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Das Autowrack der Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia, illustriert von Tobi Frank Bild: tobifrank.com

Daphne Caruana Galizia : Mord als Symbol

  • -Aktualisiert am

Nach einer jahrelangen Hasskampagne wird die Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia 2017 von der mafiösen Elite in Malta ermordet. Ihre Berichte über das organisierte Verbrechen bleiben als Vorbild.

          6 Min.

          Seit Daphnes Tod wissen wir: Journalisten bringen sich nicht in die größte Gefahr, wenn sie aus Kriegsgebieten berichten, sondern wenn sie Korruption im eigenen Land aufdecken.“ – Der erschütternde Satz stammt von Corinne Vella. Ich lerne sie in Berlin auf dem Kongress „Coreact“ des Vereins „Mafianeindanke“ kennen. Es sind Aktivisten aus ganz Europa anwesend: Gemeinsam nehmen wir an einer Gedenkveranstaltung für die 2017 in Malta ermordete Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia teil. Corinne ist Daphnes Schwester. Besonnen spricht sie auf der Bühne über die Bedeutung von Daphnes tragischem Tod für die Aufklärung organisierter Verbrechen und die Pressefreiheit in Europa. Erst im persönlichen Gespräch aber bekomme ich ein Gespür für die Trauer und Erschöpfung, die auf Daphnes Familie lastet. Etwa wenn Corinne erzählt, wie dankbar sie für kleine zugesteckte Briefe mit Solidaritätsbekundungen oder das Angebot einer Freundin ist, ihr etwas Essen vorbeizubringen, während sie selbst unzählige Interviews führt und dafür kämpft, dass die Justiz in Malta endlich ihre Aufgabe erfüllt.

          Daphne publizierte ihr Leben lang zu heiklen politischen Themen: Sie kritisierte totalitäre Regime weltweit, schrieb über die Verbindungen zwischen organisiertem Verbrechen und politischen Eliten, über Nepotismus und Geldwäsche. Zuletzt wertete sie für Malta die „Panama Papers“ aus und belastete dabei als Erste die maltesischen Politiker Konrad Mizzi und Keith Schembri, wofür sie vom Magazin „Politico“ zur „Eine-Frau-Wikileaks“ gekürt wurde. Als ihrer Schwester Corinne bewusst wird, dass weder die Politik noch Polizei oder Strafverfolgung ein Interesse an der Aufdeckung des Mordes zu haben scheinen, wendet sie sich an die EU. Seit dem Mord ist die Aufklärung des Falls zu ihrem Full-Time-Job geworden. Ihr Engagement führte dazu, dass eine Resolution des Europarates unabhängige Ermittlungen im Land überhaupt erst möglich gemacht hat und zwei Jahre nach dem Mord wieder Hoffnung auf Wahrheit und Gerechtigkeit besteht.

          Wer waren die Hintermänner?: Denkmal für die getötete maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia

          Alles beginnt mit der in Dubai registrierten Offshore-Gesellschaft 17 Black, die laut der „Panama Papers“ dem maltesischen Großunternehmer Yorgen Fenech gehört. Die Firma zahlt Schmiergelder an die in Panama ansässigen Unternehmen maltesischer Politiker, darunter der ehemalige Energieminister Konrad Mizzi und der Kabinettchef Keith Schembri, der im November zurücktreten musste. Die illegalen Zahlungen sollen der Firma Electrogas der Tumas Group, dessen Leitung Yorgen Fenech 2014 von seinem Vater übernommen hat, den Auftrag für den Bau eines 450 Millionen Euro teuren Gaskraftwerks garantieren. Unter den Investoren ist auch das deutsche Unternehmen Siemens. Daphne Caruana Galizia deutet auf ihrem Blog an, dass sie über den Korruptionsskandal berichten und damit hochrangige Politiker belasten wird. Daraufhin wird sie am 16. Oktober 2017 vor ihrem Haus am helllichten Tag durch eine Autobombe ermordet.

          Von den Behörden übergangen

          Während der Premierminister Joseph Muscat den Hauptverdächtigen Keith Schembri deckt und über die Mordermittlungen informiert, wird Daphnes Familie von den Behörden übergangen: Als Schembri entlassen wird, erfährt sie von der sehr kurzen polizeilichen Mitteilung über die sozialen Medien.

