https://www.faz.net/-gqz-9vqep

Dietrich Schwarzkopf gestorben : Vordenker des Rundfunks

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Dietrich Schwarzkopf war im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein Mann der ersten Stunde. Er hatte Sinn fürs Historische, hintergründigen Humor – und blickte voraus. Nun ist der frühere ARD-Programmdirektor im Alter von 92 Jahren gestorben.

          2 Min.

          Trimedial – was in den letzten Jahren als Schlagwort der Medienentwicklung Karriere gemacht hat, ist für manche Journalistenbiographie ein alter Hut. Dietrich Schwarzkopf hat in seinem Leben für alle Medienarten gearbeitet. Geboren am 4. April 1927 in Stolp (Pommern), begann er bald nach Kriegsende beim „Tagesspiegel“ in Berlin, zunächst als Archivar, dann, von 1952 an, als Redaktionsmitglied. Nach drei Jahren schickte ihn das Blatt als politischen Korrespondenten nach Bonn, wo er als eines der jüngsten Mitglieder in Adenauers Teerunde schnell Zugang zu den „gut informierten Kreisen“ fand.

          1962 wechselte Schwarzkopf zum Hörfunk und wurde beim Deutschlandfunk Leiter des Bonner Büros. In der neuen Spätausgabe der „Tagesschau“ sprach er am 30. Juni 1964 den ersten Kommentar. Zwei Jahre darauf ein abermaliger Medienwechsel, diesmal zum NDR nach Hamburg, zunächst als Programmdirektor des Fernsehens, dann als stellvertretender Intendant. Schließlich führte ihn der Berufsweg nach München, wo er eineinhalb Jahrzehnte das Gemeinschaftsprogramm der ARD koordinierte und mitgestaltete.

          In dieser Zeit waren vor allem seine diplomatischen Fähigkeiten gefragt, um zwischen den föderalen Eigenheiten und Egoismen der Landesrundfunkanstalten einen Konsens herzustellen. „Alle Reden Durcheinander“ – nicht zufällig wird das Kürzel des Senderverbunds so buchstabiert. Die aufkommende Konkurrenz der Privatsender, die zunächst unterschätzt wurde, zwang den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, eine neue Balance zwischen Anspruch und Akzeptanz zu finden. In vielen Vorträgen und Veröffentlichungen profilierte sich Dietrich Schwarzkopf als Vordenker des öffentlichen Rundfunks, der nach seiner Überzeugung neben der gesetzlich verordneten Grundversorgung ein „unverwechselbares, durch Vielfalt und Originalität zugleich geprägtes ‚Profil in der Menge’“ entwickelt muss. Immer wieder reflektierte er über das Verhältnis von Politik, Gesellschaft und Medien.

          Schon als Schüler war Geschichte sein Lieblingsfach, und das historische Interesse blieb bis ins hohe Alter. Als langjähriger Vorsitzender der Historischen Kommission der ARD hat er ein zweibändiges Standardwerk zur „Rundfunkpolitik in Deutschland“ und eine Studie zu den rundfunkpolitischen Strategien der Stasi herausgegeben. Unter seinen vielen Aktivitäten ist nicht zuletzt der jahrzehntelange erfolgreiche Einsatz als Vorsitzender des Trägervereins der Deutschen Journalistenschule in München zu nennen.

          Schwarzkopf war alteuropäisch gebildet und vielseitig interessiert. Und er war polyglott, was für seine internationalen Ämter, etwa als Vizepräsident von Arte, sehr nützlich war. Die Neugier war ein zentraler Antrieb seines Lebens. Bemerkenswert auch seine Ironiekompetenz und sein Sinn für Satire und tiefere Bedeutung. Seine Beiträge für das „Jahrbuch für Marginalistik“ – etwa über die Rechtsnatur der Strandburg und über die ethischen Probleme des Zwergenweitwurfs – zeugen von souveränem Humor und sind ein Geheimtipp.

          Das Engagement Dietrich Schwarzkopfs als Journalist und Medienmanager wurde mit diversen Auszeichnungen gewürdigt, darunter die „Besondere Ehrung“ des Grimme-Preises. Am eindrucksvollsten war wohl die Verleihung des Päpstlichen Silvesterordens, von der er gern erzählte. Sie ist mit dem Privileg verbunden, in Prachtuniform und mit Schwert die Treppen zum Petersdom hinaufreiten zu dürfen. Weil dem Ordensträger neben den beiden genannten Voraussetzungen auch ein Pferd fehlte, konnte er von diesem Privileg nie Gebrauch machen. Am Dienstag ist er im Alter von 92 Jahren gestorben.

          Weitere Themen

          Plädoyer in eigener Sache

          „Medea“ in München : Plädoyer in eigener Sache

          Der Chor fragt schon nach dem Recht der Frauen: Am Münchner Residenztheater inszeniert Karin Henkel „Medea“ nach Euripides. Carolin Conrad verkörpert die antike Kindsmörderin als geächtete Frau, die bewusst ins Unglück steuert.

          „The Roads Not Taken“ Video-Seite öffnen

          Kinotrailer : „The Roads Not Taken“

          „The Roads Not Taken“; 2020. Regie: Sally Potter. Darsteller: Javier Bardem, Elle Fanning, Salma Hayek. Start: 30.04.2020.

          Das Ende des Urheberrechts ist nahe

          Medienstaatsvertrag : Das Ende des Urheberrechts ist nahe

          Der von den Ländern kürzlich beschlossene Medienstaatsvertrag gilt als große Sache: Endlich würden auch die großen Online-Konzerne reguliert. Aber wie? Auf Kosten der Urheber.

          Topmeldungen

          Syrienkonflikt : Drohungen nach allen Seiten

          Der Angriff auf türkische Soldaten mit 33 Toten verschärft drastisch die Spannungen zwischen der Türkei und Russland in Syrien. Bevor es zu einer direkten militärischen Konfrontation zwischen beiden Ländern kommt, stehen ihnen aber noch andere Instrumente zur Verfügung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.