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ARD und ZDF beim Kapitol-Sturm : Ja, wo senden sie denn?

Er war nicht immer im Bild: ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen beim Bericht aus Washington. Bild: ZDF

ARD und ZDF hätten den Sturm auf das Kapitol in Washington verschlafen, wird allenthalben kritisiert. Bei genauem Hinsehen zeigt sich: So ganz stimmt das nicht.

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          Wenn sich die Nachrichtenlage überschlägt, sehen unsere öffentlich-rechtlichen Sender in den Augen mancher Beobachter nie gut aus. Blitzen bei CNN „Breaking News“ auf, so die Erwartung, müsse das im Ersten und im Zweiten ganz genauso sein. Doch was läuft da stattdessen? Ein Spielfilm, eine Dokumentation, am Ende gar Unterhaltung.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Historische Beispiele für langsames Reagieren und fehlendes Gespür für den journalistischen Scoop gibt es. Man denke nur an den Fall der Mauer, die Nacht des 9. November 1989, in der die DDR-Grenzer an der Bornholmer Straße in Berlin die Schlagbäume hoben und die Menschen über die innerdeutsche Grenze strömten. „Es ist nicht mehr zu halten. Wir fluten jetzt“, meldete Harald Jäger, einer der beiden Kommandanten an der Bornholmer Straße, seinen Vorgesetzten. Als Erste an Ort und Stelle und auf Sendung waren nicht ARD oder ZDF, sondern ein Team von „Spiegel TV“.

          Am Mittwochabend schien sich die Aufstellung zu wiederholen. Hunderte, Tausende von Trump-Anhängern marschierten ins Kapitol in Washington ein, randalierten, machten Selfies, die Abgeordneten mussten in Sicherheit gebracht werden, bei den Krawallen kamen fünf Menschen ums Leben. Die amerikanischen Sender hatten selbstverständlich kein anderes Thema als den Sturm aufs Kapitol.

          Für die Zuschauer von ARD und ZDF aber drehte sich die Welt etwas langsamer – so sie den ersten oder zweiten Kanal eingeschaltet hatten. „Für immer Sommer 90“ und „Die Liebe des Hans Albers“ gab es in der ARD, „Nord Nord Mord“ und „Balkan-Style“ im ZDF. Hinweise auf die Ereignisse in Washington jedoch fehlten nicht. Sie kamen per eingeblendetem Textband. Auf Sendung zum Thema waren die Öffentlich-Rechtlichen von 20.40 Uhr an zuerst mit dem Kanal, der dafür da ist – Phoenix. Eine Stunde später brachte das Erste eine zehnminütige Extra-Ausgabe der „Tagesthemen“, das ZDF war mit dem „heute journal“ präsent, das mit 8,82 Millionen Zuschauer ein sehr viel größeres Publikum hatte als sonst. Eine Stunde darauf folgte ein „heute journal spezial“, auf der Nachrichtenplattform „zdfheute“ gab es eine einstündige Sondersendung.

          Wer wollte, konnte also erkennen, dass sich die Journalisten der Sender nicht im Tiefschlaf befanden. Man musste nur wissen, wo sie senden. Insofern darf man die Twitter-Nachrichten des früheren ARD-Chefredakteurs Ulrich Deppendorf und des ZDF-Moderators Claus Kleber für erstaunlich halten. Deppendorf bekundete, er verstehe ARD und ZDF nicht mehr, Kleber, der an diesem Abend nicht Dienst hatte, empfahl in dem ihm eigenen Befehlston: „Unfassbare Szenen im US #capitol. #CNN einschalten. Sofort“.

          Wie der Hase in seinem eigenen Sender läuft, muss sich Kleber vielleicht bei Gelegenheit von der stellvertretenden Chefredakteurin Bettina Schausten erklären lassen. Sie verwies darauf, dass man die „neue Informationsplattform ZDFheute intensiv für die Live-Berichterstattung genutzt“ und damit ihres Erachtens „linear und non-linear erstklassige Information geboten“ habe. Das entspreche „der geplanten strategischen Entwicklung der ZDF-Nachrichten“. Warum der Korrespondent Elmar Theveßen in der Sonderausgabe des „heute journals“ nicht im Bild zugeschaltet werden konnte, erklärte Bettina Schausten auch: Demonstranten hatten das Equipment des Drehteams attackiert. So war Theveßen nur am Telefon zu hören. Mit Ersatzausrüstung rückte er später wieder ins Bild.

