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Zum Tod von Joachim Fuchsberger : Der letzte deutsche Fernseh-Altmeister

  • -Aktualisiert am

Joachim Fuchsberger, 1927 bis 2014 Bild: Picture-Alliance

Moderator, Schauspieler, Schlagertexter - Joachim Fuchsberger war ein Tausendsassa, der die deutsche Fernsehgeschichte prägte. In Männern wie ihm erkennen wir unser Land.

          4 Min.

          „Thoooeeeelke!“ – „Das! War! Spit-ze!“ – „Welches Schweinderl hätten’S denn gern?“: Zu den längst verstummten Schlagworten altbundesrepublikanischer Fernsehunterhaltung kommt nun ein weiteres hinzu: „Blacky“. Joachim Fuchsberger ist im Alter von 87 Jahren gestorben. In ihm verliert die klassische, rundum familienkompatible Fernsehunterhaltung der fünfziger bis achtziger Jahre ihren letzten alten Meister. Frankenfeld, Rosenthal, Thoelke, Lembke, Kulenkampff, Carrell und nun Blacky: alle tot. Ihre Sendungen aber sind so schnell nicht totzukriegen – Quizsendungen und Talkshows, wohin man auch sieht, und doch spürt man, dass sich die alten Formate schon deswegen nicht weiterentwickeln oder einfach nur fortsetzen lassen, weil die Persönlichkeiten dafür fehlen. Das zeigte sich zuletzt an der die Öffentlichkeit ungewöhnlich stark beschäftigenden Zitterpartie um „Wetten, dass..?“

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Von der gesellschaftlichen, das gehobene Bildungsbürgertum indes nur bedingt erreichenden Bindekraft jener Sendungen aus dem Drei-Programme-Zeitalter kann man sich heute kaum noch einen Begriff machen. Joachim Fuchsberger stieß mit seinem Ratespiel „Auf los geht’s los“, das eine Art großangelegtes, durchaus anspruchsvolles Scrabble war und die Kopfarbeit erheblich forderte, 1977 als Jüngster in die Phalanx der Giganten vor, die ihre beste Zeit damals fast schon hinter sich hatten. Neun Jahre lang, bis in die Zeit des Privatfernsehens hinein, moderierte er es, ein Mann in den, wie man damals sagte: besten Jahren, schlagfertig, charmant, ein wenig selbstgefällig und körperlich agiler als die meisten Kollegen. Legendär die Sendung 1983, die er nach einer verlorenen Wette bei „Wetten, dass ..?“, im Nachthemd absolvierte.

          Der dezente, zum Teil aber auch klamaukige Tanz aus der Reihe, der schon damals zum Anforderungsprofil gehörte, lag ihm. Wie Kulenkampff und Carrell hielt er lässig die Balance zwischen den latent unverschämten, aber selten verletzenden Frotzeleien, denen seine Gäste ausgesetzt waren, und einer noch heute angenehm berührenden Höflichkeit. Zwischen der Prominenz, die in unglaublicher Zahl und Güteklasse bei ihm vorbeischaute, und sogenannten normalen Leuten machte er dabei keinen erkennbaren Unterschied. Und wie seine Kollegen konnte er noch darauf bauen, dass seine Gäste und Zuschauer mit einem bildungsbürgerlichen Kanon, mit dem Imperativ des „So etwas weiß man doch!“ noch etwas anfangen konnten. Das gab dem Moderator von vornherein Sicherheit, der es nicht nötig hatte, auf allzu private Plaudereien auszuweichen oder, wie inzwischen üblich, mit seinem Namen eine Sendung zu betiteln – Alltagsparolen reichten damals völlig aus: „Einer wird gewinnen“, „Dalli Dalli“, „Am laufenden Band“ und eben „Auf los geht’s los“. In der Kunst der gepflegten, den Gesprächspartner manchmal aber auch überfallartig bloßstellenden Unterhaltung wurde Fuchsberger nur noch von Hans-Joachim Kulenkampff übertroffen.

          Man meint heute, es komme auf das Format, auf das Konzept einer Sendung an. Fuchsberger wusste vermutlich, dass dafür Persönlichkeit mindestens genauso wichtig ist, und kam dieser Anforderung mit leichtfüßiger Selbstreflexivität nach. Sich selbst zum Thema der Unterhaltung zu machen, dazu war er sich nicht zu schade. Das wirkte auf allzu zugeknöpfte Zuschauer eitel – was es natürlich auch war –; im Grunde aber bewies er damit Nehmerqualitäten, die in seltsamem Kontrast zu seinem jahrzehntelang blendenden Aussehen standen.

