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Zum Tod von Klaus Bednarz : Der Dissident

Klaus Bednarz Bild: dpa

Klaus Bednarz war den Mächtigen kein bequemer Gesprächspartner. Mit seiner unerbittlichen Machtkritik gab er dem Politikmagazin „Monitor“ über mehr als ein Jahrzehnt ein starkes Profil. Jetzt ist er im Alter von 72 Jahren gestorben.

          Was fällt einem zu dem Politikmagazin „Monitor“ ein? Klaus Bednarz. Was fällt einem zu Klaus Bednarz ein? „Monitor“ und – der Blick nach Osteuropa. Von 1971 bis 1982 war Bednarz ARD-Korrespondent, zuerst in Warschau, dann in Moskau. Er war einer der profiliertesten Journalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Das Magazin „Monitor“ verbindet man immer noch mit ihm, obwohl er die Leitung und Moderation der Sendung schon 2001 abgab.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wenn Klaus Bednarz auf dem Bildschirm erschien, war Alarm. Denn „Monitor“ war für das Fernsehen, was der „Spiegel“ in seinen besten Zeiten für die Presse darstellte: ein Muss, ein must read, ein must see. Freudenfest der Linken, ewiges Ärgernis für die Konservativen in einer Zeit und Gesellschaft, die in einer Weise politisiert war, wie man es sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Klaus Bednarz war ein Präzeptor dieser Zeit. Die Gegner, die er sich aussuchte, mussten Ministerrang haben oder gleich im Bundeskanzleramt sitzen. Wobei Bednarz bei „Monitor“ die Amtszeit des Kanzlers Helmut Kohl noch übertrumpfte.

          Achtzehn Jahre lang saß der Journalist der Redaktion vor, und in diesen achtzehn Jahren veränderte sich an seiner Grundhaltung nichts. Es war die des Dissidenten. Seine Aufgabe als Journalist sah Bednarz einzig und allein darin, denjenigen, die die politische Macht haben, auf die Finger zu sehen. Das unternahm er mit einer Ausdauer, die seinen Gegnern als Penetranz erschien. Er fragte nach, auch wenn er fest damit rechnen musste, zu dem Skandal, mit dem sich „Monitor“ gerade befasste, keine Antwort zu bekommen. Vom Schweigen der Mächtigen zu Dingen, die seiner Ansicht nach die Gesellschaft etwas angehen, berichtete Bednarz dann in seinen Moderationen, die durchaus ätzend ausfallen konnten, stets aber geprägt waren von einer Herangehensweise, die vielen im Fernsehen als zu gefährlich erscheint, weil man so wunderbar missverstanden werden kann: Bednarz setzte auf Ironie.

          Immer unbequem

          Bei der politischen Linken ließ er sich verorten, nicht aber bei einer Partei. Er stehe keiner Partei nahe, sondern den verschiedenen Parteien unterschiedlich fern, sagte er gern. Nahe waren ihm hingegen politische Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler wie Heinrich Böll oder Lew Kopelew. Deren Unnachgiebigkeit beeindruckte den Journalisten, der in Hamburg, wie er einmal erzählte, beinahe nicht zum Abitur zugelassen worden wäre, weil er sich weigerte einen Aufsatz zu dem Thema zu schreiben: „Was mich bewegt.“ Was ihn bewege, sagte Bednarz, gehe die Schule nicht an. So etwas muss man als Achtzehnjähriger erst einmal wagen. Klaus Bednarz hatte sein Ethos, das ihn beruflich prägte, früh entwickelt.

          Geboren wurde er am 6. Juni 1942 in Falkensee bei Berlin. Als er dreizehn Jahre alt war, kam er mit seiner Familie aus der DDR nach Westdeutschland. Er studierte Slawistik, Osteuropäische Geschichte und Theaterwissenschaft in Hamburg. 1966 schrieb er seine Promotion über den russischen Dichter Anton Tschechow, im Jahr darauf begann er beim Fernsehen. Und 1971, als er seine Stelle in Warschau antrat, war er der erste Fernsehkorrespondent aus der Bundesrepublik an diesem Platz. Er war mit einer heiklen Mission betraut. Die Verheerungen, welche die deutsche Wehrmacht in Polen angerichtet hatte, waren im Verhältnis der beiden Länder zueinander omnipräsent, die neue Ostpolitik von Willy Brandt hatte gerade erst eingesetzt. Darüber berichtete der junge Korrespondent, aber auch über die Lage der deutschen Minderheit in Polen. Auch da war Bednarz bei seiner Linie, den Instanzen möglichst unbequem zu werden.

          Er wollte keinem gefallen

          Ein Dissident eben, zwischen allen Stühlen, unberechenbar und unbestechlich. Dass ihn sowohl der KGB als auch der BND anwerben wollten, durfte er wohl als Kompliment nehmen. Berichtete er aus Osten, galt er im Westen als sozialismusverdächtig. War er im Westen, kritisierte er den Kurs der sowjetischen Politik und setzte sich vehement für das Recht auf Unabhängigkeit der Staaten ein, die unter dem Joch Moskaus standen.

          Frieden und Freiheit – fiele jemandem ein verbrauchterer politischer Slogan ein? Für Bednarz war das ein nicht zu erschöpfendes Programm. Wenn es um den Krieg ging, packte er schon mal einen Leichensack auf den Moderations-Schreibtisch, um – bevor der Beitrag der Reporter folgte - zu verdeutlichen, um was es bei einem Begriff wie „Kollateralschaden“ geht.

          So unerbittlich sich Klaus Bednarz vor der Kamera gab, so zurückhaltend-abwägend war er im persönlichen Gespräch. Da hatte seine Stimme sogar ein ganz anderes Timbre. Aber auch da war sein Standpunkt eindeutig und klar. Sollen wir jetzt noch an die Pullover erinnern, die Bednarz immer trug. Angeblich fast immer blaue oder auch mal welche in rot. Das war ein „Markenzeichen“, allerdings eines, in dem sich kein Modefaible ausdrückte, sondern nur, dass dieser Mann sich nicht bemühte, irgendjemandem zu gefallen. Gerade dadurch fiel er auf, gerade damit bleibt er in Erinnerung. Am Dienstag ist Klaus Bednarz in Schwerin im Alter von 72 Jahren gestorben.

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