https://www.faz.net/-gqz-9iy1c

Horst Stern gestorben : Missionar am Seidenfaden

Horst Stern (1922-2019). Bild: dpa

Horst Stern war als Journalist, der sich Natur- und Umweltthemen widmete, seiner Zeit weit voraus. Mit seinen Filmen gab er Anstöße zu Debatten und eckte an. Nun ist er im Alter von 96 Jahren gestorben.

          1 Min.

          Ihn als provokanten Weltverbesserer bezeichnen oder als polemischen Tierfilmer und Anti-Grzimek hinstellen zu wollen, wie er das in den letzten fünfzig Lebensjahren oft hat erleben müssen, das war die niederträchtigste Art, mit diesem unsagbar empathischen, direkten und nachdenklichen Naturliebhaber Horst Stern umzugehen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          „Sterns Stunde“ ist Fernsehgeschichte. Ob es Journalismus war, darüber wurde oft gestritten, Neutralität war nicht sein Leitbild. Und dennoch: Kein Journalist vor ihm und die wenigsten nach ihm haben Fernsehen und Radio so überzeugend und politisch für die Sache der Natur eingesetzt wie der gebürtige Stettiner, dem sein Lebensthema durch eine Männerfreundschaft in den Schoß fiel. Angefangen hatte er mit einer Banklehre, er war Fallschirmjäger in Afrika, Dolmetscher in Amerika, übte sich als Lyriker und Gerichtsreporter, später wurde er Magazingründer, Roman-, Sachbuch- und Kurzgeschichtenautor und gründete nebenbei den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland sowie die Deutsche Umweltstiftung – weil er es, wie so vieles, als seine „Pflicht für dieses Land“ sah.

          Im Grunde war Stern mehr publizierender Anwalt als Journalist, einer allerdings, der das journalistische Handwerk und eine literarische Begabung besonders geschickt einsetzte. Prägend waren seine aufrüttelnden wie filmtechnisch revolutionären „Bemerkungen über die Spinne“ und die „Bemerkungen über den Rothirsch“, an Heiligabend 1973 ausgestrahlt – Filme, in denen Stern eben nicht, wie er gerne sagte, das „Eiapopeia über Tiere“ zeigen, sondern sie als den vom Menschen oft verkannten und ausgebeuteten Teil der Natur auftreten lassen wollte.

          Nach der Rothirsch-Sendung war die Jagd eine andere. Und doch blieb seine politische Wirkung für ihn bis zum Ende unerfüllt. „Ich habe in den Köpfen der Ohnmächtigen etwas bewirkt, in den Köpfen der Mächtigen gar nichts“, sagte er in einem Interview im Autorenexil in Irland, bevor er nach Passau zurückkehrte. Dort starb er vergangenen Donnerstag mit 96 Jahren.

          Weitere Themen

          Hier bin ich geborn, hier werd ich begraben

          Pop-Anthologie (102) : Hier bin ich geborn, hier werd ich begraben

          Die Musik von „Haus am See“ wollte Peter Fox eigentlich mit Cee-Lo Green betexten. Doch daraus wurde nichts. Den Hit schrieb er dann selbst und traf 2008 einen Nerv. Was macht den Song bis heute so erfolgreich?

          Historische Lichtblicke

          Auktion bei Reiss & Sohn : Historische Lichtblicke

          Bei Reiss & Sohn in Königstein kommen illustrierte Werke aus der Frühzeit der Wissenschaften zum Aufruf. Als besonderes Highlight sind Bücher zur Geschichte der Optik dabei. Da darf Goethe nicht fehlen.

          Topmeldungen

          Hamstereinkäufe : Was, wenn die Nachfrage weiter steigt?

          Im Frühjahr bunkerten die Deutschen vor allem eins: Toilettenpapier. Nun nehmen mit steigenden Infektionszahlen und Beschränkungen auch die Hamsterkäufe wieder zu. Was das für uns bedeutet.
          Eine Pflegekraft (l) begleitet die Bewohnerin eines Altenheims mit Rollator beim Gang durch den Flur.

          Zweite Corona-Welle : Alte Menschen nicht einsperren

          Während der ersten Corona-Welle wurden Pflegeheimbewohner isoliert. Inzwischen gibt es andere Strategien für den Umgang mit alten und pflegebedürftigen Menschen. Ein Besuch in einem Heim.

          Fernsehduell : Wie kann sich Biden gegen Trump behaupten?

          In der Nacht soll die letzte Fernsehdebatte im amerikanischen Präsidentenwahlkampf stattfinden. Voriges Mal konnte Joe Biden kaum ausreden. Rhetorikprofessor Olaf Kramer erklärt, wie der Demokrat diesmal Donald Trump Paroli bieten kann.

          Prozess in London : Boris Becker bestreitet Vorwürfe

          Die britische Insolvenzbehörde wirft Boris Becker die Verschleierung von Vermögen vor – im Falle einer Verurteilung drohen ihm sieben Jahre Haft. Der frühere Tennisprofi hat nun vor Gericht auf „nicht schuldig“ plädiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.