          Heikle Mission: Bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele 1972 in München war Joachim Fuchsberger Stadionsprecher Bilderstrecke

          Die hatte er auch nötig. Noch gar nicht volljährig, überstand der Fallschirmspringer seine späten Ostfront-Einsätze, geriet aber in Gefangenschaft. Der noch nicht Dreißigjährige, der beim Bayerischen Rundfunk ein vorzüglicher Sprecher war, glänzte 1954 als geschmeidiger Gefreiter in der Hans-Hellmut-Kirst-Verfilmung „08/15“ und zeigte, dass er es mit Altersgenossen wie Hansjörg Felmy, Claus Biederstaedt und Walter Giller, ebenfalls typischen Wirtschaftswunder-Sympathieträgern, aufnehmen konnte. Ende der Sechziger stand er vor dem Ruin, nachdem seine Immobilienfirma Bankrott gemacht hatte. Mit der Zähigkeit der Flakhelfer-Generation arbeitete er sich, eisern unterstützt von seiner zweiten Frau, wieder hoch. Ende der siebziger Jahre wäre er fast an Hepatitis B gestorben, nachdem er von einem dieser Schimpansen gebissen worden war, die er regelmäßig mit ins Fernsehen nahm. Den Greis erschütterte schließlich, 2010, der Tod seines einzigen Sohnes Thomas, für den er ein Buch zu Ende schrieb.

          Joachim Fuchsbergers eigentliche Zeit waren die sechziger und siebziger Jahre. Die verlässlichen, dosiertes Charisma verströmenden, ja, fast schon irgendwie angelsächsisch anmutenden Detektive und Inspektoren, die er in den Edgar-Wallace-Filmen zumeist unter Alfred Vohrer gab, machten ihn berühmt. Bei der gelungenen Parodie und Hommage „Neues vom Wixxer“ spielte er 2007, im Zeitalter der unterschiedlichsten „Kulte“, sogar noch und absolut anstandslos mit. Perfekt gab er 1973 den Latein-Lehrer in der allerdings zeittypisch anspruchslosen Kästner-Verfilmung „Ein fliegendes Klassenzimmer“.

          Nerven bewahrte er 1972 als Münchner Olympiastadion-Sprecher, der von den Veranstaltern mit einem Attentatsgerücht konfrontiert und dann damit alleingelassen wurde: Ein Flugzeug, hieß es, steuere auf die Spielstätte zu. Man überließ es Fuchsberger, mit einer entsprechenden Durchsage für sofortige Evakuierung oder eben eine Massenpanik zu sorgen. Er sagte nichts, und nichts passierte.

          1980 riss er die zunächst von verschiedenen Moderatoren bestrittene Talksendung „Heut’ abend“ für immerhin elf Jahre an sich, die wie für ihn erfunden schien: Vor dem schlicht-schwarzen, fast kinohaften Bühnenhintergrund leuchtete sein Silberhaar geradezu wie das Licht der Erkenntnis. Dem Publikum gefiel die in der Regel unkritisch-zugewandte, nach wie vor Pfeife schmauchend absolvierte Befragung prominenter Zeitgenossen; journalistisch strengere Zuschauer beanstandeten eine gewisse Seichtheit und ein Übermaß an Einfühlung. Ähnliches musste sich Alfred Biolek auch immer wieder anhören.

          Fuchsberger reagierte dünnhäutig auf Kritik. Dass er sich davon nicht unterkriegen ließ, lag vermutlich auch an seiner breiten Aufstellung. Als Tausendsassa, der sogar Schlager texten konnte (für Udo Jürgens und Howard Carpendale), war er auf keine Unterhaltungssparte dauerhaft angewiesen. Er konnte sehr vieles und war in manchem sogar der Erste, etwa als deutscher Unicef-Botschafter. Aber er war auf keinem Gebiet ein Genie – der Preis wohl (oder die Voraussetzung?) für eine in dieser Form vermutlich nicht mehr zu erzielende Breitenwirkung. Mit der Zeit wuchs er in die Rolle der, sterblichkeitsbedingt, immer wertvolleren, auskunftsfreudigen Zeitzeugen hinein. Man soll das Fernsehen deshalb auch nicht schmähen: An Männern wie Fuchsberger kann, wer es mit intellektuellen Debatten nicht so hat, die Geschichte der Bundesrepublik auch nachvollziehen. Nicht nur deswegen wird Joachim „Blacky“ Fuchsberger das bleiben, was man früher „unvergessen“ nannte.

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