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„Good Omens“ bei Amazon : Zum Teufel mit der Apokalypse

Anderthalb Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle: Michael Sheen und David Tennant als Aziraphale und Crowley. Bild: Amazon Prime

Nah an der Offenbarung: Mit der Serie „Good Omens“ gelingt Amazon eine zauberhafte Umsetzung der Buchvorlage von Terry Pratchett und Neil Gaiman.

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          Gott spricht zu uns – mit der Stimme von Frances McDormand. Nun, Gott hat schon mit vielen Zungen gesprochen. Daraus abzuleiten, dass sie eine Frau ist, wäre verfrüht. Geschlechterfragen haben keine Bedeutung für jemanden, der mit dem Universum spielt. Ein Spiel, das Gott, wie es heißt, selbst ersonnen hat. Ein Spiel, das sich für Sterbliche anfühlt, „wie ein Pokerspiel in einem stockdunklen Raum mit unbegrenzten Einsätzen und einem Dealer, der die Regeln nicht verrät und die ganze Zeit lächelt“.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Autoren, die das Pandämonium der kosmischen Hütchenspieler so beiläufig erklären können, als ginge es darum ein Marmeladenbrot zu schmieren, sind rar. Douglas Adams war ein solcher, aber auch der 2015 verstorbene Autor Terry Pratchett oder Neil Gaiman, dessen Buch „American Gods“ Amazon als bildgewalttätige Serienadaption viel Lob einbrachte. Nun hat sich Amazon ein Gemeinschaftswerk von Gaiman und Pratchett vorgenommen: „Good Omens“ (1990). Kein gutes Omen: Es gab in Sachen Verfilmung schon mehrere Anläufe, unter anderem mit Terry Gilliam, der die Geschichte 2002 mit Robin Williams und Johnny Depp verfilmen wollte, aber das Geld nicht zusammenbekam.

          Nun aber haben sich Amazon und die BBC der Sache angenommen – und Gaiman selbst, der das Drehbuch schrieb und als Showrunner die Fäden zieht. Natürlich geht es um alles, aber es wird eben so serviert, dass dazu eine Tasse Tee mit Gebäck gereicht werden kann. Wir werden Zeuge einer außerordentlichen Männerfreundschaft, so wie Romeo und Julia eine Männerfreundschaft war – will sagen, eben vielleicht doch etwas mehr als das, aber das überlässt die Serie der Phantasie des Zuschauers. Das ungleiche Paar, das seit Äonen unter den Menschen wandelt, sind der Dämon Crowley (David Tennant) und der Engel Aziraphale (Michael Sheen). Mächtige Wesen, mit reichlich Appetit auf die Welt, doch in Diensten größerer und ungeduldiger Mächte, die ihnen das Leben nicht zur Hölle, aber schwermachen.

          Der Antichrist lebt fortan in der englischen Provinz

          Die Unterseite plant mal wieder das Ende aller Tage. Dazu soll ein Baby mit den Kosenamen „Zerstörer der Könige“ sowie „Engel der bodenlosen Grube“ mit dem Baby einer amerikanischen Diplomatenfamilie vertauscht werden. Amerika eignet sich wohl, um einen Teufel großzuziehen. Ort des Austausches ist das englische Kloster eines „gesprächigen Ordens“ satanischer Nonnen, die sich auf die Ankunft des Antichristen vorbereiten. Crowley – die Anspielung auf den skrupellosen Okkultisten ist das Einzige, was eine Spur zu schwarz gerät – überbringt den kleinen Racker, der schon an seinem elften Geburtstag das Ende einläuten soll, doch der Tausch misslingt. Der Antichrist lebt fortan in der englischen Provinz, heißt Adam, gedeiht prächtig, während Himmel und Hölle rätseln, wann und wo das Ende beginnt und ob man die „vier Reiter“ nicht vielleicht etwas verfrüht aufs Pferd gesetzt hat.

          Sheen und Tennant als Handlungsreisenden höherer Mächte, die auf Erden nach Gutdünken hier ein Wunder und da eine Versuchung verkaufen, unter der Regie von Douglas Mackinnon zuzusehen, ist eine große Freude. Nie tritt ihr Schauspiel hinter das subtil angedeutete Spiel ihrer übersinnlichen Kräfte zurück. Zudem können sie im wilden Ritt durch die Menschenalter in viele Rollen schlüpfen. Vor allem Tennant tobt sich dabei aus. Die Magie liegt hier im wortreichen Durchwursteln der beiden Überirdischen, die über die Jahrtausende immer wieder feststellen müssen, dass die Menschen oft viel besser oder schlechter sind, als ihre Arbeitgeber das für sie vorgesehen hatten. Die Schöpfung macht ihr Ding, und nicht einmal Gott scheint zu wissen, wie oder wann es endet. Das bestreitet der Engel natürlich.

          Max und Moritz mit göttlichen Vorzeichen

          Bis in die Nebenfiguren, Anathema (Adria Arjona), die Ururururenkelin der prophetisch begabten Hexe Agnes Nutter (Josie Lawrence), die all dies in ihren „netten und akkuraten Prophezeiungen“ vorhersagt, oder den Hexenaufspürer Sergeant Shadwell (Michael McKean) nebst Gehilfe Newton Pulsifer (Jack Whitehall) sowie den jungen Antichristen (Sam Taylor Buck), ist die Serie höchst lebendig – auch weil sie nah an der Vorlage arbeitet, sich aber nicht sklavisch an deren Wortwitz hält. Crowley und Aziraphale, das sind Max und Moritz mit göttlichen Vorzeichen, die auf ihrem langen Weg bis ans Ende aller Zeiten nebenbei eine kaum je zynische Neuinterpretation des Alten und Neuen Testaments abliefern, ohne dass sich jemand auf die Füße getreten fühlen muss. Das liegt natürlich auch daran, dass vor allem der Dämon jene lieb gewonnen hat, die zu piesacken er eigentlich angetreten war. Nun aber hat er Freude an Rotwein, Queen und Velvet Underground.

          Will man (zwei bis drei goldene) Haare in der Suppe finden, ließe sich monieren, dass zwar der Weg dorthin, Himmel und Hölle selbst jedoch wenig originell – fast etwas seelenlos – inszeniert sind. Nicht jede der sechs Folgen ist gleich stark. Doch das Aufgebot an himmlischen Schnurren, höllischen Schrullen, die Verknüpfung von Nebensträngen und die geschliffene Beiläufigkeit, mit der alles vorgetragen wird, machen die Schwächen rasch vergessen. Das Reizvolle an der Erzählung von Himmel gegen Hölle ist ja nie der Kampf an sich, sondern die Perspektive des Übermenschlichen auf die Menschheit. Hier nun glaubt sogar ein Dämon an das Gute im Menschen. Vielleicht sind wir doch nicht so schlecht, wie alle immer sagen.

          Good Omens ist bei Amazon Prime abrufbar.

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