem Antrieb bereits auf das Theater oder die Oper, auf Kunst oder Literatur erpicht – oder er oder sie ist nicht wirklich jung. Wer sich aber jenseits der Dreißig immer noch nicht für das kulturelle Leben hat gewinnen, gar begeistern lassen, ist eh verloren. Eine Kultur-Unit wird ihn oder sie nicht erreichen, geschweige denn retten.

          Es ist also ein großer Denkfehler bei den hr-Reformern, das traditionelle, damit auch ältere Publikum, mit dem hr2-Kultur auf dem traditionellen Radioweg rechnen kann, vor den Kopf zu stoßen, indem man das Angebot auf diesem Abspielweg bis fast zur Abschaffung reduziert. So produziert man am Ende nicht nur einen Verlierer, sondern viele: Der Sender hat mit der Verlagerung anspruchsvoller Inhalte ins Nirwana der Online-Plattformen nicht nur keinen Zugewinn, sondern einen objektiven Wahrnehmungsverlust, er gewinnt die Jungen nicht oder kaum, weil die ihrem Alter entsprechend ohnehin ganz woanders unterwegs sind, und er nimmt sehenden Auges auch noch billigend in Kauf, substantielle Teile des älteren Publikums preiszugeben. Was mit diesem Einwand explizit nicht in Frage gestellt ist, sind die Podcasts im Netz. Sie garantieren beides: Zeitunabhängigkeit beim Hören und zumindest temporäres Verweilen interessanter und wichtiger Sendungen, die sich bis vor kurzem nach der linearen Ausstrahlung schlicht verflüchtigten.

          Den Mitarbeitern des Hessischen Rundfunks wurde bei einer Betriebsversammlung die Vorschläge einer sogenannten „Portfoliogruppe“ präsentiert: HR2-Kultur soll zu einer reinen Hörfunkwelle für klassische Musik werden.
          Den Mitarbeitern des Hessischen Rundfunks wurde bei einer Betriebsversammlung die Vorschläge einer sogenannten „Portfoliogruppe“ präsentiert: HR2-Kultur soll zu einer reinen Hörfunkwelle für klassische Musik werden. : Bild: Ricardo Wiesinger

          Für Podcasts eignen sich besonders längere Formate. Weshalb Alf Mentzer Anfang Oktober bei der Frankfurter Protestveranstaltung der „Initiative hr2-Wort“ auch eine Bestandsgarantie etwa für die Gesprächsreihe „Doppelkopf“, das Feature, das Hörspiel, die Literaturlesung oder das wöchentliche Hörbuchmagazin gab – und natürlich auch für die Stundensendung „Der Tag“, das kulturjournalistische Juwel des Hessischen Rundfunks. Gut so. Was aber nach wie vor massiv in Frage steht, sind Atmosphäre und Charakter von hr2-Kultur im Ganzen – und mit den programmatisch kleinteiligen und just dadurch so vielfältigen Magazinsendungen am Morgen und am Nachmittag der eigentliche Kern des linearen Kulturradios. Zu ihm gehört eben auch die musikalische Variationsbreite vom Barock bis zu den Beatles, wenn nötig gar bis zu Beyoncé. Weder bei SWR2 oder WDR3, den Sendenachbarn von hr2-Kultur, findet sich eine vergleichbar anregende Noten- und Stimmensynthese.

          Hat der Protest Folgen?

          Naturgemäß ist auch der hessische Minderheitensender nicht perfekt. Durchgängig etwa gibt er den Gegenständen gegenüber, über die berichtet wird – seien es neue Bücher, Filme, Inszenierungen oder musikalische Interpretationen –, ein Grundrauschen des Affirmativen, kurzum: zu viel Empfehlung und zu wenig Warnendes, zu viel Hymne und zu wenig Verriss. In toto jedoch ist hr2-Kultur die „Kultur-Unit“ in sich, also die wirkliche Kultureinheit des weltbezogenen Bundeslands Hessen. Aufs Neue erstaunt, sagte der Intendant jüngst dem „Medium Magazin“, „die Protestwelle“, die sich seit dem Sommer gegen die Digitalisierungspläne von hr2-Kultur richte, sei „eine der größten, die ich in meiner beruflichen Laufbahn erlebt habe“. Sind daraus inzwischen nennenswerte Konsequenzen gezogen?

