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Daphne Caruana Galizia : Mord als Symbol

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Im Gespräch mit Corinne begreife ich: Im kleinsten EU-Staat Malta kennt man sich untereinander, verdankt sich Posten und Aufträge. Doch der Boden für Korruption wird schon dort fruchtbar gemacht, wo Menschen so sehr an den eigenen Profit denken, dass sie keine Vorstellung und Werte einer Gemeinschaft mehr teilen. Das sich gut in den entgrenzten Kapitalismus einfügende Mantra „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“ hat einen hohen Preis. Es kann uns zu Marionetten eines für uns unsichtbaren, kriminellen Systems machen. Tatsächlich wird laut einer Stellungnahme des Netzwerks Steuergerechtigkeit zum neuen Geldwäsche-Gesetz in Deutschland weltweit etwa jeder zehnte bis zwanzigste Euro anonym investiert und entzieht sich Überwachung, Besteuerung und demokratischer Kontrolle, und ungefähr jeder zwanzigste bis dreißigste Euro wird illegal verdient und gewaschen.

Unter „Mafia“ dürfen wir uns nicht länger eine süditalienische Gangster-Kultur inklusive abgehackter Pferdeköpfe vorstellen. Organisierte Kriminalität gefährdet auch bei uns Demokratie und Pressefreiheit. Daphnes Fall ist ein Symbol dafür, dass wir diese Themen in Zukunft zusammendenken müssen. Es wird Aufgabe der neuen Generationen sein, dafür ein Bewusstsein zu schaffen und den Kampf gegen das organisierte Verbrechen mit anderen politischen Forderungen zu verknüpfen, besonders wenn es um soziale Gerechtigkeit geht.

Organisiertes Verbrechen kennt keine Grenzen

Anders als in Italien ist Mafia-Zugehörigkeit in Deutschland aber nicht explizit strafbar. Bei uns werden jedes Jahr etwa 100 Milliarden Euro gewaschen, aber nur weit unterhalb einer Milliarde Euro eingezogen. Besonders auf dem Immobilienmarkt gibt es eine große Zahl anonymer Investoren, viel gewaschenes Geld und Transaktionen mit schmutzigem Geld. Doch das Problem ist auch: Unsere Finanzmärkte sind global, organisiertes Verbrechen kennt keine Grenzen. Polizeiarbeit und Strafverfolgung hingegen schon, und zwar nicht nur die nationalen Grenzen des Strafrechts und den Mangel an transnationaler Kooperation, sondern auch die Grenzen der Unterbesetzung und Unterfinanzierung. Die Probleme der heutigen Zeit werden wir nicht ohne die Bekämpfung global agierender krimineller Strukturen bewältigen. Doch wie Corinne richtig sagt: Wandel beginnt in den Köpfen.

Deshalb hat Daphnes Familie nach ihrem Tod eine nach ihr benannte Non-Profit-Stiftung gegründet und die Kampagne „Justice for Daphne Caruana Galizia“ ins Leben gerufen. So hat sie eine breitere Öffentlichkeit nicht nur dazu bewegt, öffentliche Ermittlungen in dem Mordfall zu fordern, sondern konnte sie auch für größere Ziele gewinnen: Daphnes Geschichte soll als Präzedenzfall dazu beitragen, die Straffreiheit für den Mord und die Gewalt an Journalisten zu beenden, die Menschen über organisierte Kriminalität aufzuklären und transnationale Netzwerke im Kampf gegen Korruption und Mafia zu stärken.

In der griechischen Mythologie verwandelt sich Daphne in einen Lorbeerbaum. Der Lorbeerkranz ist bis heute ein Symbol für einen großen Erfolg oder besondere Ehre. In Maltas Protest- und Gedenkaktionen für die Ermordete haben Lorbeerblätter eine große Rolle gespielt, die Menschen haben Botschaften der Hoffnung darauf geschrieben. Corinne erzählt mir, dass Daphne selbst zu Lebzeiten in ihrem üppigen Garten Lorbeer angebaut hat. Der Familie gibt die Pflanze heute den Mut und die Kraft, ihr Vermächtnis lebendig zu halten. Wir alle sollten uns ihrem Kampf anschließen.

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