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Amerikas Traum als Serie : Einer für alle

Er glaubt es selbst nicht: Deputy Bill Hollister (Stephen Dorff) wird Sheriff. Bild: 13th Street

Vorschnelle Kritiker hielten die Serie „Deputy“ für einen Western von gestern. Dabei geht es dort nicht um einen „alten, weißen Mann“, sondern um selbstverständliche Diversität, Chancengleichheit und Freiheit. Also um den „amerikanischen Traum“, der in der Realität gerade zerstört wird.

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          Bei dem Bezahlsender „13th Street“ ist gerade die Serie „Deputy“ zu Ende gegangen. Sie wurde hierzulande von Kritikern schon totgesagt, bevor sie angelaufen war. Denn sie schien alle Vorurteile zu bestätigen, mit denen genderantirassismusaffine Aktivisten schnell bei der Hand sind: Alter weißer Mann reitet in die Stadt und bittet zum Showdown, Mütter holen schnell die Kinder von der Straße, den Bösen schlägt das letzte Stündlein, Wilder Westen beim „Einsatz in Los Angeles“.

          Doch danach sah diese Serie nicht einmal in der ersten Folge aus. Denn der Sheriff Bill Hollister, den Stephen Dorff spielt, tritt mit einer Truppe an, die in Sachen Diversität nichts zu wünschen übrig lässt: Schwarze, Weiße, Hispanics, Frauen, Männer, und schließlich hat Deputy Brianna Bishop (Bex Taylor-Klaus) als lesbische Spitzenpolizistin auch noch ihr Coming-out als Transgender.

          Das geschah kurz nach der Halbzeit der Serie, die nach einer Staffel mit nur dreizehn Folgen eingestellt wurde. Das ist nicht nur bedauerlich, weil „Deputy“ mit einem gewaltigen Cliffhanger endet – Bill Hollister, der ein rebellischer Antiautoritätschef mit sozialem Gewissen ist und nur durch einen Zufall den Posten für hundert Tage bekam, bewirbt sich nun offiziell um das Wahlamt.

          Die Serie würde vielmehr als fiktionale Spiegelung der realen amerikanischen Verhältnisse bestens passen. Denn in ihr kämpfen Menschen um ihren amerikanischen Traum, der zurzeit vom Präsidenten in Washington ebenso torpediert wird wie von denen, die in Minneapolis und andernorts den „Black Lives Matter“-Protest in Straßenterror und Plünderfeldzüge verwandeln.

          Die Spaltung der Gesellschaft hält ein Sheriff, dessen tatsächlichen, finalen Einsatz zu Pferde gegen eine schwerbewaffnete Gang man als ironische Anspielung auf die Western von gestern verstehen darf, selbstverständlich allein nicht auf, nicht mal im Fernsehen. Im Verein mit all den anderen guten Willens, deren unterschiedliche Herkunft und Identität sie nicht trennt, sondern eint, würde er aber doch einen Kontrapunkt setzen. So sieht echte, nicht bloß eine elitär behauptete Inklusion aus. Einer für alle, alle für einen. Das „We the People“ der amerikanischen Verfassung schwingt hier in jeder Szene durch. Und es sind auch wirklich „alle“ gemeint. Das hätte für mehr als eine Staffel gereicht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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