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Zum Tod von David Carr : Arbeiten, bis es vorbei ist

Der Medizinmann der „New York Times“: David Carr war ein unverwüstlicher Advokat seiner Zeitung. Bild: Reuters

Unerschrocken und kompromisslos: David Carr, Medienkolumnist der „New York Times“, war Journalist mit Haut und Haaren. Doch hätte sein Leben einst eine ganz andere Wendung nehmen können.

          3 Min.

          Im Januar 2010 machte die „New York Times“ ihre Internetausgabe kostenpflichtig. Daran knüpfte sich die Hoffnung, das Verhältnis von Ausgaben und Einnahmen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. „Page One“, Andrew Rossis Dokumentarfilm aus dem Innenleben der Zeitung, zeigt, wie David Carr, Autor der wöchentlichen Kolumne „The Media Equation“, mit zweien seiner Kollegen in der Medienredaktion über die historische Entscheidung der Geschäftsführung plaudert. „Du bist darauf angewiesen, dass sie es hinbekommen“, sagt Carr zu Brian Stelter, dem Fernsehfachmann, der von der „Times“ als Einundzwanzigjähriger wegen eines Fernsehblogs angeheuert wurde und inzwischen selbst beim Fernsehen arbeitet. „Du hast noch vierzig Jahre vor dir. Uns beiden dagegen“, sagt Carr zu Richard Pérez-Peña, dem Beobachter der Printbranche, „uns bleiben vielleicht noch fünfzehn Jahre, bis wir geköpft werden.“ Pérez-Peña ist entsetzt über diese im Ton entspannter Heiterkeit vorgetragene Prognose. Er habe noch viel mehr vor, und nach seinem Arbeitsleben solle sein richtiges Leben beginnen. Carr will wissen, wie alt er sei. 46. „Wenn du 62 oder 63 bist, wird Dir jemand auf die Schulter klopfen und sagen: Das war großartig! Vielen Dank für alles. Hier geht’s raus.“

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Statt fünfzehn Jahren waren David Carr, der seit 2002 für die „New York Times“ arbeitete und seit 2008 seine Kolumne schrieb, nur fünf vergönnt. Er starb am Donnerstag im Alter von 58 Jahren. Um kurz vor neun Uhr abends war er an seinem Schreibtisch in der Redaktion zusammengebrochen. Vorher hatte er eine Diskussion mit Laura Poitras, Glenn Greenwald und dem aus Moskau zugeschalteten Edward Snowden moderiert.

          Dem Tod ins Auge gesehen

          Ist der Zeitungsjournalismus ein todgeweihter Beruf? Diese Frage erörterte Carr, mit dessen montäglicher Kolumne nicht nur für Kollegen die Pflichtlektüre der Woche begann, ohne Pathos. Im Laufe seiner Karriere als Chefredakteur alternativer Wochenzeitungen in Minneapolis und Washington und als Autor für „The Atlantic“ und „New York Magazine“ hatte er dem Tod mehrfach ins Auge gesehen, dem nichtmetaphorischen, dem, der allen Metaphern ein Ende macht, als Krebskranker, Alkoholiker und Crack-Abhängiger. Mit seiner heiseren Stimme war Carr auf den Podien von Branchenkongressen und Journalistenschulen, wo junge reiche Gründer von Internetfirmen der alten Tante „Times“ die Euthanasie nahelegten, der unverwüstliche Advokat seines Blattes. Gerne wies er darauf hin, dass der Times Square, das Zentrum einer globalen Unterhaltungswirtschaftskultur des synchronen Dauerflimmerns, nicht ohne Grund nach der „New York Times“ benannt sei.

          Die Plädoyers in eigener Sache waren wirkungsvoll, weil er alle Euphemismen vermied, wenn er in der Kolumne die kritische Lage seines Hauses darstellte, und weil ihm niemand vorwerfen konnte, es an Neugier in Sachen der neuen Erkenntnismöglichkeiten und neuen Vertriebswege fehlen zu lassen, die die neuen Techniken versprechen. Wenn es um die Abschätzung der Chancen angeblich revolutionärer Geräte und Kanäle ging, setzte seine empirische Untersuchung immer beim eigenen Medienkonsum an. Und sehr häufig lautete sein Ergebnis: Es stimmt, die Revolution ist in Gang.

          Entschiedene Loyalität

          Carr kam erst in fortgeschrittenem Berufsalter zur „New York Times“ und empfand für sie deshalb die entschiedene Loyalität des Einwanderers. Alles hätte ganz leicht anders kommen können, sagt Carr in „Page One“ bei einem nächtlichen Spaziergang durch seine Heimatstadt Minneapolis: „Dann wäre ich der da“ - und zeigt auf einen Obdachlosen, der leblos auf einer Bank liegt, und bleibt nicht stehen. Über sein unwahrscheinliches Überleben hat er 2008 ein Erinnerungsbuch geschrieben, mit den Mitteln des investigativen Reporters. Da war doch die vollgedröhnte Nacht gewesen, als ein Kumpel ihn mit einer Schusswaffe bedroht hatte. Carr tat die Zeugen auf, befragte sie und fand heraus: Der Kumpel, der im Kokainrausch mit einer Waffe herumgefuchtelt hatte, war er selbst. „The Night of the Gun“ heißt das Buch.

          Er arbeite bei der „New York Times“, sagt der Regisseur von „Page One“ zum Helden seines Films in einem griechischen Restaurant in Minneapolis. Ob ihm das Zeitungssterben nicht Angst machen müsse? Carrs Antwort: „Ich habe Angst vor Schusswaffen, und ich habe Angst vor Fledermäusen. Sonst habe ich vor nichts Angst. Ich möchte meine Arbeit machen, bis es vorbei ist.“ Die Nachricht von David Carrs Tod verbreitete sich über Twitter und löste eine Flut von Trauerkundgebungen aus. Der Stamm der Zeitungsschreiberlinge hat seinen Medizinmann verloren, die „New York Times“ einen Lesevolkshelden. Die Zeitung hat David Carr überlebt. Was für eine dumme, schreckliche Pointe.

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