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Zum Tod von Jean-Luc Delarue : Talkshow und Tragödie, Kokain und Krebs

Jean-Luc Delarue (1964 - 2012) Bild: dpa

Jean-Luc Delarue war ein Arbeitsalkoholiker im doppelten Sinn, das „enfant terrible“ des französischen Fernsehens und sein Darling. Er starb im Alter von 48 Jahren.

          Täglich brauchte er seine Dosis. Nicht nur Kokain. Jean-Luc Delarue war süchtig: nach Geld, Erfolg, dem Licht der Scheinwerfer. Er war abhängig von den Einschaltquoten, die ihn in einsame Höhen katapultiert hatten, und von ein paar Dealern, die ihm den Stoff besorgten. Und er war ein Arbeitsalkoholiker – im doppelten Sinne.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Als er vor neun Monaten an Krebs erkrankte, teilte er dies der Öffentlichkeit im Fernsehen mit. Eine eigene Sendung hatte er nicht mehr: sie wurde ihm wegen seiner Kokain-Abhängigkeit, für die er von einem Gericht verurteilt worden war, weggenommen. Am Freitag starb Jean-Luc Delarue im Alter von 48 Jahren. Er hinterlässt einen kleinen Sohn und hat angesichts des Todes, der längst eine Gewissheit war, kürzlich seine letzte Lebenspartnerin geheiratet, die auch gar nicht die Mutter seines Kindes ist.

          Eine Generation, die auch das Geschäftliche im Blick behielt

          Länger als ein paar Monate hielt es keine bei ihm aus. Stabil war nur seine Beziehung zu den Zuschauern, die ihn nach jeder Tragödie noch ein bisschen mehr liebten. Die französische Fernsehfamilie weint: Jean-Luc Delarue war ihr idealer Schwiegersohn und der unangepasste verstoßene Sohn, das Genie und der Versager, der ungebildete Schönredner und der Vermittler von Kultur, der ein hochentwickeltes Gespürt für Themen hatte und auch die richtigen Fragen stellte. Sein Universum und sein Horizont war die französische, die etwas geistreichere Variante der Talkshow.

          Er kam aus der Werbung und wurde Journalist – Radio und TV-Journalist. Jean-Luc Delarue machte eine steile Karriere. Er war bei Europe 1, Canal+ und erreichte mit der Sendung „Ça se discute“ jeweils zwischen drei und vier Millionen Zuschauer. Er gehörte zu den Golden Boys einer neuen Generation, die auch das Geschäftliche nie aus den Augen verlor: Delarue gründete eine Produktionsgesellschaft, die ihn, seine Ideen und seine Sendungen dem privaten und dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen verkaufte. Er prozessierte gegen den Staatssender France 2, als dieser sparen musste und vertragsbrüchig wurde. Teilzeit-Gehälter von zwei Millionen – allerdings noch in alten Franken – waren damals für die mit Gebührengeldern bezahlten Starmoderatoren durchaus die Regel. Heute ist das eine gefühlte halbe Millionen, Minimum.

          Sein Abstieg hatte schon begonnen

          Skandale und Affären haben seinen Weg nach oben begleitet. In einem Flugzeug belästigte er die Hostess – und redete darüber im Fernsehen: Er stilisierte sich selber zum „gestressten Zeitgenossen“ hoch. Vor weniger als zwei Jahren wurde er verhaftet und ins Gefängnis gesteckt – der Prozess hat seine Einsamkeit und andere Details aus seinem Leben öffentlich gemacht. Zur Wiedergutmachung tingelte er mit seinen Erfahrungen aus dem Drogenentzug durch die Schulen und Talkshows, in seiner eigenen Sendung musste er einer Moderatorin Platz machen. Mehrmals war er verurteilt worden, weil er Sozialabgaben nicht ordentlich verrechnete und bezahlte. Seine Pariser Restaurants machten Pleite. Gesetze und Grenzen schien er nicht zu kennen, jedenfalls übertrat er regelmäßig. Er gab das auf seiner eigenen Homepage genauso wie seine sensationellen Erfolge zu Protokoll.

          Noch Ende letzten Jahres, vor dem Ausbruch seiner Krankheit, verdiente er laut „L’Express“ mehr als 40.000 Euro monatlich, und sein von null aufgebautes Vermögen soll noch immer mehr als dreißig Millionen betragen haben. Sein Abstieg hatte schon vor dem Ausbruch seiner Krankheit begonnen – begleitet von zynischen Kommentaren voller Schadenfreude. Die Krankheit hat sie zu stoppen vermocht. An diesem Freitag wurde die Nachricht seines Todes bekannt.

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