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Verlegerin Anneliese Friedmann : Eine Frau von Rang

Anneliese Friedmann (1927 bis 2020). Bild: dpa

Vom Ende einer Ära zu sprechen ist ihrem Fall nur angemessen. Ihr Wirken prägte nicht nur die „Abendzeitung“ und die „Süddeutsche“: Zum Tod der Verlegerin Anneliese Friedmann.

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          Man spürte immer, ob sie im Haus war. Vielleicht weil alle plötzlich schwer beschäftigt wirkten, weil mehr Zug in den Konferenzen war, besseres Benehmen auf den Fluren. Unter dem Dach im Haus der „Abendzeitung“ (AZ) in der Sendlinger Straße war das Herausgeber-Büro, denn so nannte sich Anneliese Friedmann tatsächlich – „Herausgeber“. Das „-in“ schien ihr überflüssig zu sein, niemand hätte nur eine Sekunde gezweifelt, dass er es mit einer Frau, viel mehr noch: mit einer Dame zu tun hatte.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Die freilich vor ihrer Erhebung in den Olymp dort angefangen hatte, wo es sich gehört, im Lokaljournalismus, beim „Freisinger Tagblatt“. Nach einem abgebrochenen Studium ergatterte die 1927 in Kirchseeon geborene Anneliese Schuller als erste Frau ein Volontariat bei der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ), deren Redaktion sie von 1948 bis 1960 angehörte. 1951 heiratete sie den charismatischen SZ-Mitgesellschafter Werner Friedmann, der nicht nur das Werner-Friedmann-Institut, das nach amerikanischem Vorbild Journalisten ausbildete und später in Deutsche Journalistenschule umbenannt wurde, sondern auch 1948 die AZ gegründet hatte.

          Dort schrieb Anneliese Friedmann unter dem Pseudonym „Sibylle“ eine Kolumne, die so erfolgreich war, dass Henri Nannen sie 1960 für viel Geld zum „Stern“ holte. Als ihr Mann 1969 starb, wurde aus „Sibylle“ eine SZ-Mitgesellschafterin und AZ-Verlegerin. Sie war Anfang vierzig, schön, finanziell unabhängig, zu selbstbewusst, um sich von Männern unterbuttern zu lassen – und sie kannte das Mediengeschäft.

          Es waren die Jahrzehnte, in denen Zeitungen eine Lizenz zum Gelddrucken waren, wie Günter Gaus in seinen Memoiren schrieb: „So mancher Herausgeber wurde ein Herausnehmer.“ Nicht so die Familie Friedmann. Sie behielt als einzige der fünf Gesellschafterstämme ihren Anteil, als der Süddeutsche Verlag 2008 an die Südwestdeutsche Medienholding verkauft wurde; allerdings trennte sich Sohn Johannes Friedmann 2014 von der AZ, deren loyale Stütze seine Mutter viele Jahre gewesen war. Sie verteidigte die redaktionelle Unabhängigkeit des Blattes – Branchenspitzname „Durchgangslager Friedmann“ – auch dann, wenn es ihr gelegentlich schwergefallen sein dürfte.

          Dabei war Anneliese Friedmann eine Erscheinung, deren Pariser Eleganz sich wohltuend von der neureichen Bussi-Gesellschaft Münchens unterschied. Zumal sie sich auch karitativ engagierte, ohne Aufhebens davon zu machen. Ihre Leidenschaft für das kulturelle Leben, für klassische Musik, Literatur, Kunst und Theater war eine Triebfeder ihrer Existenz; aufgehört journalistisch zu denken hat sie nie. Legendär waren ihre Sommerfeste und die Einladungen zur „Suppe“, ein Salon, zu dem sie an Sonntagvormittagen in ihre Harlachinger Villa einlud. Das dort versammelte Völkchen wählte sie danach aus, ob die Gäste jenseits von Eitelkeit auch etwas zu sagen hatten – langweilige Konversation war nicht ihr Ding. Mit dem Ulmer Zeitungsverleger Eberhard Ebner fand sie in ihren späten Jahren einen Partner auf Augenhöhe.

          Bundesweit bekannt wurde Anneliese Friedmann Mitte der achtziger Jahre durch die Fernsehserie „Kir Royal“ von Regisseur Helmut Dietl. Ruth Maria Kubitschek spielte die Verlegerin Friederike von Unruh, allerdings als laszive Adelige, die mit dem realen Vorbild nur bedingt zu tun hatte. Friedmann nahm es gelassen. Sie wusste ja besser, dass das Film-Image der Wirklichkeit nicht standhielt. Schönheit mag vergänglich sein, aber einfühlende, beobachtende Intelligenz ist es nicht. Am 7.November ist Anneliese Friedmann in München, der Stadt, der sie viel gegeben hat, im Alter von dreiundneunzig Jahren gestorben. Das Wort von der Ära, die mit ihr zu Ende geht, hat an dieser Stelle seine Berechtigung.

           

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