          In Malta gehört die Presse vor allem den Parteien. „Reporter ohne Grenzen“ listet die Pressefreiheit im Land auf Rang 77 von 180. Dennoch hält Premierminister Muscat die maltesischen Institutionen für stabil und funktionsfähig. Seinen Rücktritt hat er zwar aufgrund des steigenden öffentlichen Drucks angekündigt, jedoch bald darauf auf Januar 2020 verschoben. Für Corinne und die Familie ist das eine Zumutung: In ihrer Presseerklärung „Joseph Muscat must go now“ vom 1. Dezember fordert sie, dass die einzige Rolle, die der Premierminister im Prozess noch spielen dürfe, die eines Verdächtigen sei. Muscat war noch in diesem Jahr im Gespräch für die Nachfolge des EU-Ratspräsidenten Donald Tusk. Wie konnte Daphne diese mächtigen Männer so provozieren?

          Vor dreißig Jahren, als Journalisten in Malta nicht unter eigenem Namen publizierten und es nichts Kontroverses zu lesen gab, begann die junge Daphne Caruana Galizia, sich als unabhängige Investigativjournalistin einen Namen zu machen. Die Meinung einer starken, jungen Frau mit drei kleinen Kindern, Humor und einem Gespür für wunde Punkte im politischen System war schon damals nicht erwünscht. Im Laufe ihrer dreißigjährigen Karriere wurde sie nicht nur als „Hure“ diffamiert, sondern sogar in Theaterstücken als alte Hexe inszeniert. Die Hetzkampagne reichte von Verleumdungsklagen über mediale Propaganda und aufgeschlitzte Reifen über vergiftete Hunde bis hin zu Brandanschlägen auf ihre ganze Familie. So hat man ihr lange vor dem Mord die Menschlichkeit abgesprochen.

          Ihr Tod war ein grausames Spektakel

          Daphne selbst beschrieb die Angriffe der Regierungspartei Labour auf ihrem Blog als totalitär, die Taktik habe bei der Bevölkerung gewirkt: „Sie wissen nicht, worüber ich schreibe, aber sie wissen, dass sie mich hassen und beleidigen sollen. (...) Doch ist es die Aufgabe von Journalisten in einer Demokratie, Politiker in Frage zu stellen. Es ist nicht Aufgabe der Politiker, Journalisten als solche in Frage zu stellen. Ersteres ist Demokratie, Zweiteres Faschismus.“ Daphnes Schwester Corinne erinnert an die Rolle der Medien als vierte Gewalt der Demokratie. Wenn Journalisten in einem EU-Land nicht mehr sicher seien, sei das ein Sicherheitsrisiko für ganz Europa. Journalisten trügen hier auch selbst die Verantwortung: Widerstand könne nur dort ansetzen, wo Angriffe auf die Pressefreiheit ernst genommen und gemeldet würden, zum Beispiel über Instrumente wie das Projekt „Mapping Media Freedom“ des European Centre for Press and Media Freedom oder den IFEX-Bericht über die Sicherheit von Journalisten. Trotz anderer Umstände besteht auch in Deutschland Gefahr: Verleumdungen wie „Lügenpresse“ gefährden die freie Berichterstattung, Journalisten sind zunehmend Beleidigungen und Einschüchterungen bis hin zu Morddrohungen ausgesetzt. Corinne glaubt deshalb an die Kraft von Kommunikationssystemen, die nationale Grenzen überwinden.

          Daphnes Tod hat einerseits bewiesen, dass Journalisten sich heutzutage in Europa in Lebensgefahr begeben, wenn sie über organisiertes Verbrechen berichten. Er sollte jedoch nicht nur Warnung und Abschreckung für solche sein, die sich solidarisch zeigen oder es ihr gleichtun könnten. Er erinnert auch an die Morde an den italienischen Antimafia-Anwälten Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, die wie Daphne bei Tageslicht durch Autobomben getötet wurden. Auch der Mord an Daphne ist nur eine weitere schamlose Demonstration dafür, dass organisierte Kriminalität oft straffrei davonkommt. Diese Botschaft kam zumindest bei Daphnes Familie eindeutig an. Die Kulturhistorikerin Ileana Diéguez nennt diese performative Wirkung der Gewalt „Nekro-Theater“. Daphnes Tod war in der Tat ein grausames Spektakel: ein Symbol für die Folgen des öffentlichen Desinteresses am modernen organisierten Verbrechen und an kollektiver Korruption, die in den Köpfen beginnt.

