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Daphne Caruana Galizia : Mord als Symbol

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In Malta gehört die Presse vor allem den Parteien. „Reporter ohne Grenzen“ listet die Pressefreiheit im Land auf Rang 77 von 180. Dennoch hält Premierminister Muscat die maltesischen Institutionen für stabil und funktionsfähig. Seinen Rücktritt hat er zwar aufgrund des steigenden öffentlichen Drucks angekündigt, jedoch bald darauf auf Januar 2020 verschoben. Für Corinne und die Familie ist das eine Zumutung: In ihrer Presseerklärung „Joseph Muscat must go now“ vom 1. Dezember fordert sie, dass die einzige Rolle, die der Premierminister im Prozess noch spielen dürfe, die eines Verdächtigen sei. Muscat war noch in diesem Jahr im Gespräch für die Nachfolge des EU-Ratspräsidenten Donald Tusk. Wie konnte Daphne diese mächtigen Männer so provozieren?

Vor dreißig Jahren, als Journalisten in Malta nicht unter eigenem Namen publizierten und es nichts Kontroverses zu lesen gab, begann die junge Daphne Caruana Galizia, sich als unabhängige Investigativjournalistin einen Namen zu machen. Die Meinung einer starken, jungen Frau mit drei kleinen Kindern, Humor und einem Gespür für wunde Punkte im politischen System war schon damals nicht erwünscht. Im Laufe ihrer dreißigjährigen Karriere wurde sie nicht nur als „Hure“ diffamiert, sondern sogar in Theaterstücken als alte Hexe inszeniert. Die Hetzkampagne reichte von Verleumdungsklagen über mediale Propaganda und aufgeschlitzte Reifen über vergiftete Hunde bis hin zu Brandanschlägen auf ihre ganze Familie. So hat man ihr lange vor dem Mord die Menschlichkeit abgesprochen.

Ihr Tod war ein grausames Spektakel

Daphne selbst beschrieb die Angriffe der Regierungspartei Labour auf ihrem Blog als totalitär, die Taktik habe bei der Bevölkerung gewirkt: „Sie wissen nicht, worüber ich schreibe, aber sie wissen, dass sie mich hassen und beleidigen sollen. (...) Doch ist es die Aufgabe von Journalisten in einer Demokratie, Politiker in Frage zu stellen. Es ist nicht Aufgabe der Politiker, Journalisten als solche in Frage zu stellen. Ersteres ist Demokratie, Zweiteres Faschismus.“ Daphnes Schwester Corinne erinnert an die Rolle der Medien als vierte Gewalt der Demokratie. Wenn Journalisten in einem EU-Land nicht mehr sicher seien, sei das ein Sicherheitsrisiko für ganz Europa. Journalisten trügen hier auch selbst die Verantwortung: Widerstand könne nur dort ansetzen, wo Angriffe auf die Pressefreiheit ernst genommen und gemeldet würden, zum Beispiel über Instrumente wie das Projekt „Mapping Media Freedom“ des European Centre for Press and Media Freedom oder den IFEX-Bericht über die Sicherheit von Journalisten. Trotz anderer Umstände besteht auch in Deutschland Gefahr: Verleumdungen wie „Lügenpresse“ gefährden die freie Berichterstattung, Journalisten sind zunehmend Beleidigungen und Einschüchterungen bis hin zu Morddrohungen ausgesetzt. Corinne glaubt deshalb an die Kraft von Kommunikationssystemen, die nationale Grenzen überwinden.

Daphnes Tod hat einerseits bewiesen, dass Journalisten sich heutzutage in Europa in Lebensgefahr begeben, wenn sie über organisiertes Verbrechen berichten. Er sollte jedoch nicht nur Warnung und Abschreckung für solche sein, die sich solidarisch zeigen oder es ihr gleichtun könnten. Er erinnert auch an die Morde an den italienischen Antimafia-Anwälten Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, die wie Daphne bei Tageslicht durch Autobomben getötet wurden. Auch der Mord an Daphne ist nur eine weitere schamlose Demonstration dafür, dass organisierte Kriminalität oft straffrei davonkommt. Diese Botschaft kam zumindest bei Daphnes Familie eindeutig an. Die Kulturhistorikerin Ileana Diéguez nennt diese performative Wirkung der Gewalt „Nekro-Theater“. Daphnes Tod war in der Tat ein grausames Spektakel: ein Symbol für die Folgen des öffentlichen Desinteresses am modernen organisierten Verbrechen und an kollektiver Korruption, die in den Köpfen beginnt.

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