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Zum Tod von Udo Reiter : Der Freibeuter

Pionier mit Humor: Udo Reiter (1944 bis 2014) Bild: dpa

In Freibeuter-Manier baute Udo Reiter als Intendant einen ganzen Sender auf. Er war ein brillanter Mann mit brillanter Karriere - und ein Pionier mit Humor. Heute ist er im Alter von siebzig Jahren verstorben.

          Udo Reiter hat immer Tacheles geredet. Und so wie er redete, hat er gehandelt. Als Journalist, als Intendant im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und als Mensch. Als Journalist, der sich nicht einem Apparat unterordnete und sich nicht in ein Parteilager einreihte, wie es zu seiner Zeit üblich war. Als Intendant, der in Freibeuter-Manier einen Sender aufbaute. Und als Mensch, der nach einen Unfall querschnittsgelähmt war.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Er machte nie ein Hehl daraus, was er dachte, was er wollte und - lernte man ihn näher kennen - wie es ihm ging. Davon zeugen auch seine Memoiren, die vor zwei Jahren erschienen. „Gestatten, dass ich sitzen bleibe“ ist der Titel, der genau den bitterbösen Witz trifft, der Reiter auszeichnete und mit dem er die größten Krisen ertrug.

          Als Udo Reiter zweiundzwanzig war, schien sein Leben vorbei. Ein Autounfall, eine vernichtende Diagnose. Reiter wollte Pilot werden. Nun studierte er stattdessen Germanistik, Geschichte und Politik, promovierte über „Jakob van Hoddis - Leben und Lyrik“. Und empfand sein Leben doch wieder als sinnlos. Reiter kaufte sich einen Revolver, Marke Smith & Wesson, 38 Spezial und wollte sich erschießen. Doch dann, schreibt Reiter in seinen Memoiren, habe er, als die Pistole vor ihm lag, gemerkt, dass er gar nicht sterben wollte.

          Höflich und witzig-melancholisch

          Die Frage, was das Leben lebenswert macht, wie man es gestaltet, es aushält und wie es zu Ende geht - sie hat Reiter begleitet. „Ich möchte ganz allein entscheiden, wann es so weit ist und ich nicht mehr will. Ohne Bevormundung durch einen Kardinal, einen Ärztepräsidenten oder einen Bundestagsabgeordneten“, schreibt er in seinem Buch. Die entsprechende Passage geht noch weiter und - sie geht ins Detail. Heute liest man sie wie eine Ankündigung. Am Freitag ist Udo Reiter aus dem Leben geschieden. Er wurde siebzig Jahre alt.

          Da Reiter das selbstbestimmte Sterben zum Thema machte, kommt man nicht umhin, dies als den letzten Punkt eine Kampfes zu begreifen. Er kämpfte immer: um Anerkennung, um Zuneigung, um seinen Platz in der Gesellschaft. Und dann darum, dass sich diese mit seinem letzten Thema beschäftigte. Er sorgte dafür, dass sich die ARD damit befasste, er ging auf Podien, in Talkshows, um mit Verve für seine Position zu fechten, die da lautet: Mein Leben gehört mir und mein Tod auch.

          Udo Reiter war ein brillanter Mann, höflich, witzig-melancholisch, gebildet. Er hat eine brillante Karriere gemacht. Beim Bayerischen Rundfunk stieg er bis zum Hörfunkdirektor auf. Er heuerte Thomas Gottschalk für die Jugendwelle des Senders an und baute mit „B 5 aktuell“ das erste Nachrichtenprogramm auf. 1991 wurde er Gründungsintendant des Mitteldeutschen Rundfunks.

          Wiedergeburt ausgeschlossen

          Er fing bei weniger als null an, musste sich mit Stasi- und SED-Altlasten plagen und mit wenig Geld ein Programm auf die Beine stellen. Er nahm sich die Freiheit, Gebühreneinnahmen gewinnbringend, aber nicht ohne Risiko anzulegen. Dem Sender flossen zweistellige Millionenbeträge zu, ein Geschäft schlug mit einem Minus von 2,6 Millionen Euro zu Buche. Das wurde Reiter vorgehalten, obwohl die Bilanz insgesamt positiv war. Dann kam der Skandal um einen korrupten Sportchef, einen Herstellungsleiter des Kinderkanals, der in die eigene Tasche wirtschaftete, und einen Unterhaltungschef, der Produzenten zu seltsamen Überweisungen nötigte.

          Derlei Skandale gab es auch in anderen Sendern, doch verhagelte es Reiter die Ernte, die er eigentlich hätte einfahren dürfen. 2011, nach zwanzig Jahren an der Spitze des MDR, trat er zurück. Im selben Jahr starb seine erste Frau. Was er für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geleistet hat, seine Pionierleistung, sein Mut - das wurde bei seinem Rücktritt nicht vollständig gewürdigt. Mit etwas Abstand wird man es erkennen können: Die ARD hat einen großen Intendanten verloren.Bei einem Besuch mit seiner zweiten Frau, der Schriftstellerin Else Buschheuer, in einem Hare-Krishna-Tempel in New York, schreibt Reiter in seinem Buch, habe er ein Stück „Prasadam“ bekommen: „Das ist ein heiliger Keks, der verhindert, dass man als Hund wiedergeboren wird. Das zumindest ist also ausgeschlossen.“ Mit einem solchen Satz hätte Udo Reiter seinen eigenen Nachruf beendet.

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