          In der Antwort auf die Frage dieser Zeitung, wie es aktuell um die Reform bei hr2-Kultur stehe, heißt es, der „tiefgreifende Veränderungsprozess“ benötige „seine Zeit“ und werde „gründlich und bedacht betrieben“. Dazu suche man auch „das Gespräch mit Menschen aus anderen Lebensbereichen, die ihr Verständnis und ihre Erfahrung einbringen können“. Anerkannt wird, dass „unsere linearen Angebote etabliert sind, viele Menschen integrieren diese in ihren Alltag“. Und dazu ausdrücklich: „Das ist uns sehr viel wert.“ Es klingt nach Innehalten und Nachdenklichkeit. Die Antwort schließt: „Wir müssen aber auch den veränderten Nutzungsgewohnheiten entsprechen, neue digitale Angebote im Netz und Raum für Innovationen schaffen.“ Also war das Vorangehende doch eher eine Nebelkerze, um auf dem längst eingeschlagenen Weg unbeirrt fortzuschreiten?

          Ursprünglich sollte der ganze Prozess bis Ende März des kommenden Jahres abgeschlossen sein. Jetzt heißt es, man rechne damit, dass „zum Thema künftige Kulturberichterstattung schon im Laufe des ersten Quartals des nächsten Jahres über die weiteren Schritte informiert werden kann“. Auf der Tagesordnung des hr-Rundfunkrats, der morgen, am Freitag, zum letzten Mal in diesem Jahr zusammentrifft, findet sich das Thema nicht, es sei denn, Manfred Krupp bringe es bei den routinemäßigen „Mitteilungen des Intendanten“ beiläufig doch zur Sprache. Beschlüsse aber sind weder angekündigt noch zu erwarten.

          Wir sind also inmitten einer klassischen Hängepartie. Im Schach ist es üblich, dass der Spieler, der an der Reihe ist, vor der Analyse- und Nachdenkpause seinen nächsten Zug verdeckt an den Schiedsrichter gibt, um ihn bei der Wiederaufnahme dann öffentlich sichtbar auszuführen. Ob der Intendant oder sein Hörfunkdirektor Heinz-Dieter Sommer gute Schachspieler sind, wissen wir nicht. Ihr nächster Zug aber dürfte entscheidend sein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ausmaß der Zerstörung: eine Straßenkreuzung in Cholon, Israel

          Gewalt in Nahost : Hamas feuert 130 Raketen auf Tel Aviv

          Militante aus dem Gazastreifen feuern am Abend mehr als hundert Raketen auf Zentralisrael. Im Großraum Tel Aviv kommt es immer wieder zu schweren Explosionen. Mindestens ein Mensch stirbt.
          Ende einer Quälerei: In wenigen Tagen werden Präsident Keller und Generalsekretär Curtius (links) den Deutschen Fußball-Bund verlassen.

          Keller, Curtius und Koch : Befreiungsschlag beim DFB

          Präsident Fritz Keller zieht sich zurück, Friedrich Curtius gibt auf, Rainer Koch verzichtet auf eine Wiederwahl: Fast die gesamte Führung des DFB macht den Weg frei für einen Neuanfang.
          Die Intensivstation der Universitätsklinik Frankfurt mit Coronapatienten im April 2020

          Anhaltend hohe Todeszahlen : Wer jetzt noch an Corona stirbt

          Noch verzeichnet Deutschland jede Woche mehr als tausend Covid-Todesfälle. Viele sterben weder im Altenheim noch auf der Intensivstation. Doch wo dann? Die Suche nach der Antwort ist kompliziert.
          Die EZB erwartet eine steigende Inflation. Allerdings meint sie, der Anstieg sei nur vorübergehend.

          Steigende Preise : Was Sparer zur Inflation wissen müssen

          Alles rund ums Bauen wird teurer, aber auch viele Lebensmittel und vor allem Heizöl und Benzin. Steigt mit dem Abklingen der Pandemie die Inflation? Und wie können sich Sparer rüsten?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.