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Fernsehunterhaltung : Die Letzten machen das Licht aus

  • -Aktualisiert am

Das passende Teil ist einfach nicht zu finden: Auf dem „Show-Gipfel“ in Köln ist man ebenso ratlos wie Ben Stiller beim Puzzeln für „Wetten, dass“. Bild: dpa

Kann das sein? Die Flut der Shows im Fernsehen hat ungeahnte Ausmaße angenommen. Zugleich scheint das Genre am Ende. Der „Show-Gipfel“ der hiesigen Branche wird zum Begräbnis. Hat keiner mehr Ideen?

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          Les jeux sont faits, die Fernsehunterhaltung ist implodiert. Das sagen nicht böswillige Kritiker, sondern – und da wird es beachtlich – die führenden Köpfe der Branche selbst. Seit einigen Jahren schon ist im Entertainmentsektor eine gewisse Ermüdung festzustellen: Die Talent-, Überlebens-, Dating-, Model- und Kochformate haben sich epidemieartig vermehrt und zu Tode kopiert. Die Quoten fallen auf allen Kanälen (gerade wieder plumpste „The Voice Kids“ auf ein neues Allzeittief). Der diesjährige „Show-Gipfel“ in Köln jedoch markiert einen Wendepunkt: Die Macher und die Verbreiter all dieser Shows zeigen sich inzwischen von ihren eigenen Produkten genervt und gelangweilt. Dass es Gesprächsbedarf gibt, zeigt sich daran, dass so viele Showverantwortliche wie nie zu dieser elften Ausgabe des von der Medienberatungsagentur HMR und dem Produktionsunternehmen Brainpool TV organisierten Branchentreffens gekommen sind. Es wurde zu einem langen Abgesang mit nur sehr vereinzelten Gegenstimmen.

          Mütter kreischen Befehle

          Die Trostlosigkeit des Unterhaltungsfernsehens machte bereits der rituell diese Konferenz eröffnende Trendüberblick deutlich. Weit und breit zeigt sich keine wirklich neue Idee, aber die Metastasenbildung geht weiter. Es sind offenbar immer noch Talentsparten übrig, in denen eine Jury heulende oder juchzende Kandidaten bewerten kann: Bodypainting in den Vereinigten Staaten („Skin Wars“), Puppenspielerei in den Niederlanden („Popsters“) oder klassische Musik aus Kinderhand in Frankreich („Prodiges“). Die Sendungsdramaturgie bleibt immer dieselbe. Auch die Kochshows vermehren sich weiter wie der süße Brei im Märchen, ob dabei nun Mütter von der Seitenlinie Befehle kreischen wie in Spanien („Mi madre cocina mejor que la tuya“), die Köche sich beim Kochen betrinken wie in Kanada („Les Recettes Pompettes“), gebacken statt gekocht wird wie in England („The Great British Bake Off“), oder die Juryentscheidung selbst wieder als Element einer Gameshow fungiert wie in Israel („The Yum Factor“).

          Kann buntes Backwerk die Zukunft der Unterhaltungsshows garantieren? In England unternimmt man mit Back- statt Kochshows einen Versuch.

          Wenn auch nur minimal verschieden, werden diese Formate – etwa auf der gerade laufenden Messe MipTV in Cannes – wieder in alle Welt verkauft. Das gilt auch für all die leicht variierten Datingshows (gern immer noch nackt) und all die neueren Sozialexperimente von „Utopia“ über „10000 BC“, „Anno“, „Throwback“ bis zur Robinsonade „Extreme Love“, bei der zehn Männer in selbstgebauten Hütten auf einer Insel hausen und um die hübsche Junggesellin in der Luxusvilla buhlen. Fast alle Lebensbereiche scheinen showtechnisch aufgebraucht zu sein. Selbst die Restbestände werden nun bewirtschaftet, so etwa Familienbande: Bei der neuen englischen Abenteuershow „50 Ways To Kill Your Mammy“ springen Siebzigjährige an der Seite ihrer Söhne mit dem Fallschirm in Krokodilreservate ab, in der israelischen Produktion „Tied To Mom“ muss man drei Tage angekettet an Mutti überleben. Hunderte zum Verwechseln ähnliche Formate werden zurzeit in einzelnen Märkten getestet. Es ist ein Graus.

