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Zum Tod von Jupp Darchinger : Bonner Bildermacher

Willy Brandt im Blick: Jupp Darchinger vor einem seiner Porträts des ersten SPD-Kanzlers der Bundesrepublik. Bild: dpa

Als Fotograf der Bonner Republik hielt er Distanz zu den Mächtigen: „Wer zu nah rangeht, sieht zu wenig“. Im Alter von 87 Jahren ist Jupp Darchinger, der Chronist der Nachkriegszeit und des Wirtschaftswunders, nun gestorben.

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          Als Bonn noch Bundeshauptstadt war, hieß es dort: “Wer von Darchinger fotografiert wird, der wird was“. Und oft stimmte das auch. Noch ein spätes und weit entferntes Beispiel bestätigte es. Josef Heinrich Darchinger, der sich rheinisch kurz Jupp nannte, hatte in Rom den Kurienkardinal Joseph Ratzinger porträtiert. „Zum Abschluss der Begegnung habe ich ihm gesagt“, so erzählte er 2009: „Sie werden mal Papst. Dies hat er natürlich von sich gewiesen - aber siehe da, an dem Spruch war was dran.“

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Traurige Koinzidenz: Am Dienstag ist Berthold Beitz gestorben, schon am vergangenen Sonntag, wie erst jetzt bekannt wurde, Jupp Darchinger. Beitz war ein Kapitän des Wirtschaftswunders, Generalbevollmächtigter von Krupp, des lange umsatzstärksten deutschen Unternehmens, Darchinger, geboren 1925 und eine halbe Generation jünger, dessen Chronist.

          Sein 2008 erschienener Band „Wirtschaftswunder. Deutschland nach dem Krieg 1952 - 1967“ dokumentiert es in dichten, den wachsenden Wohlstand in allen Facetten des Alltags erfassenden Fotos: Feierabend vor Gummibaum und Musiktruhe, eine rollerfahrende Rasselbande in Lederhosen vor dem Bonbonautomaten, mopedreitende Halbstarke mit Elvistolle, Urlaub im Strandkorb auf Norderney, das Wochenbad im Waschzuber vor dem Küchenherd. Ein Fundus des kollektiven Gedächtnisses, jedes Bild löst Erinnerungen aus.

          Leica Illa, drei Objektive, tausend Mark

          Aber sein Revier war Bonn, die politische Bühne. Mit siebzehn im Reichsarbeitsdienst eingesetzt, wurde Darchinger 1943 zur Wehrmacht einberufen, im Krieg schwer verwundet und in französische Gefangenschaft genommen. 1947 kam er zurück in seine Heimatstadt Bonn, lernte Fotolaborant, kaufte sich 1949 die erste Kamera - „eine Leica IIIa, mit drei Objektiven, für 1000 Mark“ - und legte los.

          „Gewartet hat damals keiner auf mich. Ich musste mich ein bisschen reinschleichen“, doch mit seiner Bildsprache - „weg vom steifen Shakehands-Bild“ - löckte er wider den Zeitgeist und fand schnell Abnehmer. 1952 machte er sich selbständig, 1964 wurde er Fotokorrespondent bei „Spiegel“ und „Zeit“, reiste mit Willy Brandt nach Moskau und mit Helmut Schmidt in die DDR. Doch statt 1981 in Güstrow in die Ernst-Barlach-Gedenkstätte mitzugehen, wartete er fünf Stunden auf dem kalten Bahnsteig auf sein Foto: Als Honecker (Pelzmütze) dem Kanzler (Prinz-Heinrich-Mütze) ein Hustenbonbon ins Zugabteil reicht, drückt er ab.

          Für die SPD hat Darchinger auch Farbfotos für Wahlplakate und Dia-Shows gemacht, mit Ollenhauer, Brandt und Schmidt konnte er besser als mit Kohl, der ihm einmal unterstellt hat, ihn im Auftrag des „Spiegel“ unvorteilhaft zu fotografieren. Dabei hat Darchinger immer auf Distanz geachtet: „Wer zu nah rangeht, sieht zu wenig.“ Mit der Verlegung der Hauptstadt nach Berlin hat er sich allmählich aus dem politischen Geschäft zurückgezogen, der Großteil seines Archivs - 1,6 Millionen Negative, 60 000 Positive und 30 000 Dias - hat die Friedrich-Ebert-Stiftung übernommen. In Bonn ist Jupp Darchinger kurz vor seinem achtundachtzigsten Geburtstag gestorben.

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