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Zur Nannen-Preis-Debatte : Ein Stück aus der Welt schneiden

  • -Aktualisiert am

Eine Reportage, was ist das? Die Frage beschäftigt nicht nur die Jury des Nannen-Preises, die eine Volte rückwärts schlug und René Pfister seine Auszeichnung wieder aberkannte. Dabeisein ist für Reporter jedenfalls längst nicht alles.

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          Da die meisten Leser von Zeitungen selbst keine Journalisten sind, kennen sich vielleicht auch die wenigsten von ihnen mit den Gepflogenheiten der Branche aus. Für sie könnte es so ausgesehen haben, als sei vor einigen Tagen in Hamburg ein Journalistenpreis für das Betreten des Hobbykellers von Horst Seehofer vergeben worden, der dann wieder aberkannt werden musste, als sich herausgestellt hatte, dass der ausgezeichnete Journalist gar nicht in diesem Keller gewesen war. Das stimmt so selbstverständlich nicht.

          Der Henri Nannen Preis ist, obwohl noch vergleichsweise neu, der renommierteste deutsche Journalistenpreis. Es gibt ihn seit sieben Jahren. Davor gab es den sogenannten Egon-Erwin-Kisch-Preis, der ebenfalls vom Verlag Gruner & Jahr und seinem Magazin „Stern“ verliehen wurde. Anders als sein Nachfolger wurde er aber nicht als abendfüllende Veranstaltung vor mehr als tausend Gästen im Hamburger Schauspielhaus überreicht, sondern nur vor einem Dutzend Zuschauer in der Lobby des Verlagshauses, und danach ging man noch einen trinken. Der Egon-Erwin-Kisch-Preis zeichnete nur Texte in einer einzigen Kategorie aus, der Reportage.

          Als der Preis dann - bei einer Zeitschrift würde man sagen - gerelauncht wurde, stellte sich offenbar heraus, dass es auch Reportagen gab, die aufdeckerisch wirkten, stärker dokumentierten oder lustig zu lesen waren und ebenfalls Preise verdienten, weshalb für sie die Kategorien Investigation, Dokumentation und Humor geschaffen wurden. Für alle anderen, die das alles nicht waren, gab es immer noch die Kategorie Reportage.

          Einmal Preisträger und zurück: René Pfister (links) musste seinen Henri-Nannen-Preis wieder abgeben

          Was eine Reportage alles nicht ist

          In diesem Jahr nun zeigte sich, dass es Reportagen gibt, die von Situationen und Räumen erzählen, in denen der Journalist selbst nicht gewesen ist, von denen er aber so berichtet, dass man glauben könnte, er habe sie erlebt. Das hatte der „Spiegel“-Reporter René Pfister getan, als er die Eisenbahn im Hobbykeller von Horst Seehofer beschrieb, die ihm zur Spielidee seines Porträts über einen Politiker wurde, der gern am Stellpult steht.

          Die Technik, Begebenheiten so zu beschreiben, als sei man dabei gewesen, obwohl man sie nur recherchiert hat, nennt sich szenische Rekonstruktion, und nach dem Urteil der Jury, die dem „Spiegel“-Reporter seinen Preis wieder aberkannte, ergibt sich auf diese Weise wenigstens keine Reportage. Vielleicht sollte man im nächsten Jahr die Kategorie Szenische Rekonstruktion schaffen, um den Ärger aus diesem Jahr wieder zu glätten. Dann wäre auch genauer festgelegt, was eine Reportage alles nicht ist. Nur, was ist sie dann noch?

          Zehn Reporter, zehn Geschichten

          Für jede journalistische Gattung gibt es Regeln, die aufzuzählen banal wirkt. Ein Kommentar sollte logisch und verständlich sein, eine Nachricht genau und belegt, bei einem Interview bietet es sich an, Fragen zu stellen. Doch das ist auch in einer Reportage nicht verboten, ohne dass aus ihr deshalb ein Kommentar, eine Nachricht oder ein Interview würde. Die Reportage, wie die Handbücher sie lehren, kennt im Grunde nur eine Voraussetzung: dass ihr Autor von etwas erzählt, das er erlebt hat und das ihn also zum Reporter macht.

          Die Idee ist zuerst einmal eine sympathische. Ein Reporter soll raus, auf die Straße, an den Mann, wie es heißt, man könnte auch sagen, in die Wirklichkeit. Er soll den Stoff, über den er schreibt, nicht dem Theater, Kino oder Fernsehen abschauen, in einem Buch lesen oder von einer Platte gehört haben, wo diese Wirklichkeit ja immer schon durch die Hände eines Künstlers gegangen ist. Er soll sich ein eigenes, ein unbearbeitetes Stück aus der Welt schneiden und in die Zeitung tragen. Das ist die Idee, aber dahinter steht schon ein Irrtum. Als ob es so etwas wie eine unverfälschte Wirklichkeit gäbe, die sich finden und dann beobachten ließe.

          Jeder, der schon einmal in einen Verkehrsunfall verwickelt war oder in eine Scheidung, weiß, wie weit die Schilderungen über das, was passiert ist, auseinandergehen können, obwohl sie von Personen gegeben werden, die dabei gewesen sind. Wer zehn Reporter zu einem Ereignis schickt, wird zehn verschiedene Geschichten bekommen. Keine davon muss falsch, jede kann authentisch sein, sogar wahr - wenn man es so groß sagen will -, und trotzdem sind sie alle verschieden. Ausgerechnet derjenige, der dafür bürgen soll, dass sich alles genau so zugetragen hat, wie es geschrieben steht, scheint dafür der schlechteste Zeuge zu sein.

          Man kann die Welt nicht recherchieren

          Das klingt danach, als sei der Reporter das Problem der Reportage, es bedeutet aber nur, dass auch hier dabei sein nicht alles ist. In einer Welt, in der die geheimste Kommandoaktion der amerikanischen Streitkräfte sich darüber ankündigt, dass ein pakistanischer Computeringenieur in Abbottabad über den Kurznachrichtendienst Twitter meldet, dass nachts Hubschrauber über der Stadt kreisen, braucht es mehr. Es braucht die Gegenwart eines Geistes, der sich bewusst ist, dass er nur einen Ausschnitt dessen sieht, was ihm als wirklich vorkommt und der auch nichts anderes von sich behauptet.

          Man kann die Welt nicht recherchieren, die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters. Alles, was man geben kann, ist ein aufrichtiges Bild von ihr. Journalisten vergessen das manchmal, Schriftsteller wissen das. „Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen“, heißt es in Christa Wolfs Roman „Nachdenken über Christa T“.

          Vielleicht wird es Zeit für eine weitere Kategorie: die reporterigste Reportage.

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