          Horror im Unterhaltungsfernsehen

          In Deutschland sind die öffentlich-rechtlichen Sender besonders stark, aber die Situation ist kaum besser. Allenfalls kleine Satiresendungen wie diejenigen von Jan Böhmermann oder Carolin Kebekus galten in Köln noch als zukunftsträchtig. Doch Schlüpf-Shows, bei denen man auf Eier in Brutkästen starrt, oder die – inzwischen mehrfach kopierte – Mitmach-Ratesendung „Quizduell“ wollte im Jahr eins nach „Wetten, dass..?“ niemandem als wirklicher Befreiungsschlag erscheinen, als der anarchische Durchmarsch, auf den alle warten. So blieb das Eingangsstatement der Fernsehkritikerin Klaudia Wick, man sei „am Ende einer Sackgasse“ angekommen, unwidersprochen.

          Es sieht düster aus für das Fernsehen: Kleine Satireshows, wie die von Jan Böhmermann, könnten jedoch eine Zukunft haben.

          Der aus London angereiste Chief Creative Officer von Sony Pictures Television, Wayne Garvie (Erfinder von „Strictly Come Dancing“), präzisierte, die Zeit der Talentshows sei definitiv vorüber. Was die Sony-Tochter an deren Stelle zu setzen hat, sah allerdings recht mager aus: eine Abenteuer-Spielshow namens „Prized Apart“, an der neben den Abenteurern die Angehörigen zu Hause teilnehmen, oder die mit Horrorelementen aufgepeppte Spielshow „Release The Hounds“, in der Hunde die Teilnehmer durch den Wald jagen. Ein neuer „X Factor“-Erfolg werde das kaum werden, räumte Garvie ein. Das Lustigste, aber auch Zynischste aus dem Sony-Portfolio war das Web-Format „Man Vs. Fly“, das nun zur Fernsehshow aufgeblasen wird: Kurios verkleidete Spieler müssen so schnell wie möglich eine Stubenfliege töten, was wie ein Boxkampf kommentiert wird.

          Keine Bluttransfusion aus dem Internet

          Viel mehr hat aber auch das früher als Kreativitätsmotor angehimmelte Netz offenbar nicht zu bieten: Die meisten Youtube-Shows oder das Snapchat-Format „Snapper-Hero“ sind doch allzu kümmerlich. Immer weiter breitet sich zudem „Branded Entertainment“ aus, von Grill-, Auto- oder Kosmetikherstellern bestellte Werbespots im Showformat. Was die Londoner „Kissinger Twins“ in Köln präsentierten, interaktive Filmchen im Retro-Look, fällt dagegen klar in den Bereich Kunst. Nichts davon lässt sich als Bluttransfusion für das Fernsehen brauchen.

          Auch aus dem Netz kommen derzeit keine Impulse, die man für das Fernsehen verwenden könnte.

          Die für den Entertainmentbereich zuständigen Verantwortlichen der führenden deutschen Privatsender – Markus Küttner für RTL und Taco Ketelaar für Sat.1 – waren sich denn auch darin einig, dass „das nächste große Ding“ auf sich warten lasse. Ketelaar wollte die mageren Quoten für „Newtopia“ – eine Art „Big Brother“ im Matsch – nicht schönreden. Er schob die Verantwortung indirekt auf einfallslose Produzenten, von denen Sat.1 durch mehr Eigenproduktionen unabhängiger werden müsse. (Inzwischen hat Sat.1 mit „Newtopia“ ein ganz neues Problem – den Verdacht, dass hier alles doch nur gestellt ist, siehe nebenstehender Artikel).