          Für die ARD meldete sich der Programmdirektor Volker Herres zu Wort, um die internen Abläufe am Mittwochabend zu erklären. Er reagierte am Freitag auf einen mit der knackig-selbstbezüglichen Überschrift „ARD, ZDF und der Angriff aufs Kapitol – Bedingt sendefähig“ versehenen Onlineartikel des „Spiegel“, der davon handelte, dass die zentrale ARD-Nachrichtenredaktion in Hamburg, die für die „Tagesschau“ und die „Tagesthemen“ zuständig ist, den Sendeablauf des Ersten früher habe unterbrechen wollen. Dass das nicht geschah, habe an der Programmdirektion in München gelegen.

          „Dass diese angebliche Aussage anonym ist, verwundert nicht, denn sie ist schlichtweg falsch“, schreibt Herres. „Nach den ersten Meldungen aus Washington gab es eine kontinuierliche Abstimmung mit Marcus Bornheim, Chefredakteur ARD aktuell. Es wurden der Breaking-News-Crawl im laufenden Spielfilm und das ,Tagesthemen extra‘ um 21.45 Uhr verabredet. Wegen der unsicheren Situation in Washington war ARD aktuell erst ab 23.00 Uhr im Ersten sendebereit. Daraufhin wurde der Spielfilm um 23.00 Uhr abgebrochen und in den vorgezogenen ‚Tagesthemen‘ direkt in die US-Hauptstadt geschaltet.“

          Damit wäre die Frage, die der Publizist Dietrich Leder im Fachdienst „Medienkorrespondenz“ stellte, wohl beantwortet – „ob sich ARD und ZDF zuerst für dieses Desaster entschuldigen und dann den Quotenerfolg ihrer zu spät eingesetzten Sondersendungen feiern oder umgekehrt?“

          Die Sender entschuldigen sich nicht, aber sie erklären sich. Und das ist schon einmal ein guter Anfang, die Quotenangeberei beiseite gelassen. Eine gute Fortsetzung wäre, einen wirklichen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender zu schaffen; einen, der diesen Namen verdient und auch nur einen. Einen, auf den die Hauptprogramme im Bedarfsfall sofort verweisen; einen, der nicht erst eine halbe Stunde nach der „Tagesschau“ nach Washington schaltet und bis dahin nicht, wie es Phoenix tat, eine Dokumentation über Elefanten sendet. Und einen für alle, für alle, die gerade ARD oder ZDF oder die dritten oder die Kulturprogramme sehen. Im Augenblick aber haben wir, wofür die öffentlich-rechtlichen Sender nicht nur in dieser Hinsicht stehen: Wildwuchs, ein zersplittertes Angebot mit Phoenix, tagesschau24, ZDFinfo, tagesschau.de und ZDFheute, das davon zeugt, dass es die Sender mit der Strukturreform, die Medienpolitiker aller Couleur seit Jahren fordern und die einen positiven Effekt auf den „Finanzbedarf“ uns die Höhe des Rundfunkbeitrags hätte, nicht wirklich ernst meinen.

          Den Vorschlag gibt es längst, die rheinlandpfälzische Ministerpräsidentin und Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, Malu Dreyer, hat ihn im Frühjahr 2019 schon formuliert und damit gleich die Kritik des Privatsenderverbands Vaunet auf sich gezogen: Es gebe zwei hervorragende private Nachrichtenkanäle (n-tv und „Welt“), da brauche es nicht noch einen öffentlich-rechtlichen. Bei den Ländern jedoch gibt es die Bereitschaft, einen solchen zu beauftragen. Sie müssten es bloß tun. Ihr Plan für eine Reform des Auftrags und der Struktur der Öffentlich-Rechtlichen hängt aber in der Warteschleife, weil sie diesen mit der Überlegung, das System des Rundfunkbeitrags auf ein Indexmodell (also einen Beitrag, der automatisch steigt) umzustellen, verquickt haben. Solange sich das nicht ändert, solange die Sender nicht auf einen aktuellen Kanal für alle verpflichtet sind, wird die Kritik an ARD und ZDF nicht abreißen, auch wenn sie diese nur zum Teil verdient haben.

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