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Zum Tod von Jürgen Leinemann : Ein Porträtist der Macht

Jürgen Leinemann, 10. Mai 1937 bis 10. November 2013 Bild: dpa

Seit Heinemann und Brandt dürfte es keinen Politiker von zumindest einigem Rang geben, über den er nicht geschrieben hätte: Zum Tode des Journalisten Jürgen Leinemann.

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          Sein Journalistenleben währte fast ein halbes Jahrhundert lang. 1964 kam der gerade in Germanistik und Geschichte staatsexaminierte Jürgen Leinemann zur Deutschen Presse-Agentur nach West-Berlin, erlernte zunächst dort und danach im Hamburger Büro das Nachrichtenhandwerk, ehe man ihn 1968 als politischen Korrespondenten nach Washington schickte. Die letzte Phase von Lyndon B. Johnsons Präsidentschaft erlebte er gerade noch mit - im umfassenden Sinne prägend aber wurden für ihn der Aufstieg und der Fall von Richard Nixon. An diesem Präsidenten schulte er seine Urteilskraft, aus der Beobachtung dieses Politikers erwuchs jene spezifische Art der Menschenschilderung, die ihn, inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt, von Mitte der siebziger Jahre an zum Porträtisten der Bonner, später auch der Berliner Republik prädestinierte.

          Jochen Hieber
          (hie.), Freier Autor

          Ausschlaggebend war dafür im Jahr 1971 auch der mediale Wechsel vom Nachrichtenmann zum Magazinreporter: Als „Leinemann vom Spiegel“‘ sollte er zur Marke seiner selbst werden, in dieser Rolle erst konnte er faktisches Berichten mit subjektiv gefärbten Bemerkungen zu Gestik und Mimik, zu Rhetorik, Maske und Wesenheit der politisch Mächtigen verbinden. Seit Gustav Heinemann und Willy Brandt dürfte es buchstäblich keinen Politiker und keine Politikerin von zumindest einigem Rang geben, über die er nicht geschrieben hätte. Über jene, die ihm jedenfalls zeitweise besonders nah waren - Johannes Rau etwa und Gerhard Schröder - oder die sein journalistisches Gespür für besonders paradigmatisch hielt - Karl Carstens oder Helmut Kohl -, hat er über die Jahrzehnte hinweg dann auch einige Bücher publiziert, die sich vom Material der „Spiegel“-Reportagen nährten.

          Das Leben, ein Ernstfall

          Von der Tagesaktualität nur bedingt diktieren ließ sich Leinemann hingegen den Bestseller „Höhenrausch“ (2004), in dem er Politik als Sucht und Politiker als die Getriebenen ihrer eigenen und oft nur vermeintlichen Bedeutsamkeit schilderte. In Sachen Sucht wusste er nur zu gut Bescheid - seine Arbeitswut, seine Unfähigkeit, abschalten zu können, und seine Versagensangst hatten ihn bis Mitte der siebziger Jahre zum Alkoholiker werden lassen und fast in den Suizid getrieben. Eine ebenso herbe wie erfolgreiche Therapie schloss sich an. Im späten Rückblick hat Jürgen Leinemann auch darüber noch einmal geschrieben. In erster Linie jedoch erzählt die autobiographische Schrift „Das Leben ist der Ernstfall“ (2009) von der Krebserkrankung, die ihn kurz nach seiner Pensionierung ereilte.

          Ein ganz eigenständiges Werk widmete er 1997 der Trainerlegende Sepp Herberger. Seiner Leidenschaft für den Fußball folgend, gelang Leinemann hier das emphatische Porträt eines sehr deutschen Menschen, für den er zunächst gerade wegen des Mitmachens im Nationalsozialismus wenig Sympathie empfand, dessen berufliche Leistung und dessen Charakter ihm während der Recherche und (vor allem) beim Studium von Herbergers peniblen, akkurat in Leitz-Ordnern gesammelten Notizen immer begreiflicher wurden. „Das Leben“, resümierte er, habe Herberger „gewitzt gemacht, listig, schlau, opportunistisch, giftig, bockbeinig“. Aber - und daran ließ der Autor am Ende keinen Zweifel - auch zu einem ganz Großen seines Metiers. Mit 76 Jahren ist der Niedersachse Jürgen Leinemann nun in der Nacht zu Sonntag in seiner Wahlheimat Berlin gestorben.

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