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Zum Ende der „Lindenstraße“ : Mutter Beimer brät das letzte Spiegelei

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Machen sie mal eine typische Handbewegung: Christine Stienemeier (links) und Marie-Luise Marjan in der „Lindenstraße“. Bild: WDR/Thomas Kost

Nun ist es soweit: Nach 35 Jahren und 1758 Folgen endet im Ersten die „Lindenstraße“. Das ist schon eine Ära. Die Endlosserie wird vermisst werden, auch wenn man sie nie gesehen hat.

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          Es ist die Zeit der Phantomschmerzen. Auch wer nie in die Oper ging oder zum Mannschaftssport, vermisst die Möglichkeit dazu dieser Tage enorm. Ausgerechnet jetzt kommt ein weiterer Abschied hinzu, das zwei Jahre lang vorbereitete Ende der „Lindenstraße“. Ein finaler Toter deutet sich für die Folge 1758 an, jemand ist von der Baustelle gefallen – plump, aber kann passieren –, und die in ihrer Rolle gut gealterte Anna (das zeigt eine Vorab-Doku im Ersten) gerät unter Mordverdacht.

          Mutter Beimer, das Rollenmodell für eine ganze Gesellschaft, die dann quasi ein Mutter-Beimer-Double zur Kanzlerin machte, brät sich derweil ein Ei, und das tut sie noch nach Jahrzehnten mit einer Mimik, die selbst in der Stummfilmära überspielt gewirkt hätte.

          Der Autor dieser Zeilen muss gestehen, in 35 Jahren so gut wie keine Folge aus dem Kölner Pseudo-München komplett gesehen zu haben, nur kleine Brocken hier und da, deren hölzerne Dialoge und seifige Dramatik nie zu mehr verführten.

          An Wahlabenden war „Lindenstraße“ eine absurd laientheaterhafte Bierhol-Unterbrechung der Wahlberichterstattung mit hineingeschnittener Wahlberichterstattung. Über Verrisse konnte sich ihr Erfinder Hans W. Geißendörfer nicht beklagen: Die Doku erinnert daran, dass schon die allerersten Pressekritiken, noch tief im Analogzeitalter, die Serie „öd und grau“ nannten.

          Und doch wird die „Lindenstraße“ vermisst werden, gerade hier in Köln. Einfach, weil sie seit jeher da war. In Stadt und Nachtleben traf man allenthalben auf ihre entlaufenen Bewohner, die nie so ganz nur als Schauspieler wahrgenommen wurden.

          „Da ist Momo“, hieß es dann etwa im „Underground“, und alle nickten, ah ja, Momo. Ein bisschen erinnerte der Pappkulissenzirkus aus Bocklemünd immer schon an die Umkehrung von „Big Brother“: Man beobachtete hier eben, wie die Lindis sich in der Öffentlichkeit bewegten.

          Auch die Aufbereitung vermeintlicher Skandale durch Boulevardmedien war ähnlich. Schwule Küsse, Anti-Atom-Proteste, Bennys rechtsradikale Phase, der an Aids gestorbene Handwerker, immer wieder Flüchtlinge, all das war eine gewagte Verdichtung gesellschaftlicher Problematiken und zugleich ein charmant liberales Erziehungsprogramm, von dem man sich wünschen durfte, es würde Rassisten, Homophoben und Atom-Lobbyisten in Dauerschleife vorgesetzt.

          In einfacher Sprache predigte diese Sonntagsmesse, wie empathisch und gänzlich unversifft der links-grüne Lebensstil allen Verleumdungen zum Trotz ist. Aber dafür selbst einschalten? Das taten immer weniger Zuschauer, zuletzt noch etwas mehr als zwei Millionen (es hatte einst mit vierzehn Millionen begonnen). Im goldenen Serienzeitalter ist kein Platz mehr für eine Textaufsage-Soap mit Spiegelei-Plot. Für die meisten war die „Lindenstraße“ schon seit langem ein Phantom, jetzt kann sie zum „Phantomschmerz“ werden. Das ist womöglich ein Aufstieg, in jedem Fall aber ein ehrenwerter Abgang.

          Die letzte Folge der Lindenstraße läuft heute, am Sonntag, um 18.50 Uhr, im Ersten. Der Rückblick Bye, Bye, Lindenstraße beginnt um 18 Uhr.

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