https://www.faz.net/-gqz-a4xqf

„Schatten der Mörder“ im ZDF : Kommt ein New Yorker nach Berlin

Unterwegs in Trümmern: Max (Taylor Kitsch) und seine Kollegin Elsie (Nina Hoss) wagen sich aus der Deckung. Bild: ZDF und Stanislav Honzik

Das ZDF will zeigen, dass es historisches Hauptstadtdrama kann. In der Serie „Schatten der Mörder“, angesiedelt in Berlin 1946, ist die dunkle Vergangenheit vor allem Kulisse.

          4 Min.

          Diese Stadt ist so kaputt, dass es eine Schau ist: Hoch fliegt die Kamera in den virtuellen Raum, wo sich unter einem doppelten Regenbogen das Panorama des zerbombten Berlins ausbreitet, prachtvoll digital simuliert. Auf Bodenniveau rennen oder radeln eine blondgelockte Frau und ein Mann mit Pistolenholster in wilder Hatz durch die mit physischen Kulissen ebenso aufwendig inszenierte Ruinenlandschaft, schreien „Polizei!“, liefern sich Schusswechsel mit Verbrechern, entdecken grauenhaft zugerichtete Mordopfer, werden von einer Prostituierten fast in die Luft gejagt, von Straßenjungen mit Steinen attackiert und von Militärs der Besatzungsmächte brutal drangsaliert: willkommen in der Viermächtestadt anno 1946.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Hier soll der New Yorker Cop Max McLaughlin (gespielt von dem Kanadier Taylor Kitsch) für Ordnung sorgen, will heißen, die winzigste aller deutschen Nachkriegs-Polizeiwachen des amerikanischen Sektors in Kriminalitätsbekämpfung nach Art von Brooklyn schulen. Vollständig entnazifiziert scheint die Truppe zu sein, die sich im Keller eines früheren Bankgebäudes eingerichtet hat. Sie besteht aus mit Stuhl- oder Tischbeinen bewaffneten Trümmerfrauen, dem im Safe – ja, tatsächlich – aufbewahrten jüdischen Nachwuchspolizisten Gad (Maximilian Ehrenreich), ein, zwei Herren am Bildrand und der ermittlungsdienstlich unerfahrenen, aber menschlich sofort über jeden Zweifel erhabenen Anführerin Elsie Garten (Nina Hoss).

          Die Semiologin avant la lettre sieht, wie übrigens alle Figuren bis auf wenige, drastische Ausnahmen, trotz szenisch und verbal beschworener Lebensmittelknappheit wenig kriegserschüttert aus, trägt Garderobe, die mit Tropenhut auch gut in einem Remake von „Jenseits von Afrika“ aussehen würde, und will diese verwüstete Stadt voller verrohter Menschen zu einem besseren Ort machen. Sehnlicher wünscht sie sich nur, dass ihr Mann aus der russischen Kriegsgefangenschaft nach Hause kommt.

          Bei Max McLaughlin, Sohn einer deutschen Mutter, liegen die Dinge komplizierter. Neben Idealismus treibt ihn die Suche nach seinem verschollenen Bruder Moritz (nomen est omen), mit dem ihn eine Familientragödie verbindet, nach Berlin. Als Soldat gehörte Moritz (Logan Marshall-Green) zu den Befreiern von Dachau und wurde zum Rächer. Undercover jagt er davongekommene Täter des nationalsozialistischen Verbrecherregimes und mordet sie hin, jeweils inspiriert von einem der sieben Streiche aus Wilhelm Buschs Lausbubengeschichte „Max und Moritz“. Sein Bruder will ihn aufspüren und stoppen. Oder ihn decken und sich ihm anschließen?

          Sie nennen ihn den „Engelmacher“: Sebastian Koch spielt den Berliner Großgangster.
          Sie nennen ihn den „Engelmacher“: Sebastian Koch spielt den Berliner Großgangster. : Bild: ZDF und Stanislav Honzik

          Jedenfalls gerät alles kreuz und quer durcheinander, als die Untaten des Bruders und zwei von anderer Hand erschlagene GIs konkurrierende Interessen auf den Plan rufen: russische, amerikanische, private. Im Zentrum des Strudels steht, fällt und steht wieder auf eine junge Frau namens Karin (Mala Emde), eines der zahllosen Vergewaltigungsopfer in der Stadt, die sich erst hilfesuchend, dann skrupellos in die Hände des von Sebastian Koch verkörperten Gynäkologen, „Engelmachers“ und Verbrecher- sowie Zuhälterkönigs Hermann Gladow begibt. Nebenbei geht es noch um Raubkunst, und eine elegante Sirene in Gestalt der Gattin (Tuppence Middleton) des stellvertretenden amerikanischen Generalkonsuls räkelt sich in der Bar des Hotels „Berninski“. Ihren ersten Auftritt hat sie in der Sexszene, mit der das Drama eröffnet.

