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Bernd Eilert wird 70 : Der Kunstrichter kultiviert sein Inkognito

Nicht gedenkt soll seiner werden: Bernd Eilert Bild: Wolfgang Eilmes

Lieber Federhalter als Solodichter: Bernd Eilert arbeitete lange Zeit mit Otto Waalkes zusammen und schrieb unter einem Sammelpseudonym für die Satire-Zeitschrift Titanic. Nun wird der deutsche Schriftsteller siebzig.

          So könnte eine Germanistenlaufbahn beginnen: mit der Klärung der Frage, ob die entstellenden Beiwörter „Teamchefdenker“ für Franz Beckenbauer und „Botschafterin der langen Beine und Weile“ für Ute Lemper aus der Feder von Bernd Eilert flossen oder unter Umständen einem anderen Autor zuzuschreiben sind.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die beiden Unehrentitel aus dem Wortspielhimmel findet man fast zum Schluss eines fast 500 Seiten starken Taschenbuchs, das 1990 im Haffmans Verlag erschienen ist und „Die 701 peinlichsten Persönlichkeiten“ verzeichnet. Es druckt sämtliche Beiträge einer Kolumne aus der „Titanic“ nach, die von 1979 bis 1989, in den ersten zehn Jahren der Satirezeitschrift, auf der Schlussseite des Heftes stand. Monat für Monat wurden Zeitgenossen an den Pranger gestellt, deren öffentliches Agieren ein Gefühl auslöste, für welches das Wort Fremdschämen noch nicht erfunden war – kein schönes Wort, das überdies bei näherem Nachdenken die Sache auch gar nicht trifft. Es weckt die Assoziation intimer Vertrautheit wie in der Familie. Die Peinlichkeitsparade rügte hingegen Verstöße gegen Stil, guten Geschmack und das minimale Decorum, das beim Austausch von Argumenten zu erwarten ist, wurde also unter Berufung auf das durchaus anspruchsvolle Gefühl zusammengestellt, dass es unangenehm sein kann, mit bestimmten Personen den öffentlichen Raum zu teilen.

          Lemper und Beckenbauer führten die Liste vor fast exakt dreißig Jahren an, im Juli 1989. Zwischen ihnen, auf Platz zwei, „der unvermeidliche DDR-Bürger“ Stefan Heym. Lakonisch fing die Kolumne an: „Es wird viel gedenkt dieser Tage.“ Die vom Duden abweichende Konjugation war ein Protest gegen die Feierlichkeit des Kalenderrituals. Das Gedenken war zum Alltagsgeschäft geworden, war nicht mehr auf Gedenktage beschränkt. Und so hatte es mit Gedanken nichts mehr zu tun, weshalb das korrekt gebildete Partizip „gedacht“ falsch gewesen wäre. Diese sprachkritischen Gedanken führte der Artikel in der „Titanic“ nicht aus, er legte sie lediglich durch seine satirischen Kunstmittel nahe: wortspielerisch.

          Der zweite Satz zog das Register der Drastik, mit einem Wort, das man beispielsweise in dieser Zeitung damals wahrscheinlich noch nicht gedruckt hätte. „Anlässe gibt es gleich kotzkübelweise: Vor 100 Jahren wurde Adolf Hitler geboren, vor 50 fing der 2. Weltkrieg an, vor 40 trat das Grundgesetz der BRD in Kraft.“ Beim Gedanken woran lief dem Chronisten der Peinlichkeit das Magenwasser im Mund zusammen, mutmaßlich durchsetzt mit Schaumwein von der Jubeltageskarte? „Es geht also um Deutschland, die Deutschen, das Deutsche, das Deutsch-Deutsche und somit um einen Wust, zu dem jeder seinen Senf geben kann.“ Köstlich, fein und grob in einem, wie im Wust die Wurst anklingt.

          Stilgefühl durch Diskretion

          Lempers Senf, mittelscharf: Sie sei zwar „froh, jetzt zu leben“, doch „natürlich setzt die neofaschistische Strömung dem Ganzen einen Dämpfer auf“. Beckenbauer schmeckte solche Unzufriedenheit nicht: „Vielleicht ist sie ein Wesenszug der Deutschen.“ In Heyms „Deutsch-deutscher Geschichtsstunde“ wiederum war Schmalhans Lehrmeister: „Wer vor vierzig Jahren geboren wurde, steht heute in der Blüte seines Lebens und ist, im Vollbesitz der Kohlschen Gnade der späten Geburt, überhaupt fein raus.“ So überführten im monatlichen Inquisitionsprozess der Kolumne die Delinquenten sich selbst, mit ihren eigenen Worten, fast ohne Zutun des Gerichtspersonals.

          Daher besteht auch kein Grund, Bernd Eilert für befangen zu erklären, nur weil er 1949 geboren wurde. Sein Name steht auf dem Rücken der stattlichen Gesamtausgabe der Prozessakten, ebenso vorne auf dem Buch. Innen firmiert er als Herausgeber, der eigene „Beiträge zur Sozialhygiene“ gemeinsam mit ebensolchen von nicht weniger als sechs weiteren Autoren zum Druck befördert hat. Darunter sind Wilhelm Genazino und Eckhard Henscheid. Dass diese beiden am Urteil über Lemper und andere nicht mitgewirkt haben, dürfte der künftige Spitzengermanist schon in einer Proseminararbeit nachweisen können. Ihre Mitarbeit an der Kolumne endete 1981 beziehungsweise 1982. Aber eine Dissertation, wenn nicht gar eine Habilitationsschrift verlangt die Händescheidung zwischen Bernd Eilert und dem einzigen nach 1984 verbliebenen Ko-Kolumnisten, einem gewissen Adolf Sömmering. Richtig muss es heißen: einem ungewissen, denn von Sömmering verzeichnet der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek fast nichts.

          Nicht viel mehr ist dort unter der alleinigen Verfasserschaft von Bernd Eilert eingetragen. Von den Klassikern der Neuen Frankfurter Schule ist er derjenige, der am seltensten in eigener Autorenperson auftritt. Er spielt lieber den Federhalter, für Hans Mentz, den Adorno-Doppelgänger mit Kinnbärtchen, der in der „Titanic“ die „Humor-Kritik“ schreibt, oder für Otto Waalkes. Das Stilgefühl des Kunstrichters zeigt sich in der Diskretion. Es wird viel gedenkt dieser Tage. Vor siebzig Jahren trat das Grundgesetz in Kraft. Aber es darf auch gefeiert werden: Am Donnerstag wird auch Bernd Eilert siebzig Jahre alt.

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