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„Reform“ von hr2-Kultur : Reden wir mal übers Geld

Lauter schöne Logos: hr2 in der Eigenankündigung. Bild: HR/F.A.Z.

Keineswegs nur wegen Corona stockt die sogenannte Reform von hr2-Kultur. Das ist gar nicht schlecht. Denn das hessische Radiojuwel braucht vor allem Kontinuität. Und mehr Hörer.

          5 Min.

          Noch liegt viel zu viel Nebel über der Szene. Fragt man beim Sender, ob und wie sich die angestrebten Veränderungen der Radiowelle hr2-Kultur während, genauer: trotz des Corona-Moratoriums entwickelt haben, wird man von Christoph Hammerschmidt, dem Pressechef des Hessischen Rundfunks, zunächst mit hehren Bekundungen bedacht. Der Sender wolle, heißt es, „mit seinen Kulturangeboten noch mehr Menschen“ erreichen, „besonders auch im digitalen Bereich“, und damit „seine Kulturwelle hr2-Kultur noch erfolgreicher machen“. Man stutzt sogleich. Denn die Realität der Zahlen spricht dem schönen Adverb „noch“ vor dem bereits gesteigerten Attribut („erfolgreicher“) reichlich hohn, ja: das Attribut selbst wirkt merkwürdig geschönt. Von Erfolg kann zumindest im Augenblick nicht die Rede sein.

          Jochen Hieber
          Freier Autor im Feuilleton.

          Als die Arbeitsgemeinschaft Media Analyse (Agma) zu Frühjahrsbeginn die Hörfunk-Nutzerdaten für das zweite Halbjahr 2019 veröffentlichte, ergab sich für die sechs Radiowellen des Hessischen Rundfunks nahezu eine Nullsumme. Was die Popwelle hr3 verlor – 89000 Hörer pro Tag bei verbleibenden 843000 –, gewannen die Nachrichtensparte hr-Info (plus 34000 bei 302000 Hörern) und die volkstümliche Plattform hr4 (plus 39000 bei 535000) immerhin prozentual hinzu. Die Tagesreichweite für das Generalisten-Programm hr1 blieb mit 567000 Hörern konstant, während die Jugendwelle YouFM leichte Einbußen (15000 bei 238000) erlitt. Wirklich dramatisch – dramatisch schlecht – waren jedoch die Zahlen für das Radiojuwel hr2-Kultur. Es verlor im zweiten Halbjahr 2019 pro Tag 13000 und lag „noch“ bei 74000 Hörern, im Vergleich zur ersten Jahreshälfte ein Verlust von gut fünfzehn Prozent.

          Es geht wieder von vorne los

          Das so Erstaunliche wie Erschreckende daran: hr2-Kultur war just in diesem Zeitraum wegen der seit dem Sommer 2019 drohenden Gefahr, zur bloßen „Klassikwelle“ geschrumpft zu werden, ins Zentrum der Mediendebatte gerückt. Es gab eine Online-Petition, eine bestens besuchte Protestversammlung in der Deutschen Bibliothek, eine emphatisch den Erhalt befürwortende Umfrage unter Kulturschaffenden im Feuilleton dieser Zeitung, schließlich die Resolution des hr-Rundfunkrats vom 23.August, in der „nicht nur Musik, sondern auch Literatur, die Kultur des Hörens und Zuhörens und der gesellschaftliche Diskurs“ zu bleibenden Kernaufgaben gezählt wurden. Kurzum, hr2-Kultur war im Gespräch wie nie zuvor. Und verlor parallel dazu doch einen substantiellen Teil der Hörerschaft. Woran lag es? War die Verunsicherung zu groß? Gespannt, aber auch mit Bangen erwartet man nun die Zahlen für das erste Halbjahr 2020, die Mitte Juli veröffentlicht und bereits die Nutzerfrequenzen während der Corona-Einschränkungen enthalten werden. Auch hr2-Kultur hat der Pandemie durch innovative Sendeformen, so gut es ging, getrotzt. Die spontane Reihe „Künstler im Lockdown“ etwa verdient allen Respekt.

          Der Nebel über der Szene lichtet sich keineswegs, wenn der Pressesprecher in seiner aktuellen Antwort an diese Zeitung wieder einmal „die sogenannte Crossmedialität“, also die Synthese aus „Radio, Fernsehen, Online und Social Media“ beschwört, aufs Neue das Geisterwort „Kultur-Unit“ in den Raum stellt, zugleich aber bekennen muss, all die daraus resultierenden Reformen würden „aktuell noch erarbeitet“. Wie lange denn noch? Tatsache ist, dass der Hessische Rundfunk vom 1. August an entschieden weiblicher wird. Gabriele Holzner, bisher Fernsehchefin, steigt dann zur „crossmedialen Programmdirektorin“ auf, Andrea Schafarczyk, von Radio Bremen nach Frankfurt gekommen, wird „medienübergreifende Chefredakteurin“. Geht dann alles wieder von vorne los? Aller Wahrscheinlichkeit nach: ja.