          Man muss das alles einmal gedanklich abschreiten, um ungefähr zu überblicken, was für einen Rummelplatz der unterhaltungsfilmischen Nachkriegszeit-Attraktion die vierteilige Thriller-Serie „Schatten der Mörder – Shadowplay“ in knapp acht Stunden aufbaut. Erdacht, geschrieben und inszeniert von dem Schweden Måns Mårlind, der bei „Die Brücke – Transit in den Tod“ mitgewirkt und den Fantasy-Horrorfilm „Underworld – Awakening“ aufgelegt hat, will die Produktion mit internationaler Beteiligung offensichtlich „Babylon Berlin“ nacheifern, mit Scandi-Noir-Action. Dazu versammelt sie, dass muss man ihr lassen, ein herausragendes Ensemble, dessen Mitglieder sogleich mühelos über die typologisierten Figurenumrisse hinauswachsen.

          Martin Wuttke ist ein viel zu kurzer Auftritt als ungut „guter“ Deutscher vergönnt. Nina Hoss spielt schon in einer einzigen Minute – der, in der Elsie ihren Mann im Lager Sachsenhausen sehen darf – ihr Können aus, als die Kamera von Erik Sohlström nur festhalten muss, wie widerstreitende Emotionen wolkengleich über ihr Gesicht ziehen. Mala Emde festigt als Karin ihre Position als angesagtester weiblicher Jungstar des deutschen Kinos (passend dazu wurde gerade das Antifa-Drama „Und morgen die ganze Welt“ mit Emde in der Hauptrolle in die Vorauswahl für den Auslands-Oscar aufgenommen). Sebastian Koch gibt einen ansprechend abstoßenden Widerling, der in der En-face-Einstellung mit Selbstbekenntnis Richtung Publikum, die Mårlind jeder wichtigen Figur gönnt, den übermächtigen Schatten Götz Georges aus der „Totmacher“ aufruft. Taylor Kitsch schließlich liefert als Bulle von jenseits des Atlantiks solide Wertarbeit ab.

          Aber man muss schon bereit sein, sich ohne historisch beckmesserischen Überernst in diese zusammengeschusterte Story hineinzubegeben. Dass die Amerikaner und die Britin ohne Akzent, da synchronisiert, immer wie zugeschaltet klingen, während die Deutschen mit dem handelsüblichen Icke-woll-wa-Berlinerisch heutige Hallos und Floskeln wie „alles gut“ um sich werfen und die Russen entweder Russisch oder ein stark gefärbtes Deutsch sprechen, verleiht auch nicht gerade Patina.

          Die moralischen Abgründe zwischen Schuld, Sühne und Vergebung nach der Stunde null scheinen zwar jenseits der Schwarz-Weiß-Sortierung auf; aber so offensichtlich auf Schauwerte getrimmt, fallen sie kaum ins Gewicht. Führen uns die Rückenansicht eines abgemagerten KZ-Insassen in einem fast zum Standbild verfestigten Flashback und die Aussicht auf eine lebendig gebratene ehemalige KZ-Wärterin die Shoa angemessen und aufs Neue in ihrer Schrecklichkeit vor Augen? Oder ist das nicht vielmehr Holocaust-Kitsch, der eine von Kolportage-Elementen durchzogene Kriminalstory treibt? Am Ende, wenn eine Mörderin elegisch tanzt, sich Paare finden, Brüder zum Showdown treffen und ein Verbrecher die Wahrheit sagt, bleibt ein Gefühl wie nach der Kirmes zurück mit zu viel Zuckerwatte, Geisterbahn, Karussell und Schießbude: ziemlich erschöpft, ein wenig beklommen in Herz und Magen.

          Schatten der Mörder – Shadowplay startet heute um 20.15 Uhr im ZDF.

          Weitere Themen

          Sie sind sicher, solange sie langweilen

          Die Royals und die Medien : Sie sind sicher, solange sie langweilen

          Monarchie, Medien, Macht: Die zweiteilige BBC-Dokumentation über das britische Königshaus sorgte unter den Royals für Aufregung. In der Familie ging die Befürchtung um, dass unwahre Behauptungen in der Öffentlichkeit verbreitet werden.

          Ökologie ist nicht grün

          Lektionen aus dem Lockdown : Ökologie ist nicht grün

          Es muss ohne „Natur“ und „Umwelt“ gehen: Bruno Latour nutzt wertvolle Lektionen aus dem Lockdown, um eine ganz neue Kartographie unserer Weltverhältnisse einzuüben.

          Topmeldungen

          Vakzin für Skeptiker? Der Impfstoff von Novavax könnte bald in der EU auf den Markt kommen.

          Novavax : Der Impfstoff für Impfskeptiker

          An Impfstoffen gegen das Coronavirus wird weiterhin intensiv geforscht. Der neue Hoffnungsträger von Novavax könnte sogar eine neue Zielgruppe erreichen.

          Zu Gast bei Farage : Trump wirft Johnson „riesigen Fehler“ vor

          Donald Trump ist auf GB News bei Nigel Farage zu Gast. Er ätzt dort über Windräder, Herzogin Meghan und den vermeintlich nach links gerückten britischen Premierminister Boris Johnson.

          Spezialschulen für IT : Russlands Hort für Hochbegabte

          Unter jungen Russen sind IT-Berufe sehr beliebt. Die besten von ihnen werden an Spezialschulen ausgebildet. Die Anforderungen dort sind hart, der Stundenplan eng getaktet. Später verlassen viele Absolventen ihr Land.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.