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Zum Tod Ulrich Mühes : Der Zarte, der aus der Kälte kommt

So wurde er weltberühmt: Ulrich Mühe vor einem Plakat des Films „Das Leben der Anderen” Bild: dpa

In der Rolle des Stasi-Offiziers in dem Film „Das Leben der Anderen“ wurde er weltberühmt. Da war er als Theater-, Film- und Fernsehdarsteller in Deutschland längst ein Star. Verena Lueken zum Tod des Schauspielers Ulrich Mühe.

          Den Kopf eingeschlossen zwischen Kopfhörern, die großen Augen prüfend und etwas verloren nach oben gerichtet, unterm hochgestellten Kragen der Kordjacke den Krawattenknoten knapp unterhalb des Kinns - derart eingeklemmt wurde das Gesicht von Ulrich Mühe weltberühmt. Es ist das Gesicht, das er als Stasi-Offizier, Verhör- und Abhörspezialist Gerd Wiesler in Florian Henckel von Donnersmarcks Film „Das Leben der Anderen“ trägt, jenem Film, der so sehr seiner war wie der des Regisseurs, der immense Erfolg auch sein Werk, nicht nur als Schauspieler. Denn Donnersmarck kam aus dem Westen und wusste, was er für dieses bis heute bedrückendste Filmporträt der DDR brauchte, aus Berichten von Menschen wie Mühe, seinem engsten Mitarbeiter in diesem Fall.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der war, geboren am 20. Juni 1953 in Grimma in Sachsen, in der DDR aufgewachsen und hatte sie am eigenen Leib erfahren. Magenkrank hat sie ihn gemacht während seines Wehrdiensts als Wachsoldat mit Schießbefehl an der Berliner Mauer, so dass er vorzeitig ausgemustert wurde. Dreißig Jahre später, als es die DDR nicht mehr gibt, zeigt er dann in der Rolle des Wiesler, was dort nach allem, was wir über die Stasi wissen, niemals möglich gewesen wäre: einen Stasi-Mann, der sich verändert, einen, der in die Leben Anderer eindringt, sie vergiftet, verrät, zerstört, bis sich schleichend über die Verliebtheit in eine Frau ein Gewissen in ihm bildet, das ihn ganz anders handeln lässt als erwartet und verlangt, anders, als er es immer tat. Und obwohl wir ahnen, dass dies niemals hätte geschehen können, spüren wir in Mühes Darstellung eine Wahrheit jenseits der historischen. Sein Wiesler wird ein Mensch im Laufe des Films, das ist genug.

          Da war er schon lange kein Unbekannter mehr

          „Das Leben der Anderen“ sei der Film, sagte Mühe einmal, „mit dem man endgültig von der DDR Abschied nehmen kann“. Und als er gefragt wurde, wie er sich auf die Rolle des Wiesler vorbereitet hat, antwortete er erst, er habe versucht, „in die Täterseite reinzukriechen“, und später: „Ich habe mich erinnert.“ Das bezog sich auf den Verdacht, seine ehemalige Frau, die Schauspielerin Jenny Gröllmann, sei IM der Stasi gewesen, Mühe also ein Opfer ähnlich denen, die Gerd Wiesler im Film bespitzelt. Das war, Jahre bevor „Das Leben der Anderen“ in die Kinos kam, ohne großes Medienecho schon einmal behauptet worden. Als Mühe den Verdacht wiederholte, während alle Welt vom „Leben der Anderen“ sprach, durchlief die Geschichte dann sämtliche Stationen der Pressewelt. Frau Gröllmann war damals bereits schwer krank und hat sich gegen diese Vorwürfe bis zu ihrem Tod im August 2006 auch gerichtlich zur Wehr gesetzt und recht bekommen. Ein halbes Jahr nach ihrem Tod hat Mühe eine Unterlassungserklärung unterzeichnet. Es gibt viele, in und jenseits der Film- und Theaterwelt, die diesen Schritt für zu klein hielten und für zu spät.

