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Zukunft von hr2-kultur : Der nächste Zug entscheidet

Es ist also ein großer Denkfehler bei den hr-Reformern, das traditionelle, damit auch ältere Publikum, mit dem hr2-Kultur auf dem traditionellen Radioweg rechnen kann, vor den Kopf zu stoßen, indem man das Angebot auf diesem Abspielweg bis fast zur Abschaffung reduziert. So produziert man am Ende nicht nur einen Verlierer, sondern viele: Der Sender hat mit der Verlagerung anspruchsvoller Inhalte ins Nirwana der Online-Plattformen nicht nur keinen Zugewinn, sondern einen objektiven Wahrnehmungsverlust, er gewinnt die Jungen nicht oder kaum, weil die ihrem Alter entsprechend ohnehin ganz woanders unterwegs sind, und er nimmt sehenden Auges auch noch billigend in Kauf, substantielle Teile des älteren Publikums preiszugeben. Was mit diesem Einwand explizit nicht in Frage gestellt ist, sind die Podcasts im Netz. Sie garantieren beides: Zeitunabhängigkeit beim Hören und zumindest temporäres Verweilen interessanter und wichtiger Sendungen, die sich bis vor kurzem nach der linearen Ausstrahlung schlicht verflüchtigten.

Den Mitarbeitern des Hessischen Rundfunks wurde bei einer Betriebsversammlung die Vorschläge einer sogenannten „Portfoliogruppe“ präsentiert: HR2-Kultur soll zu einer reinen Hörfunkwelle für klassische Musik werden.
Den Mitarbeitern des Hessischen Rundfunks wurde bei einer Betriebsversammlung die Vorschläge einer sogenannten „Portfoliogruppe“ präsentiert: HR2-Kultur soll zu einer reinen Hörfunkwelle für klassische Musik werden. : Bild: Ricardo Wiesinger

Für Podcasts eignen sich besonders längere Formate. Weshalb Alf Mentzer Anfang Oktober bei der Frankfurter Protestveranstaltung der „Initiative hr2-Wort“ auch eine Bestandsgarantie etwa für die Gesprächsreihe „Doppelkopf“, das Feature, das Hörspiel, die Literaturlesung oder das wöchentliche Hörbuchmagazin gab – und natürlich auch für die Stundensendung „Der Tag“, das kulturjournalistische Juwel des Hessischen Rundfunks. Gut so. Was aber nach wie vor massiv in Frage steht, sind Atmosphäre und Charakter von hr2-Kultur im Ganzen – und mit den programmatisch kleinteiligen und just dadurch so vielfältigen Magazinsendungen am Morgen und am Nachmittag der eigentliche Kern des linearen Kulturradios. Zu ihm gehört eben auch die musikalische Variationsbreite vom Barock bis zu den Beatles, wenn nötig gar bis zu Beyoncé. Weder bei SWR2 oder WDR3, den Sendenachbarn von hr2-Kultur, findet sich eine vergleichbar anregende Noten- und Stimmensynthese.

Hat der Protest Folgen?

Naturgemäß ist auch der hessische Minderheitensender nicht perfekt. Durchgängig etwa gibt er den Gegenständen gegenüber, über die berichtet wird – seien es neue Bücher, Filme, Inszenierungen oder musikalische Interpretationen –, ein Grundrauschen des Affirmativen, kurzum: zu viel Empfehlung und zu wenig Warnendes, zu viel Hymne und zu wenig Verriss. In toto jedoch ist hr2-Kultur die „Kultur-Unit“ in sich, also die wirkliche Kultureinheit des weltbezogenen Bundeslands Hessen. Aufs Neue erstaunt, sagte der Intendant jüngst dem „Medium Magazin“, „die Protestwelle“, die sich seit dem Sommer gegen die Digitalisierungspläne von hr2-Kultur richte, sei „eine der größten, die ich in meiner beruflichen Laufbahn erlebt habe“. Sind daraus inzwischen nennenswerte Konsequenzen gezogen?

In der Antwort auf die Frage dieser Zeitung, wie es aktuell um die Reform bei hr2-Kultur stehe, heißt es, der „tiefgreifende Veränderungsprozess“ benötige „seine Zeit“ und werde „gründlich und bedacht betrieben“. Dazu suche man auch „das Gespräch mit Menschen aus anderen Lebensbereichen, die ihr Verständnis und ihre Erfahrung einbringen können“. Anerkannt wird, dass „unsere linearen Angebote etabliert sind, viele Menschen integrieren diese in ihren Alltag“. Und dazu ausdrücklich: „Das ist uns sehr viel wert.“ Es klingt nach Innehalten und Nachdenklichkeit. Die Antwort schließt: „Wir müssen aber auch den veränderten Nutzungsgewohnheiten entsprechen, neue digitale Angebote im Netz und Raum für Innovationen schaffen.“ Also war das Vorangehende doch eher eine Nebelkerze, um auf dem längst eingeschlagenen Weg unbeirrt fortzuschreiten?

Ursprünglich sollte der ganze Prozess bis Ende März des kommenden Jahres abgeschlossen sein. Jetzt heißt es, man rechne damit, dass „zum Thema künftige Kulturberichterstattung schon im Laufe des ersten Quartals des nächsten Jahres über die weiteren Schritte informiert werden kann“. Auf der Tagesordnung des hr-Rundfunkrats, der morgen, am Freitag, zum letzten Mal in diesem Jahr zusammentrifft, findet sich das Thema nicht, es sei denn, Manfred Krupp bringe es bei den routinemäßigen „Mitteilungen des Intendanten“ beiläufig doch zur Sprache. Beschlüsse aber sind weder angekündigt noch zu erwarten.

Wir sind also inmitten einer klassischen Hängepartie. Im Schach ist es üblich, dass der Spieler, der an der Reihe ist, vor der Analyse- und Nachdenkpause seinen nächsten Zug verdeckt an den Schiedsrichter gibt, um ihn bei der Wiederaufnahme dann öffentlich sichtbar auszuführen. Ob der Intendant oder sein Hörfunkdirektor Heinz-Dieter Sommer gute Schachspieler sind, wissen wir nicht. Ihr nächster Zug aber dürfte entscheidend sein.

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