          Im Gespräch mit Corinne begreife ich: Im kleinsten EU-Staat Malta kennt man sich untereinander, verdankt sich Posten und Aufträge. Doch der Boden für Korruption wird schon dort fruchtbar gemacht, wo Menschen so sehr an den eigenen Profit denken, dass sie keine Vorstellung und Werte einer Gemeinschaft mehr teilen. Das sich gut in den entgrenzten Kapitalismus einfügende Mantra „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“ hat einen hohen Preis. Es kann uns zu Marionetten eines für uns unsichtbaren, kriminellen Systems machen. Tatsächlich wird laut einer Stellungnahme des Netzwerks Steuergerechtigkeit zum neuen Geldwäsche-Gesetz in Deutschland weltweit etwa jeder zehnte bis zwanzigste Euro anonym investiert und entzieht sich Überwachung, Besteuerung und demokratischer Kontrolle, und ungefähr jeder zwanzigste bis dreißigste Euro wird illegal verdient und gewaschen.

          Unter „Mafia“ dürfen wir uns nicht länger eine süditalienische Gangster-Kultur inklusive abgehackter Pferdeköpfe vorstellen. Organisierte Kriminalität gefährdet auch bei uns Demokratie und Pressefreiheit. Daphnes Fall ist ein Symbol dafür, dass wir diese Themen in Zukunft zusammendenken müssen. Es wird Aufgabe der neuen Generationen sein, dafür ein Bewusstsein zu schaffen und den Kampf gegen das organisierte Verbrechen mit anderen politischen Forderungen zu verknüpfen, besonders wenn es um soziale Gerechtigkeit geht.

          Organisiertes Verbrechen kennt keine Grenzen

          Anders als in Italien ist Mafia-Zugehörigkeit in Deutschland aber nicht explizit strafbar. Bei uns werden jedes Jahr etwa 100 Milliarden Euro gewaschen, aber nur weit unterhalb einer Milliarde Euro eingezogen. Besonders auf dem Immobilienmarkt gibt es eine große Zahl anonymer Investoren, viel gewaschenes Geld und Transaktionen mit schmutzigem Geld. Doch das Problem ist auch: Unsere Finanzmärkte sind global, organisiertes Verbrechen kennt keine Grenzen. Polizeiarbeit und Strafverfolgung hingegen schon, und zwar nicht nur die nationalen Grenzen des Strafrechts und den Mangel an transnationaler Kooperation, sondern auch die Grenzen der Unterbesetzung und Unterfinanzierung. Die Probleme der heutigen Zeit werden wir nicht ohne die Bekämpfung global agierender krimineller Strukturen bewältigen. Doch wie Corinne richtig sagt: Wandel beginnt in den Köpfen.

          Deshalb hat Daphnes Familie nach ihrem Tod eine nach ihr benannte Non-Profit-Stiftung gegründet und die Kampagne „Justice for Daphne Caruana Galizia“ ins Leben gerufen. So hat sie eine breitere Öffentlichkeit nicht nur dazu bewegt, öffentliche Ermittlungen in dem Mordfall zu fordern, sondern konnte sie auch für größere Ziele gewinnen: Daphnes Geschichte soll als Präzedenzfall dazu beitragen, die Straffreiheit für den Mord und die Gewalt an Journalisten zu beenden, die Menschen über organisierte Kriminalität aufzuklären und transnationale Netzwerke im Kampf gegen Korruption und Mafia zu stärken.

          In der griechischen Mythologie verwandelt sich Daphne in einen Lorbeerbaum. Der Lorbeerkranz ist bis heute ein Symbol für einen großen Erfolg oder besondere Ehre. In Maltas Protest- und Gedenkaktionen für die Ermordete haben Lorbeerblätter eine große Rolle gespielt, die Menschen haben Botschaften der Hoffnung darauf geschrieben. Corinne erzählt mir, dass Daphne selbst zu Lebzeiten in ihrem üppigen Garten Lorbeer angebaut hat. Der Familie gibt die Pflanze heute den Mut und die Kraft, ihr Vermächtnis lebendig zu halten. Wir alle sollten uns ihrem Kampf anschließen.

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