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Leonard Nimoy : Der rationale Mönch

Bild: Picture-Alliance

Was hatte es mit der Rolle, die Leonard Nimoy in „Raumschiff Enterprise“ spielte, eigentlich auf sich? Der eisgekühlte Besserwisser, für den ihn alle hielten, war Mr. Spock jedenfalls nicht.

          Leonard Nimoy erging es wie manchen in seinem Fach. Da gibt es eine prägende Rolle, und die wird man nie wieder los. Wobei es in seinem Fall eine Rolle war, die erst dann als Projektionsfläche zum popkulturellen Phänomen wurde, als Nimoy sie ad acta gelegt schien. Doch die bis 1969 gedrehten drei Staffeln der Serie „Star Trek“ wurden so oft und in aller Welt wiederholt, dass sich ein neues Universum auftat. Vierundvierzig Jahre nach dem Ende im Fernsehen lief der zwölfte auf „Raumschiff Enterprise“ fußende Film im Kino. Und in ihm ging es immer noch um Leonard Nimoys Figur: Mr. Spock.

          Halb Vulkanier, halb Mensch ist dieser Spock, unterkühlt, gebildet, mit unfreiwilligem, trockenem Humor. Er ist die Verkörperung der Vernunft, was bedeutet, dass er vor allem Wieso-weshalb-warum-Fragen zur emotionalen Verfasstheit seiner Mitreisenden und all der Lebewesen stellt, denen die Star-Trek-Crew begegnet. Dazu passt, dass er besonders spitze Ohren hat. Doch es geht nicht um Exotismus, sondern um andächtige Sinnsuche. Spock ist ein Asket, ein Ordensbruder der Ratio, wie ihn Spinoza in die Umlaufbahn geschickt hätte. Dass es für die letzten Fragen der Menschheit keine rationale Erklärung gibt, weiß er.

          Zwischendurch wollte Leonard Nimoy nicht mehr Spock sein. 1977 schrieb er das Buch „I Am Not Spock“, 1995 wusste er es besser: „I Am Spock“ kam heraus. Der Schauspieler, der auch als Regisseur, Lyriker und Fotograf hervortrat, hatte seine Mission wieder angenommen, die mit dem von ihm selbst erfundenen Vulkanier-Gruß beginnt: der offenen Hand mit den zu einem V gespreizten Fingern. Das sei „ein geheimer Handschlag“ geworden, sagte Nimoy einmal, mit dem sich „Treckies“ begrüßen. Das Zeichen hat der Schauspieler, der am 26. März 1931 in Boston als Sohn von aus der Ukraine ausgewanderten orthodoxen Juden auf die Welt kam, sich bei einem Gottesdienst in der Synagoge abgeschaut: kein Sieges-, sondern ein Friedenszeichen.

          Kein Wunder, dass Sheldon Cooper, das genial-verquere Superhirn aus der Comedy-Serie „The Big Bang Theory“ außer sich ist, als er eine Serviette mit einem Mundabdruck von Leonard Nimoy (also mit dessen DNA) geschenkt bekommt. Fehlt nur noch eine Eizelle und er kann sich einen Spock züchten. Eine Figur wird unsterblich – zu verdanken ist das vor allem dem, der sie gespielt hat. Am vergangenen Freitag ist Leonard Nimoy im Alter von 83 Jahren gestorben.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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