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Ein Topjournalist mit Kante: Ulrich Kienzle Bild: dpa

Zum Tod von Ulrich Kienzle : Auslandskorrespondent blieb er sein Leben lang

Selbstverständlich hatte er immer noch Fragen: Zum Tod des Fernsehjournalisten Ulrich Kienzle.

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          Vielen Fernsehzuschauern wird der Journalist Ulrich Kienzle noch aus einer direkten Anrede in Erinnerung sein. Denn mit der Sentenz „Noch Fragen, Kienzle?“ begann in den neunziger Jahren das Politmagazin „Frontal“ im ZDF. Mit der Frage forderte der Moderator Bodo Hauser, der schon 2004 verstarb, seinen Kompagnon Kienzle zum Meinungsduell heraus. Hauser gab sich den Habitus des Konservativen, Kienzle den des bekennenden Linken. Das war ein wenig Attitüde, fing den (partei)politischen Streit aber mit einem Augenzwinkern auf, das man sich auch heute wünscht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Begonnen hatte Kienzle, geboren am 9. Mai 1936 in Neckargröningen im Kreis Ludwigsburg, seine journalistische Karriere 1963 beim Süddeutschen Rundfunk. Er wechselte zum WDR. Von 1974 bis 1980 war Kienzle ARD-Korrespondent zuerst für den Nahen Osten, dann für das südliche Afrika. Es folgten zehn Jahre als Fernsehchefredakteur bei Radio Bremen, wo Kienzle das bis heute laufende Magazin „Buten & Binnen“ mit aus der Taufe hob. 1990 ging er zum ZDF, leitete die Hauptredaktion Außenpolitik, moderierte das „auslandsjournal“ und landete schließlich bei „Frontal“.

          Interview mit Saddam Hussein

          Doch welche Funktion er auch übernahm – mit einem Bein blieb Kienzle immer Auslandskorrespondent. Der Nahe Osten lasse ihn nicht los, sagte Kienzle, als er längst in die Chefetage aufgestiegen war. So nimmt es nicht Wunder, dass er vor dem ersten Golfkrieg 1990 eines der raren Interviews mit Saddam Hussein führte, was ihm seinerzeit, angesichts des zwischen Gesprächspartnern üblichen Händedrucks, viel Kritik eintrug. Heute darf man das Gespräch eher historisch nennen. Als Nahost-Experte trat Kienzle auch nach seiner Pensionierung auf, dabei bewies er in Talkshows seine souveräne, unaufgeregte Streitbarkeit. Als Weinkenner war er fürs ZDF zuletzt auch unterwegs, selbstverständlich rund um den Globus – zu den besten Weingütern der Welt.

          Ulrich Kienzle sei ein „Top-Journalist“ gewesen, sagte der ZDF-Chefredakteur Peter Frey. Er habe die Welt vor Ort in Augenschein genommen, um die Konflikte wirklich zu verstehen, über die er dann berichtet hat. Mit seiner Lust, Kante zu zeigen und mit seinem verschmitzten Humor habe er an der Seite von Bodo Hauser „ZDF- und Fernsehgeschichte geschrieben“. Am vergangenen Donnerstag ist Ulrich Kienzler im Alter von 83 Jahren in Wiesbaden verstorben.

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