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Sat.1-Chef tritt zurück : Er nimmt sich aus dem Spiel

Da schien die Welt von Sat.1 noch in Ordnung: Nicolas Paalzow (links) mit Veronica Ferres, dem Fiction-Chef von Pro Sieben Sat.1, Jochen Ketschau und dem Schauspieler Philippe Caroit bei der Vorstellung des Films „Die Staatsaffäre“ im April 2014. Bild: Imago

Der Sat.1-Geschäftsführer Nicolas Paalzow tritt von seinem Posten zurück – bevor andere auf die Idee kommen, ihn zu feuern. Die Misserfolge häuften sich derart, dass sein Schritt nicht überrascht.

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          Pleiten, Pech und Pannen. So sah zuletzt das Programm von Sat.1 aus. Der Sender konnte machen, was er wollte, am Ende war es ein Flop. Die Seifenoper „Mila“, die am Vorabend Zuschauer zurückgewinnen sollte, stürzte binnen weniger Tage ab, von der neuen Serie „Frauenherzen“ lief nur eine Folge. So wie zuletzt der Traditionsverein Borussia Mönchengladbach in der Fußball-Bundesliga machte Sat.1 wochenlang keinen einzigen Punkt. Über diese Pleitenserie kann sich nicht einmal die Konkurrenz freuen - eine solche Performance belastet die gesamte Branche und nährt den Verdacht, die Ära großer Sender sei vorbei und auch das Fernsehen verwandele sich in ein Medium für Nischen-Angebote. Für den Sat.1-Geschäftsführer Nicolas Paalzow ist es vorbei. Er tritt zum 15. Oktober von seinem Posten zurück. Seine Nachfolge tritt der bisherige Vizechef des Senders, Kaspar Pflüger, an.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Wir haben in diesem Jahr Mut bewiesen und gerade am Vorabend viel Neues gewagt“, sagte Nicolas Paalzow zu seinem Abgang. „Leider haben wir damit nicht den Nerv der Zuschauer getroffen. Der Start in die Herbst-Season ist Sat.1 misslungen. Als Geschäftsführer des Senders übernehme ich dafür die Verantwortung.“ Dass Paalzow das tut, aus freien Stücken und bevor andere auf die Idee kommen, ihn in die Wüste zu schicken, entspricht seiner Auffassung, sich an den eigenen Maßstäben messen zu lassen. Vor drei Jahren war er bei Sat.1, dem Sender, der inzwischen elf Geschäftsführer verschlissen hat, mit dem Vorsatz angetreten, innerhalb eines Jahres die notwendigsten Reparaturen im Programm vorzunehmen, im Jahr darauf einen positiven Trend zu verstetigen und nun, mit neuen, eigenen Formaten, durchzustarten. Trotz der vielen Wechsel, sagte Paalzow im Interview mit dieser Zeitung (26. Januar 2013), verfüge der Sender immer noch über bestimmte „Grundkonstanten“, den Fernsehfilm am Dienstag zum Beispiel. Sat.1, meinte Paalzow, sei der „einzige Privatsender, der in größerem Stil in deutsche Fiktion investiert. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal.“

          Alleinstellungsmerkmal? Das war einmal. Der Privatsender, der heute in eigene Programme investiert, diese in internationaler Zusammenarbeit kreiert und damit auch Erfolg hat, ist RTL. Bei Sat.1 jedoch, dem ehemaligen Familiensender, ging so vieles verloren, dass man schon von einer Identitätskrise sprechen kann. An die Serien, die in den vergangenen Jahren kamen und schnell wieder verschwanden, kann man sich kaum noch erinnern, und ihnen standen mit „Der letzte Bulle“ und „Danni Lowinski“ nur zwei langlebige und profilbildende Serien gegenüber. Im Genre der Reality-Show sollte es das auf ein ganzes Jahr angelegte „Newtopia“ richten, doch auch das endete in diesem Frühjahr in einem Desaster.

          Erfolge und Misserfolge hätten sich vielleicht noch die Waage gehalten, wäre Sat.1 jetzt nicht mit einem derart vernichtenden Einspielergebnis in den Wettbewerb gestartet. Jugendlicher und weiblicher sollte das Programm werden, das hatte sich Nicolas Paalzow vorgenommen. Doch was Sat.1 an Jugend- und Frauenpower aufbot, wollte sich das Publikum partout nicht ansehen, von vornherein. Die Serien begannen schwach, es gab kein Zeichen für Besserung, nun wird das Programm ad hoc notfallmäßig gestopft. Es rächt sich nun auch, dass es bei Sat.1, bevor Nicolas Paalzow kam, Chefwechsel beinahe im Jahresturnus gab. Das ist in der Fernsehbranche mit ihren langen Entwicklungszyklen, in denen Programme entstehen, tödlich. Und das schlägt selbstverständlich auch auf die handwerkliche Qualität durch. So wirkt die Daily Soap „Mila“ mit Susan Sideropoulos etwa wie eine lahme Kopie der Telenovela „Verliebt in Berlin“ mit Alexandra Neldel, mit der Sat.1 vor zehn Jahren einen Trend gesetzt hatte. Jetzt kopiert der Sender sich selbst und andere und läuft sämtlichen Trends hinterher. Die Muttergesellschaft Pro Sieben Sat.1 mag pekuniär bestens dastehen und Rekordumsätze erzielen, dem Sender hilft das nicht, er steht vor dem Abstieg in die zweite Liga der Branche.

          Als Nicolas Paalzow bei Sat.1 antrat, konnte man denken, er habe sich für eine Mission Impossible verpflichtet. Andererseits durfte man sich fragen: Wer schafft das denn sonst als jemand, der den Laden so gut kennt, der zuerst Chef des Schwestersenders Kabel 1, dann Geschäftsführer bei Pro Sieben und darauf ein paar Jahre lang als Produzent erfolgreich war?

          Nun aber wirkt der gewesene Sat.1-Chef Paalzow so ratlos wie vor ein paar Wochen Gladbachs Trainer Lucien Favre und - nimmt sich wie dieser selbst aus dem Spiel. Damit der Sender wieder in die Erfolgsspur finden kann. Ohne ihn.

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