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Zukunft von hr2-kultur : Der nächste Zug entscheidet

Lauter schöne Logos: hr2 in der Eigenankündigung. Bild: HR/F.A.Z.

Die Zukunft des Radiojuwels hr2-Kultur hängt in der Schwebe. Die Senderleitung verfolgt ihren Abschaltplan. Was denkt der Rundfunkrat, der morgen tagt?

          5 Min.

          Im Schach gehört die Hängepartie zum fortgeschrittenen Repertoire: Wegen zu langer Dauer und auslaufender Bedenkzeit vertagen die Kontrahenten das aktuelle Spiel ergebnislos. Bis zur Wiederaufnahme der Partie bleibt Zeit, den bisherigen Verlauf zu analysieren und das künftige Vorgehen zu planen. So ist nun auch die Lage im Konflikt zwischen den Verantwortlichen im Hessischen Rundfunk und ihren gebührenzahlenden Gegnern. Seit geraumer Zeit arbeitet der Sender am großen Reformwurf seiner trimedialen Zukunft, also an der durchgängigen Vernetzung von Radio, Fernsehen und Internet. Die hausinterne Losung dabei lautet: „digital first“, das Digitale muss jetzt Vorrang haben.

          Jochen Hieber
          Freier Autor im Feuilleton.

          In Sachen Politik, Wirtschaft und Sport ist man dabei schon ein gutes Stück des Wegs vorangekommen, ohne dass dies von einer nennenswerten Öffentlichkeit überhaupt bemerkt worden wäre. Widerstreit gab es schon deshalb nicht, weil niemand einen Verlust zu beklagen hatte. Trimedialität funktioniert hier nach dem Prinzip des Wahrnehmungsgewinns durch Vermehrung und Variabilität. Dass man dafür etwa im linearen Fernsehen des Hessischen Rundfunks, eigenen Angaben zufolge, die eine oder andere ohnehin belanglose Quizshow geopfert hat, stört keineswegs, im Gegenteil: Es kann der Qualität nur dienen.

          Seit im vergangenen Sommer aber die Kultur an die Reihe kam, ist es mit der Ruhe vorbei. Das hat gute Gründe. Wie stets beim Aufbruch in die schöne neue Zeit hat man zunächst versucht, auch hier Altlasten hinter sich zu lassen – und dabei Abgehängte und Verlierer erzeugt, die sich aber sogleich entschlossen wehrten. Verlierer waren die lineare Radiowelle hr2-Kultur und deren Hörer. Sie sind eindeutig in der Minderheit, bestehen jedoch ebenso eindeutig auf ihrem Schutz und ihrem Recht. Während etwa die Popwelle hr3 täglich von gut neunhunderttausend Nutzern frequentiert wird, sind es beim Kulturradio nicht einmal mehr neunzigtausend. Die aber, musste der Intendant Manfred Krupp zu seinem Erstaunen feststellen, „können sich besonders gut artikulieren und sind hervorragend vernetzt“.

          Vereinfacht gesagt, aber der Wahrheit entsprechend: Es geht darum, bei hr2-Kultur Produktions- und Personalkosten massiv einzusparen, indem das Musikprogramm weitgehend auf Klassikkonserven reduziert und die überaus substantielle Kulturberichterstattung aus Hessen und darüber hinaus zumal in den beiden sechs von achtzehn Sendestunden umfassenden Magazinen „Kulturfrühstück“ und „Kulturcafé“ bis fast zum Totalverzicht skelettiert werden soll. In der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift „Medium Magazin“ spricht der Intendant beschönigend von „intelligentem Verzicht“ und erklärt: „Es wird weniger, vor allem auch anders.“

          Wozu dient eine „Kultur-Unit“?

          Wie dieses andere aussehen soll: Damit beschäftigt sich seit einigen Wochen eine Arbeitsgruppe unter der Leitung des hr-Kulturredakteurs Alf Mentzer. Das Ziel ist, im Jargon der Medienmanager formuliert, eine sogenannte „Kultur-Unit“, die als „Ausspielweg“ von kultureller Berichterstattung in erster Linie nicht mehr das ein- und ausschaltbare Radio, sondern allzeit abrufbare Online-Plattformen wie „hessenschau.de“ oder die ARD-Audiothek bevorzugt – und dem jüngeren Publikum zuliebe naturgemäß auch mit der Präsenz in sozialen Medien wie Facebook, Instagram, Youtube und dergleichen spekuliert.

          Die Idee dabei: Man will auf diese Weise kulturelle Inhalte für ein neues Publikum überhaupt erst interessant machen und damit popularisieren, für Leute also, die das gute alte Radio nur noch vom Hörensagen kennen, allein schon bei Begriffen wie „Kultur“ und „Literatur“ ein Zitronengesicht ziehen und auch beim Autofahren nur Spotify konsumieren. Gesetzt den Fall, die Idee ließe sich von der Senderseite aus realisieren, bliebe trotzdem mehr als fraglich, ob sie den gewünschten Effekt zeitigte. Wer, sagen wir, zwischen sechzehn und fünfundzwanzig Jahre jung ist und sich für die klassischen Inhalte der Kulturberichterstattung interessiert, ist entweder aus höchst eigenem Antrieb bereits auf das Theater oder die Oper, auf Kunst oder Literatur erpicht – oder er oder sie ist nicht wirklich jung. Wer sich aber jenseits der Dreißig immer noch nicht für das kulturelle Leben hat gewinnen, gar begeistern lassen, ist eh verloren. Eine Kultur-Unit wird ihn oder sie nicht erreichen, geschweige denn retten.

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