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Appell der Rundfunkchefs : Was ist der Auftrag der Europäischen Rundfunkunion?

  • -Aktualisiert am

Flagge zeigen für Europa: Der Europäischen Rundfunkunion (EBU) sind 72 Rundfunksender aus 56 Staaten angeschlossen. Bild: dpa

Öffentlicher Rundfunk ist wichtiger denn je. Er bringt Europas Kultur zum Vorschein, hält die Gesellschaft zusammen und ist ein Leuchtturm in einer Welt voller Fake News. Ein Gastbeitrag.

          In diesem Monat übernehmen wir mit großer Freude die Präsidentschaft der European Broadcasting Union (EBU). In ihr haben sich 119 öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten aus 56 Ländern zusammengeschlossen, die, individuell und kollektiv, einen wichtigen Beitrag zum demokratischen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben in Europa leisten.

          Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten sind einzigartig in der modernen Medienlandschaft. Wir treffen Entscheidungen ausschließlich zum Wohle der Nutzer, unabhängig von kommerziellen oder finanziellen Erwägungen. In der sich rasant wandelnden Welt von heute wird das immer wichtiger.

          Erstens sind die öffentlich-rechtlichen Sender auf einzigartige Weise imstande und verpflichtet, unsere Kultur zum Ausdruck zu bringen. Wir wissen, dass Zuschauer faszinierende neue Produktionen aus der ganzen Welt sehen wollen, wissen aber auch, dass sie ihre eigene Lebenswirklichkeit auf dem Bildschirm oder im Radio repräsentiert sehen wollen. Sie sind an Sendungen interessiert, die sich mit einigen der drängendsten Fragen in ihrer Gesellschaft beschäftigen.

          Es ist daher wichtig, Auswahl nicht mit Vielfalt zu verwechseln. Es mag immer mehr angebotene Inhalte geben, doch diese Inhalte sind in immer geringerem Maß wirklich unabhängig und haben mit dem Leben der Menschen und ihrem gesellschaftlichen Umfeld immer weniger zu tun. Allein in Europa investieren öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten jährlich mehr als 18 Milliarden Euro in lokale Inhalte. Davon entfallen über 80 Prozent auf Originalproduktionen. Und wir wissen, dass dort, wo die Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Sender eingefroren oder gekürzt wird, diese Lücke nicht durch andere Investitionen geschlossen wird. Als Förderung lokaler Ideen und Talente ist dies nicht nur für die heimische Kreativbranche von großem Wert. Es ist auch wesentlich für die kulturelle Entwicklung und die Gestaltung unserer nationalen Identitäten.

          Sie führt France Télévisions an: Delphine Ernotte.

          Zweitens kommt dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine wichtige Rolle zu, weil er Menschen zusammenbringt. Im vergangenen Jahr veröffentlichte die BBC die Ergebnisse einer weltweiten Umfrage, aus der hervorging, dass mehr als drei Viertel der Befragten ihr Land als gespalten ansehen und mit der Verschärfung dieser Situation rechnen. Tatsächlich haben viele von uns den Eindruck, dass die Gesellschaft, in der wir leben, so gespalten ist wie nie zuvor.

          Damit wird die universale Aufgabe der öffentlichen Rundfunkanstalten umso wichtiger und relevanter. Es ist unsere Pflicht, jeden Einzelnen anzusprechen, allen Stimmen Ausdruck zu geben und zu einem Verständnis der gesellschaftlichen Gruppen untereinander beizutragen. Deswegen bieten die EBU-Mitglieder Dienste in mehr als 160 Sprachen an, mehr als 260 Programme, die sich an sprachliche, ethnische oder religiöse Minderheiten wenden, sowie 226 Programme für Kinder und Jugendliche.

          Generaldirektor der BBC: Tony Hall.

          Und drittens ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein wesentlicher Leuchtturm des Vertrauens in einer Welt voller Fake News. Nutzer haben heutzutage Zugang zu mehr Nachrichten und Informationen denn je, aber ironischerweise wird es immer schwieriger für sie, Nachrichten und Informationen zu finden, von denen sie wissen, dass sie zuverlässig sind. Das ist wichtig, weil Demokratie davon abhängig ist. Eine Demokratie, in der es keinen Zugang zu zuverlässigen Informationen gibt, ist eine geschwächte Demokratie. Deshalb sind die Grundprinzipien von Genauigkeit und Unabhängigkeit, denen sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten verpflichtet fühlen, immer wertvoller geworden. Dass wir für gründliche Berichterstattung eintreten und unermüdlich nach der Wahrheit fragen, ist wichtiger denn je.

          Selbstverständlich sind alle öffentlichen Sender heutzutage mit realen Herausforderungen konfrontiert. Die Branche steht unter erheblichem Druck, ob konkurrenzbedingt, finanziell oder politisch. Wir glauben aber, dass die wachsende Bedeutung der öffentlich-rechtlichen Sender mit ihrem einzigartigen Angebot in der modernen Welt zugleich eine große Chance ist.

          Gemeinsam mit allen EBU-Mitgliedern sind wir entschlossen, für die bedeutsame Mission der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Europa in einer kritischen Zeit einzutreten. Das heißt, für all das zu kämpfen, was erforderlich ist, damit wir auch künftig zum Nutzen aller Hörer arbeiten können: für einen umfassenden und aktuellen Auftrag, damit wir weiterhin jedermann erreichen können – auch online. Für Chancengleichheit, damit wir innovations- und konkurrenzfähig bleiben. Für eine angemessene und stabile Finanzierung, damit unsere Unabhängigkeit gewährleistet und unsere Zukunft gesichert ist. Wir sind entschlossen, diese Gelegenheit zu nutzen und eine neue Ära der Zusammenarbeit zu schmieden. All jene, die sich zu den Grundsätzen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bekennen, müssen künftig noch enger kooperieren und dafür sorgen, dass die Bürger in einer sich wandelnden Medienwelt weiterhin eine reale Wahl haben.

          Delphine Ernotte ist Präsidentin des französischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens, France Télévisions.

          Tony Hall ist Generaldirektor der britischen BBC.

          Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

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