          Hauptsache, es läuft irgendwie

          Küttner, dessen Redaktion gerade irrsinnig innovativ auf das „Sommer-Dschungelcamp“ setzt, hielt marktwirtschaftliches Kalkül dagegen. Es sei zwar „definitiv nachvollziehbar“, wenn aus Kritiker- oder Zuschauerperspektive verlangt werde, „die alten Zöpfe abzuschneiden“, aber man müsse doch verstehen, dass Privatsender bis zuletzt an allem festhielten, was noch einigermaßen laufe. Neue Köpfe seien eben noch kein Wert an sich: Die Quoten des Böhmermann-Versuchs bei RTL („Was wäre wenn?“) könnten leider nur als „verheerend“ bezeichnet werden. Immerhin, so darf man ergänzen, hat die Absetzung der Sendung mit „Zu dumm für RTL“ zu einem der besten Musikparodie-Clips aller Zeiten geführt.

          Ob man „Wetten, dass..?“ bei immerhin noch an die sieben Millionen Zuschauern vielleicht zu schnell abgeschossen habe, wollte Thorsten Haas, Leiter des Bereichs Entwicklung in der Hauptredaktion Show des ZDF, so direkt nicht beantworten, aber er räumte ein, dass ein Ersatz nicht in Sicht sei. Auch die neue ZDF-Primetime-Show „1000 – Wer ist die Nummer 1?“, in der Johannes B. Kerner tausend Kandidaten gegeneinander antreten lässt, werde eine vergleichbare Strahlkraft wohl nicht entwickeln. Oliver Fuchs, nach den Manipulationen bei „Deutschlands Beste!“ im vergangenen Juli als ZDF-Unterhaltungschef zurückgetreten und heute die von ARD-Töchtern mitgetragene Bavaria Entertainment leitend, regte angesichts des desolaten Zustands des Showgeschäfts sogar an, generell „die Primetime fiktional bespielen zu lassen“ („ist ja auch Unterhaltung“) und Shows eher an den Sendezeiträndern anzusiedeln. Tatsächlich fiel auf, dass der einzige Trailer, der auf dem Showgipfel Applaus erhielt, eine von Wayne Garvie eingeschmuggelte Serienankündigung war: Sony Pictures Television produziert vorerst zwanzig (bei Erfolg sechzig) Folgen der Serie „The Crown“ über die Beziehungen der englischen Königin zu „ihren“ Premierministern für Netflix.

          Unwürdiges Unterhaltungsgewürge

          Was sagen die freien Produzenten zu alledem? Marcus Wolter, der Chef des Giganten Endemol Shine Germany, stemmte sich als Einziger gegen die Trauergesänge: „Wenn ich so die Diskussion höre, habe ich das Gefühl, es müssten gleich Taschentücher verteilt werden.“ Sein Unternehmen lebe famos von zielgruppenoptimierten kleinen Shows, ohne unbedingt auf die nächste große Samstagabendsendung hinauszuwollen.

          „Popstars“ gehört zu den Dinosauriern der Castingshows und RTL II gibt die Hoffnung auf eine erfolgreiche Reanimation noch nicht auf.

          Ralf Günther, der Geschäftsführer von Brainpool, sah den Zustand kritischer. Zunächst einmal kämen die wichtigsten Produktionen aus dem eigenen Haus „allmählich in die Phase, wo die Formate auslaufen könnten“: Anke Engelkes „Ladykracher“ ist bereits gestoppt, aber auch Stefan Raabs „TV total“ oder Bastian Pastewkas „Pastewka“ seien nicht mehr ganz frisch. Es gebe aber noch ein ganz anderes Problem: Brainpool baue mittels der kleinen Liveshow „Nightwash“ zwar neue Comedians auf, aber viele von ihnen seien an einer Fernsehkarriere gar nicht mehr interessiert. Günther stimmte erstaunlicherweise auch der Diagnose vom Ende der Talentshows zu, obwohl sein Haus gerade das Ur-Castingformat „Popstars“ reanimiert. Diese eine Ausnahme wollte er denn auch zugestanden wissen: „,Popstars‘ macht das Licht aus.“ Das wäre doch ein würdiges Ende eines unwürdigen Unterhaltungsgewürges. Aber leider völlig illusorisch. Der Untergang wird lang und schmerzhaft werden.

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