          Jenseits der zunächst sehr unbedacht intendierten und kommunizierten „Klassikwelle“ war es stets stupend, dass unter der Ägide des 64 Jahre alten Intendanten Manfred Krupp ausgerechnet zwei Nahezu-Pensionäre binnen kurzem den Umbau von hr2-Kultur bewältigen wollten und sollten: der noch bis zum 31. Juli amtierende Hörfunkdirektor Heinz-Dieter Sommer und der leitende, angesichts seines jahrzehntelangen Programm-Engagements mehr als verdiente Kulturredakteur Hans Sarkowicz. Es war nie verständlich, was die beiden antrieb. Groß geworden sind sie im guten alten, mithin analogen und linearen Hörfunk. Dass nun gerade sie das traditionsreiche Edelradio hr2-Kultur nach der Devise „digital first“ in eine angeblich besonnte, von den Kritikern jedoch als De-facto-Abschaffung angesehene Zukunft führen sollten, ist und bleibt ein Rätsel.

          HR-Intendant Manfred Krupp
          HR-Intendant Manfred Krupp : Bild: Marcus Kaufhold

          Zur nebulösen Unredlichkeit gehört auch, dass im Zusammenhang mit hr2-Kultur von Seiten des Senders nie über Geld gesprochen wurde, präziser: zwar über generell notwendige Einsparungen, aber nicht über die daraus resultierenden Lasten für die Kultur, speziell im Radio. Als der Norddeutsche Rundfunk im Mai unter massiven Protesten von außen die Einstellung des „Bücherjournals“, der ältesten Literatursendung des ARD-Fernsehens, verkündete, nannte Anja Reschke, die Abteilungsleiterin für Kultur, immerhin den wahren Grund: Der NDR muss dreihundert Millionen Euro sparen, das wegfallende „Bücherjournal“ ist also Teil des Sparzwangs. Wobei sich die Zwänge potenzierten, sollten die Landtage der für 2021 vorgesehenen Erhöhung des Rundfunkbeitrags am Ende doch nicht allesamt zustimmen. Naturgemäß träfe dies auch den Hessischen Rundfunk bis ins letzte, feinste Programmsegment – und das lineare Hörfeuilleton hr2-Kultur ist nun mal das feinste Produkt aus der Frankfurter Bertramstraße.

          Solange nicht beziffert wird, wie viel eingespart werden muss, wirken alle anderen Argumente – zumal jenes, über die Digitalisierung neues, jüngeres Publikum zu gewinnen – weitgehend wie bloße Propaganda. In seiner Antwort auf unsere Anfrage nennt Christoph Hammerschmidt vier immer noch nebelumwallte, gleichwohl etwas konkretere Punkte. Erstens gehe es künftig darum, „die Moderation zu stärken“, zweitens solle „das Korsett der festen Stundenuhren aufgebrochen“ werden, drittens gäbe es „einen intensiven Austausch mit hessischen Kulturinstitutionen“, und viertens sei „innerhalb des Tagesprogramms klassische Musik die dominierende Klangfarbe“.

          Letzteres klingt wieder sehr nach der angeblich bereits ad acta gelegten „Klassikwelle“. Ebenso angeblich will es das ältere Stammpublikum aber just so. In Wahrheit freilich ist die aktuell noch gepflegte, höchst anregende Mischung aus Klassik und Moderne, Jazz und Kunst-Pop schlicht teurer, weil mit höheren Lizenzgebühren verbunden.

          „Das Korsett der festen Stundenuhren“: Damit dürfte gemeint sein, dass man den Kern von hr2-Kultur, also Magazine wie das „Kulturfrühstück“ von sechs bis zehn Uhr am Morgen oder das „Kulturcafé“ von 16 bis 18 Uhr auf wenige Wortbeiträge reduziert, dafür zeitüberspannend auf Klangteppiche aus der Konserve setzt. Vom Intendanten bestandsgarantiert sind inzwischen immerhin die Gesprächssendung „Doppelkopf“ und das jeweils monothematische Frühabendmagazin „Der Tag“.

          Weniger Arbeit für die Freien

          Was die Kulturinstitute „unterschiedlicher Sparten“ betrifft: Soll das heißen, dass etwa das Städel die eigenen Ausstellungen gleich selbst vorstellt und dem Sender damit Produktionskosten spart? Bleibt das geplante Aufwerten von Moderation und Moderatoren, was durchaus ein Lichtblick ist, allerdings einer mit erheblichem Schatteneffekt. Denn es bedeutet zugleich, dass die täglichen Kurzfeatures und Kurzreportagen von freien oder festen freien Mitarbeitern aus Kostengründen wohl fast ganz entfallen, die eigene Kulturpresseschau und die täglichen Buchbesprechungen wie die Hörbuch-Tipps inklusive.

          Es ist klar, was der Sender auf solch skeptische Einwände repliziert: Noch sei ja kaum etwas endgültig beschlossen, noch sei man im ach so wichtigen, ach so demokratischen Austausch mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Diese Nebelmaschine läuft seit knapp einem Jahr. Stand jetzt, soll das neue Programmschema von hr2-Kultur aber bis Mitte September nicht nur in Stein gemeißelt sein, sondern auch realisiert, sprich: ausgestrahlt werden. Weshalb wir uns die beiden wirklich guten Nachrichten bis zum Schluss aufgespart haben. Die erste lautet: Termine lassen sich nicht nur wegen Covid-19 relativ leicht verschieben. Und die zweite: Nach wie vor ist das reformgebeutelte Radiojuwel hr2-Kultur noch in gewohnter, damit ganzer Schönheit zu hören. Mehr Hörer aber wären nicht schlecht.

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