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Thomas Gottschalk wird siebzig : Unser bestes Zirkuspferd

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Zu ihm kamen alle, und unsere ständige Vertretung in Hollywood war er auch: Thomas Gottschalk. Bild: ZDF und Tobias Schult

Der Vollblutentertainer Thomas Gottschalk wird am Montag siebzig. Er hat den Pop ins Fernsehen geholt. Das ZDF will ihn heute gebührend feiern.

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          Als am 20. März 1999 der King of Pop bei „Wetten dass..?“ einschwebte, dreieinhalb Jahre nach Michael Jacksons legendärer „Earth Song“-Weltpremiere in eben dieser Show, diesmal aber ohne musikalische Einlage und ohne irgendein erkennbares Motiv, schien die Autoreferentialität des Showbusiness aus dem Ruder zu laufen. Aus der Sendung wurde ein Gottes- oder Götzendienst. Junge Menschen kreischten sich angesichts des seltsam verstrahlt wirkenden Erlösers, der kaum mehr als „Nelson Mandela“ und „Millennium“ über die Lippen brachte, die Seele aus dem Leib und hielten Schilder mit der im Rückblick befremdlichen Aussage „Children for Michael“ in die Höhe. Einer aber behielt die Nerven, Thomas Gottschalk, mehr Gastgeber als Moderator, wie gewöhnlich auf Augenhöhe mit der Situation, aber offenbar nicht ganz glücklich mit dem Messias-Rummel.

          „Kinder!“, ermahnte Gottschalk die entfesselten Fans: „Denkt doch auch ein bisschen an Onkel Thomas.“ „Der Arme.“ „Muss ich wieder schimpfen?“ Aber auch den größten Showstar aller Zeiten, der komplett neben sich zu stehen schien, musste Onkel Thommy im Gespräch in die richtige Richtung bugsieren. Irgendwann sprach er einfach für ihn, schob ihn durch die Kulisse und dann flugs hinaus: „Also, danke schön, Michael, thank you, bye, bye.“

          Wenn neben der schier grenzenlosen Energie etwas Thomas Gottschalk immer ausgezeichnet hat, dann sein Gespür für das Publikum. Heute pflegen die meisten Shows eine frappierende Publikumsverachtung, aber Gottschalk war stets der Meinung, den Zuschauern, denen er alles verdankte, etwas liefern zu müssen, wenigstens Dramaturgie und Spannung. Seine besten Sendungen waren interessant, weil sie ihn selbst interessierten. Und hier war nun plötzlich die Leere greifbar, Weltstar-Status hin oder her. Um da nicht die Nerven zu verlieren, braucht es eine Lässigkeit, die nur hat, wer sich nicht als Vermittler begreift, sondern selbst als Teil dieser Parallelwelt. Gottschalk ist kein Journalist. Aber es gibt wohl nur wenige deutsche Medienmenschen, die sich so souverän auf amerikanischem Showbiz-Parkett zu bewegen wissen, ohne ihre deutsche Seite – den Franken von nebenan – zu verleugnen.

          Thomas Gottschalk war, ist und bleibt der größte Entertainer im deutschen Fernsehen. Und das hat nur partiell etwas damit zu tun, dass es Entertainer bloß für eine kurze Zeit gab, bevor sich Moderatoren mit Schlagseite und großer Austauschbarkeit durchsetzten: Sportreporter, Comedians, Satiriker, Doktorspieler, Castingshowgewinner und so fort. Gottschalk agierte in einer anderen Luftschicht, in der noch der Geist der Grandseigneurs der leichten Abendunterhaltung zu spüren war. Bei Frank Elstner etwa hörte man noch Peter Frankenfeld, Hans Rosenthal, Hans-Joachim Kulenkampff oder Wim Thoelke durch. Entertainment als Eigenwert hätte niemand der Genannten akzeptiert, für sie waren Spielsendungen Zivilisierungsprojekt, eine Form der Kriegsbewältigung. Gottschalk setzte sich von all dem kokett ab, ohne es je zu diskreditieren.

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