          An diesem Mittwoch wurde Mühe in Waldbeck beerdigt

          Mühe war, als Donnersmarck ihn in sein Team holte, lange schon kein Unbekannter mehr. Am Theater, wo er 1979 im damaligen Karl-Marx-Stadt seine Schauspielerkarriere begann, bis Heiner Müller ihn drei Jahre später für seine „Macbeth“-Inszenierung an der Volksbühne nach Ost-Berlin holte, hatte er die großen Rollen schon gespielt: den Hamlet in Müllers „Hamlet/Hamletmaschine“, Goethes Clavigo und Ibsens Peer Gynt unter Peymann am Burgtheater in Wien, den Teufel im „Jedermann“ in Salzburg, er hatte mit Zadek Sarah Kanes „Gesäubert“, mit Ostermeier deren „Zerbombt“ auf die Bühne gebracht und mit Luc Bondy Yasmina Rezas „Drei Mal Leben“ in Wien. Er hatte schon selbst ein Stück inszeniert, nämlich Heiner Müllers „Auftrag“ bei den Berliner Festspielen, und er hatte auch schon eine Bühnenpause hinter sich. Denn als die Mauer fiel, machte er mit dem Theater erst mal Schluss. Er war davon überzeugt, dass Kunst subversiv sei. Er wollte, dass sich beim Theater Schauspieler und Zuschauer anstrengen. Und weil er nicht mehr wusste, was für Zuschauer er eigentlich hatte und wie die Gesellschaft funktionierte, in der er nach dem Ende der DDR lebte und in die er sich als Schauspieler einmischen wollte, weil das Theater, wie er es verstand, sich immer ins Gesellschaftliche einmischen sollte, machte er erst mal verstärkt etwas anderes: Fernsehen und Filme.

          Er näherte sich seinen Rollen auf Samtpfötchen

          Dafür, dass er, wie er es nannte, „in die Filmerei so reingerutscht“ sei, ist die Liste der Regisseure, mit denen er gearbeitet hat, ziemlich imposant. Mit Bernhard Wicki drehte er „Das Spinnennetz“, mit Michael Hanecke „Bennys Video“ und „Funny Games“, mit Costa-Gavras „Amen“. Und in mehr als sechzig Folgen der Fernsehserie „Der letzte Zeuge“ war er als Gerichtsmediziner Robert Kolmaar zu sehen, jede Folge ein kleines Kammerspiel, nicht immer gelungen, aber von Mühe immer vor der Peinlichkeit gerettet. Ein Meister der subtilen psychischen Vivisektion sei diese Figur, ließ der Sender zum Serienauftakt wissen, und vielleicht war damals, 1998, noch nicht so offensichtlich, dass das auch eine treffende Beschreibung des Schauspielers Ulrich Mühe ist.

          Mühe näherte sich seinen Rollen auf Samtpfötchen, langsam, zögernd und leise. Im Theater, Film, selbst im Fernsehen - es schien, als ginge er ein paarmal um die Figur, die er spielte, herum; er inspizierte sie von allen Seiten, kroch in sie hinein, um ihr Innerstes zu erspüren, und ganz am Ende hatte er, wenn es gutging, und es ging meistens gut, jede Nuance erfasst und den Part gemeistert und sich einverleibt, ganz zart und vorsichtig, als wolle er ihn nicht beschädigen. Die Zuschauer konnten so beides sehen, die Arbeit des Schauspielers an seiner Rolle und die Figur, die dabei entstand, eine Doppelbelichtung sozusagen, die uns immer ein wenig auf Distanz hielt, einerseits, und uns andererseits atemlos machte aus Faszination. Wie erst heute bekannt wurde, ist Ulrich Mühe bereits am 22. Juli in Walbeck in Sachsen-Anhalt gestorben, nur vierundfünfzig Jahre alt.

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