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Zum Tod von Traugott Buhre : Federleichtes Schwergewicht

Traugott Buhre, 1929 - 2009 Bild: dpa

Sein Autor hieß Thomas Bernhard, seine Regisseure waren Palitzsch und Peymann. Traugott Buhre bekam die allerbesten Rollen, und die Zuschauer bekamen das Allerbeste, was Theater leisten kann. Jetzt ist der Schauspieler gestorben.

          Sein Autor hieß Thomas Bernhard. Und seine beiden Regisseure waren Palitzsch und Peymann; der erste 1918 geboren, der zweite 1937. Zwischen ihnen lag Traugott Buhre, der am 21. Juni 1929 im ostpreußischen Insterburg zur Welt kam. Beim älteren, dem Brecht-Schüler Peter Palitzsch, spielte der Mime, der zu einem der Größten seiner Zunft werden sollte, seine ersten wichtigen Rollen, als er 1966 ans Staatstheater Stuttgart kam, wo Palitzsch seine Inszenierungen der Shakespeareschen Königsdramen auf die Bühne brachte. 1972 wechselte der Regisseur nach Frankfurt, und Buhre ging mit, als am Main das Theaterexperiment eines ästhetisch-organisatorischen Mitbestimmungsmodells begann. Doch der Solitär Buhre war dafür nicht gemacht; schnell suchte er wieder den Absprung und wechselte zurück nach Stuttgart, wo mittlerweile Claus Peymann seine Zelte aufgeschlagen hatte. Erst unter dem jüngeren Regisseur entwickelte sich Buhre zum Bühnenstar.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Unvergesslich sein Auftritt als Staatsschauspieler Bruscon in Thomas Bernhards „Theatermacher“. Das war 1985 bei den Salzburger Festspielen und natürlich unter Peymanns Regie. Buhre spielte sich die Seele aus dem Leib in der Rolle dieses alten Mannes, der noch einmal einen großen Wurf riskieren wollte, aber dazu in der verlottertsten aller Spielstätten gelandet ist, dem Saal eines Landgasthofes, an dem die Geweihe an den Wänden hängen, der Muff der Bühnengeschichte aus allen Brettern, die das Dorf bedeuten, dampft und niemand versteht, was das Theater sein kann und sein muss.

          Grandioser Polterer

          In diesem Stück wurden Bernhards eigene Erfahrungen mit der dreizehn Jahre zuvor erfolgten Uraufführung von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ verarbeitet, das gleichfalls in Salzburg von Peymann zur Uraufführung gebracht worden war und damals den berühmten Notbeleuchtungs-Skandal ausgelöst hatte, weil der Autor auf vollständiger Dunkelheit bestanden hatte. Das Stück wurde abgesetzt, Bernhard schrieb den Festspielen dreizehn Jahre später seine Rache auf den Leib, und sein geliebter Rächer war Buhre, der hier so grandios zu poltern, zu jammern und zu verzweifeln verstand, dass man glaubte, Salzburg müsse sich fortan für alle Ewigkeit in Grund und Boden schämen.

          In der Erstaufführung von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ war Ulrich Wildgruber in der Hauptrolle des Vaters aufgetreten – jener Schauspieler also, der Traugott Buhre in Physiognomie und Gestus so ähnlich war, dass sie sich immer wieder gegenseitig die besten Rollen streitig machten, gerade in Bernhards Stücken. Und so war es auch nur konsequent, dass Buhre Ende der neunziger Jahre diese einstige Wildgruber-Paraderolle übernahm, unter der Regie Philip Tiedemanns am Berliner Ensemble. Und es passte zur Geschichte des traurigen Bruscon, dass Buhre einmal, im Oktober 2000, einen Vorstellungstermin vergaß, so dass Hermann Beil an diesem Abend die Rolle des Vaters übernehmen musste.

          Das große Paradox

          Doch es passte nicht zu diesem Muster an Pflichtbewusstsein, das Buhre war, der in seiner sechs Jahrzehnte umfassenden Bühnenkarriere immer wieder auch durch die Disziplin beeindruckt hat, mit der er seine Figuren anlegte – seien dies nun ein jüdischer Requisiteur in Peter Turrinis „Schlacht um Wien“, Lessings Nathan, Kleists Dorfrichter Adam oder der Sturmbannführer Höller, noch einmal in einem Bernhard-Stück, in „Vor dem Ruhestand“. Buhre bekam die allerbesten Rollen, und die Zuschauer bekamen das Allerbeste, was Theater leisten kann.

          Noch in diesem Januar spielte er seine letzte Rolle, wieder Thomas Bernhard: den Admiral in dessen Komödie „Immanuel Kant“. Das war in Zürich, denn natürlich rissen sich auch die besten Bühnen um den Mann, der mittlerweile als Theaterlegende gelten durfte. Im Rahmen der Ruhrtriennale hätte er vor zwei Wochen auftreten sollen, noch einmal im „Zerbrochnen Krug“, diesmal als Büttel unter Andrea Breth. Er musste absagen, und damit war die letzte Gelegenheit vorbei, das große Paradox noch einmal zu erleben, das dieser Künstler vorzuführen wusste: Was er bei seinem Auftritt jeweils so schwer aussehen ließ, das machte er sofort federleicht. Nur jetzt macht er uns einmal das Herz schwer, denn in der Nacht auf den vergangenen Sonntag ist Traugott Buhre gestorben, nur einen Monat nach seinem achtzigsten Geburtstag.

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