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Attentat im Fernsehen : Zum Menschen werden

Ungewisse Bedrohung: Nach dem Spiel im Stade de France sammeln sich Zuschauer auf dem Spielfeld Bild: AFP

Die Nachricht des Attentats trifft die Fußballreporter mitten im Geschehen. Vor den Kameras ringt man um Worte, doch man liest schon in den Gesichtern, was an diesem Abend geschehen ist.

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          Weit nach Mitternacht steht der Fußballreporter Boris Büchler vom ZDF vor dem Stade de France und erzählt, hastig, kontrolliert, mit angespannten Augen, von den letzten Stunden hier, im Stadion, wo er sein sollte, um Fußballspieler zu interviewen, was seine Spezialität ist, die nicht jedem gefällt, aber das ist jetzt völlig egal, das ist von gestern, aus einer anderen Welt. Bücher erzählt jetzt von den Bombenschlägen nah beim Stadion, die dort drinnen „nachhallten“, wie Mehmet Scholl, der Experte der ARD, es etwas früher beschrieben hatte. Von Augenzeugen erzählt Büchler, die Blut gesehen hatten und diese Nachrichten ins Stadion hineintrugen – wo in diesem Moment, nach Mitternacht, immer noch Tom Bartels von der ARD auf seinem Kommentatorenposten sitzt, die Kopfhörer haben seine Haare nach oben geschoben, die Augen sind geweitet, so sitzt Bartels da und erzählt aus dem Ort, aus dem man lange nicht herauskommt: das kriechende Unbehagen, die schleichende Wahrheit, erst die Bombendrohung, dann die Schläge, dann wird Hollande weggeholt, dann ist es Realität, Panik nach Abpfiff, das Gerücht einer Waffe, und irgendwann wird klar, warum Jérôme Boateng, der große deutsche Innenverteidiger, in der Kabine blieb: Weil er Angst hatte und mit seinen Leuten reden wollte.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nachhall. Schockwellen. Den Schlag hören, am Fernseher, den zweiten, und dann diese Vagheit in der Stimme von Tom Bartels, wie der erst nicht deuteln will, sich aber nicht dagegen wehren kann, weil sich da ein Zusammenhang ja ganz von selbst erstellt, die Bombendrohung vom Spielerhotel und jetzt diese Schläge – und deswegen zum Spiel zurückkehrt, das übrigens nicht schlecht ist, bis er es dann aussprechen muss: Liebe Zuschauer, es ist etwas passiert, es geht hier nicht mehr um Fußball.

          Von da an sieht man dieses Spiel auf zwei Bildschirmen. Dort, wo es läuft und mit jeder Minute irrelevanter wird, wo Bartels mehrmals mehr oder weniger darum bittet, vom Sender genommen zu werden, was nützt denn Fußball jetzt, da draußen ist etwas passiert! Und auf dem zweiten Bildschirm laufen die Nachrichten ein, Bomben, Schießereien, Geiselnahme, aber es wird auch gleich medienkritisch getwittert, was macht die ARD denn da? Sportfritzen, really? Aber man sitzt nur da und denkt: Quatsch, Leute, schaut doch nur mal in die Gesichter von Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl – aus denen etwas gewichen ist, was sonst immer da ist; jetzt steht in diesen Gesichtern etwas geschrieben, was sie selbst gar nicht in Worte fassen können, obwohl sie ständig darum gebeten werden. Zwei vom Sport, die sich auf dem Weg in eine andere Rolle, für die sie gar nicht da sind, in Menschen verwandeln – und damit aus dieser schrecklichen Nacht von Paris etwas erzählen können, was die Korrespondenten nicht zu fassen kriegen, weil die erst mal den Stand der Dinge klären müssen.

          Gestrandete Fußballprofis hinter den Kulissen. Sehr berühmte, sehr konfuse Leute. Funktionäre. Stadionbesucher. Der Bundestrainer, der kaum was sagt und deswegen das Richtige sagt.

          Bis die „Tagesschau“ übernimmt, wo Thorsten Schröder mit stählernen Nerven den Stand der Dinge alle paar Sekunden erneuert und Ellis Fröder, die Paris-Korrespondentin, immer wieder das Gleiche erzählen muss. Dass man noch nichts Genaues weiß. Was man aber an diesem Abend von diesem Abend schon wissen konnte, sah man in den Gesichtern der Leute vom Sport.

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