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Dokumentation „The Dissident“ : Der Mord an Jamal Khashoggi und wer ihn befahl

  • -Aktualisiert am

Hatice Cengiz, die Verlobte von Jamal Khashoggi, im EU-Parlament Bild: DCM/Han Way Films

Bryan Fogels Dokumentation „The Dissident“ über die Ermordung Jamal Khashoggis ist wichtig und sehenswert. Doch sie tappt auch in die Falle des True-Crime-Genres.

          4 Min.

          Der perfekte Mord: Unzählige Kriminalromane haben sich an der Idee des ultimativen Verbrechens abgearbeitet. So geschickt die Täter Spuren verwischen, überführen die Kommissare sie fast immer. Wie naiv sich eine solche Perspektive angesichts des wahren Lebens ausnimmt, zeigt der wuchtige Dokumentarfilm „The Dissident“. Denn vieles spricht dafür, dass dem saudischen Kronprinzen Muhammad Bin Salman, genannt „MBS“, ein perfekter (Auftrags-)Mord gelungen ist, mit dem er davonzukommen scheint, obwohl die Indizien, wie selbst die CIA sagt, erdrückend sind.

          Auf eine zynische Weise steigert es die machtpolitische Bedeutung dieser Tat noch, dass der am 2. Oktober 2018 im Istanbuler Konsulat Saudi-Arabiens von ranghohen saudischen Staatsbeamten heimtückisch verübte Mord an dem regimekritischen Journalisten Jamal Khashoggi so schlecht verschleiert wurde. Schon das Kleiderdouble, das türkischen Überwachungskameras suggerieren sollte, Khashoggi habe das Konsulat wieder verlassen, wirkt lachhaft. Dank des türkischen Geheimdienstes liegt eine Tonaufnahme des gesamten Hergangs vor. Die Führung Saudi-Arabiens räumte ein, dass Khashoggi wohl im Konsulat zu Tode gekommen ist, ohne aber die Verantwortung dafür übernehmen zu müssen. Das hat mit Skalierung zu tun: Die zentrale politische Figur eines märchenhaft reichen Landes setzt Recht; ihm unterworfen ist sie nur bedingt. Man darf sich an Walter Benjamins Überlegungen zum „großen Verbrecher“ erinnert fühlen.

          Noch im Rückblick wirkt es beklemmend, wie offen Donald Trump seinerzeit andeutete, über die Beweise gegen das von ihm hofierte Saudi-Arabien hinwegzugehen: „Will anybody really know?“ Um den zahnlosen Protesten durch die Weltgemeinschaft, die durch jüngst von Washington verhängte Einreisebeschränkungen nur unwesentlich verschärft wurden, nicht das Vergessen folgen zu lassen, ist es wichtig, an diese unfassbare Tat, die auch ein feiger Angriff auf die Pressefreiheit war, zu erinnern. Daneben zeichnet der oscarprämierte Regisseur Bryan Fogel den interessanten Weg Khashoggis vom engen Vertrauten zum lautesten Kritiker des saudischen Königshauses nach. Dafür hat er Weggefährten des im Sommer 2017 nach Amerika Emigrierten wie Wadah Khanfar, den Ex-Geschäftsführer des Senders Al Dschazira, interviewt. Keine Frage, Fogel, der zuletzt via Netflix die Dokumentation „Ikarus“ über Doping im Spitzensport vorgelegt hat, versteht sein Handwerk. „The Dissident“ soll Netflix jedoch mit Blick auf den begehrten Markt Saudi-Arabien „zu heiß“ gewesen sein. Nun ist er immerhin über viele Plattformen einzeln beziehbar.

          „Heiß„ ist der Film, weil er die Schuldigen klar benennt. Wenn aus den Abhörprotokollen zitiert wird, die belegen, wie höhnisch sich die für den Mord angereisten fünfzehn saudischen Spezialisten unter der Führung des Agenten Maher Mutreb über ihre Tat auslassen, während sie die Leiche mit einer Knochensäge zerteilen und in später zu vernichtende Beutel geben, erreicht das Dargestellte eine fast surreale Dringlichkeit. Allerdings ist all das spätestens seit dem Untersuchungsbericht von Agnès Callamard, der UN-Sonderberichterstatterin für außergerichtliche, standrechtliche oder willkürliche Hinrichtungen, vom Frühsommer 2019 bekannt. Auch sonst bringt Fogel nur wenige neue Fakten. Dass das Handy von Jeff Bezos – als Eigentümer der „Washington Post“ war er der Arbeitgeber Khashoggis – offenbar mit Hilfe einer Nachricht von MBS gehackt wurde, wissen wir seit mehr als einem Jahr. Das wäre auch kein Problem, würde der raunende Ton des Films nicht unablässig suggerieren, es handele sich um einen investigativen Scoop.

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