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Volker David Kirchner : Ein zorniger Menschenfreund zur falschen Zeit

  • -Aktualisiert am

Der Komponist Volker David Kirchner bei Proben mit der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Bild: Picture-Alliance

Ein gefallener Darling der Opernszene, der sich ins Abseits schimpfte und dennoch große Musik hinterließ: Zum Tod des Komponisten Volker David Kirchner.

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          Volker David Kirchner, geboren 1942 in Mainz, ging keinem Streit aus dem Weg. Wenn er, der in den letzten Kriegsjahren als jüdisches Kind vor den Nationalsozialisten versteckt wurde, etwas als ungerecht empfand, sei es in der Welt oder in der Beurteilung seines kompositorischen Schaffens, rief er das kompromisslos heraus. Verstand ein Kritiker unter Zeitgenossenschaft etwas anderes als er und zeigte das anhand seiner Kompositionen, empfand Kirchner, der frühe Quartettpartner von Ulf Hoelscher, das als ungerecht und schrieb einen Brief. Daraus konnte freilich nie ein fruchtbarer Dialog entstehen, wie ihn etwa Wolfgang Rihm mit den Medien pflegt.

          Im Musikbetrieb teilte der früh schon Hochbegabte und von Bernd Alois Zimmermann im Tonsatz unterwiesene Kirchner ebenfalls reichlich aus. War das Selbstschutz tiefster Verletzung? Auf diese Weise jedenfalls schimpfte sich Kirchner, der Komponist betörender Kammermusik, großformatiger, monumentaler Opern und berückender Lieder, der zeitweise im Staatstheater Wiesbaden regelrecht wohnte und liebte, nach und nach ins Abseits. Er selbst, der langjährige Bratscher im HR-Sinfonieorchester, bemerkte das tragischerweise als letzter. Kirchner, zeitweise eine Art „Darling“ der Opernszene in Deutschland, der für den Auftrag seines Bühnenwerks „Gilgamesh“ zur Eröffnung der Expo 2000 in Hannover ein äußerst hohes Honorar kassiert hatte, fiel tief. Die Hälfte des Honorars, so erzählte Kirchner, verschenkte er an ein hochbegabtes Waisenkind.

          Zum Schluss nur noch unterstützt von den engsten Freunden, wie etwa dem Mäzenatenehepaar Renate und Walter Fink in Wiesbaden oder der Musikerfamilie Ostertag in Süddeutschland entstanden dennoch viele neue Werke – etliche noch nicht uraufgeführt. Seine zeitkritische Oper „Savonarola“ (2011, Kiel) zeigte deutlich, wohin Fanatismus führt: in die Barbarei. Und mit „Gutenberg“ (2016, Erfurt) gab er der Stadt nach dem Amoklauf ein Stück Normalität zurück, wenngleich er darin zeigte, dass Gutenberg in Mainz wirtschaftlich ruiniert wurde – also in seiner eigenen Geburtsstadt. Volker David Kirchner, der dem seinerzeit sehr jungen Komponisten Caspar Johannes Walter und später Franz Ferdinand August Rieks selbstlos auf die Sprünge geholfen hatte, war bei allem Zorn auch ein großer Menschenfreund – hundert Jahre zu spät geboren. Mit Freundschaft ging er jedoch sehr sparsam um. In der Nacht zum Dienstag starb er in Wiesbaden im Alter von 77 Jahren.

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