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Zum Tod von Wolfram Siebeck : Esst euch glücklich!

Niemand konnte so leichthändig wie er Lakonie mit Ironie vermischen: Wolfram Siebeck. Bild: dpa

Wolfram Siebeck war ein Gastronomiekritiker voller Leidenschaft. Er kämpfte gegen Fast Food, entdeckte für die Deutschen die Haute Cuisine und brachte ihnen das Genießen bei. Ein Nachruf.

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          Vor drei Jahren ging Wolfram Siebeck noch einmal bei Paul Bocuse in Collonges-au-Mont-d’Or essen, um vom größten Koch seiner Generation Abschied zu nehmen. Mit dem Text, den er darüber in der „Zeit“ schrieb, setzte er sich selbst en passant ein Denkmal, nicht aus Eitelkeit, sondern weil er gar nicht anders konnte. Denn er enthält alles, was Siebecks Stil und Wesen ausmachte: Niemand konnte so leichthändig wie er Lakonie mit Ironie vermischen. Niemand sonst schaffte es, enzyklopädisches Wissen mit so wenig Besserwisserei zu vermitteln. Kein anderer aß mit mehr Leidenschaft, mehr Hingabe, mehr persönlichem Einsatz als er, was für die Köche wahlweise Himmel oder Hölle bedeuten konnte. So wurde seine Hommage an Paul Bocuse ein Artikel voller Altersweisheit und Alterswitz, voller Schlagfertigkeit und Zärtlichkeit über zwei Männer fast desselben Alters, die beide auf ihre Weise ein Lebenswerk geschaffen haben.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Wolfram Siebeck wollte Spaß haben, wenn er sich an den Tisch setzte. Das war in der Zeit, als er Restaurantkritiken zu schreiben begann, alles andere als selbstverständlich. Siebeck wurde am 19. September 1928 in Duisburg geboren. Er wuchs in einem Nachkriegs-Deutschland auf, in dem eine angerührte Bratensoße als Gipfel der Kochkunst galt, und wurde weder von seiner Mutter noch von seiner Großmutter aus diesem Tal der Tränen geführt. Stattdessen ging er auf die Werkkunstschule in Wuppertal, wurde Grafiker, schlug sich als Schildermaler durch, stand als Pressezeichner in Lohn und Brot und wäre es wohl lebenslang geblieben, wenn er nicht während einer Reise nach Frankreich sein kulinarisches Erweckungserlebnis gehabt hätte. Aus dem Fertigsuppen-Saulus wurde ein Pot-au-feu-Paulus, der fortan in Nibelungentreue fest zur klassischen, französischen Haute Cuisine stehen sollte. Neben ihren Göttern duldete er keine anderen und handelte sich damit manchmal den Vorwurf ein, blind für kulinarische Entwicklungen jenseits des klassischen Kanons zu sein.

          Kreuzzug gegen das Fast Food

          Doch das ist eine Petitesse angesichts Siebecks Lebensleistung. Er hat wie kein Zweiter den Deutschen das Genießen beigebracht, in dem er zum schreibenden Herold der französischen Spitzenküche wurde, mit Dutzenden von Büchern und Hunderten von Kolumnen in seinen Hausblättern „Zeit“ und „Feinschmecker“. Unermüdlich, unerschrocken, unbeirrt focht er seinen persönlichen Kreuzzug gegen Fastfood, Massentierhaltung und kulinarische Ignoranz aus, immer mit seiner Frau Barbara als Knappe an der Seite. Und er wurde darüber nicht zu einem wunderlichen Don Quijote, sondern zum einflussreichsten Gastrokritiker Deutschlands.

          Als Kritiker war Siebeck nie nur ein Rezensent, ein nüchterner Analytiker. Essen und Kochen waren für ihn keine wissenschaftliche Angelegenheit, sondern reine Lebenslust. Der freundliche Herr Siebeck konnte indes auch zur Furie mit einem Urteil so scharf wie ein Damaszenerschwert werden, aber weder aus Rachsucht noch aus Boshaftigkeit, nein, aus einem viel nobleren Motiv: Jemand hatte ihn um seine Freude am Essen gebracht, Todsünde, Höchststrafe, ewige Verdammnis. Uns Feinschmeckern hat Wolfram Siebeck bis zuletzt unendlich viel Freude geschenkt. Vorgestern ist er im Alter von 87 Jahren auf seiner Burg in Südbaden gestorben. Wir werden heute Abend die beste Flasche Champagner aus unserem Keller holen und auf ihn anstoßen. Er hat es verdient. Und er hätte es so gewollt.

          Es ist angerichtet. Aber ist es auch gut? Wolfram Siebeck im Sommer 2009 bei einem Besuch in der Küche des Ritz Carlton Hotels in Berlin.
          Es ist angerichtet. Aber ist es auch gut? Wolfram Siebeck im Sommer 2009 bei einem Besuch in der Küche des Ritz Carlton Hotels in Berlin. : Bild: dpa

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