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Zukunftsblicke : Was willst du mit dem iPad, sprich!

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Vielleicht ist es auch das, was Printleute plötzlich so für ein elektronisches Medium schwärmen lässt. Auf dem iPad können Zeitungen plötzlich aussehen wie Zeitungen - und nicht wie die geringgeschätzten Online-Ausgaben. Viele Anwendungen arbeiten mit der Metapher der Zeitung; die App der „Welt“ simuliert die groben Fasern von Papierkanten, an umgeknickten Ecken wird „umgeblättert“. Es spricht wenig dafür, dass das der Weg ist, junge Leute, die „Digital Natives“, die ohnehin wenig Erfahrungen mit Zeitungen oder Zeitschriften haben, nun auf diesem Gerät für die eigenen Inhalte zu begeistern. Aber die sind nach Meinung vieler Beobachter auch nicht die, die sich für ein iPad vorrangig begeistern können. Es ist eher eine ältere, analogere Generation.

Illusion der Endlichkeit

Hier gibt es offenkundig ein Bedürfnis eines Teils der Mediennutzer nach Endlichkeit und Überschaubarkeit - im Gegensatz zum unendlichen, unüberschaubaren Internet. Es ist eine Sehnsucht nach dem Gefühl, eine Zeitschrift komplett „durchgeblättert“ zu haben, oder die Illusion, informiert zu sein, wenn man die ganze 20-Uhr-“Tagesschau“ gesehen hat. Das trifft sich bestens mit dem Traum vieler Verleger, um die eigenen Inhalte einen Zaun zu ziehen, am Eingang ein Kassenhäuschen aufzustellen und durch eine Taschendurchsuchung zu kontrollieren, dass niemand etwas mitgehen lässt. Viele Apps sind abgeschlossene Welten ohne Links in die Außenwelt und ohne Möglichkeit, Inhalte zu kopieren, zu empfehlen, zu diskutieren.

Notwendig ist das nicht. Bei „Zeit Online“ ist man besonders stolz darauf, dass sich die Artikel auch aus der App heraus kommentieren lassen. Und der Grafiker Frederik Frede, der mit seiner Firma für Springer „The Iconist“ entwickelt hat, ein teures Vorzeige- und Versuchs-Lifestyle-Magazin für das iPad, arbeitet auch an Anwendungen, die plötzlich wieder die Offenheit des Internets atmen sollen.

Verlagsleute wie Mathias Döpfner hoffen, dass sich auf dem iPad die digitale Welt quasi noch einmal neu erfinden und erobern lässt, ohne das, was er als „Geburtsfehler“ des Internets bezeichnet: die angebliche Kostenloskultur. Damit einhergehen könnte oder müsste aber auch ein journalistischer Neuanfang: Viele Online-Ableger etablierter Medien sind deshalb so verkommen, weil sie ausschließlich auf Masse setzen. Mehr Artikel bedeuten mehr Chancen, über Google Leser anzulocken; mehr Bilder in Bilderstrecken bedeuten mehr Klicks. Der Mediendesigner Lukas Kircher sagt: „Viele Online-Medien haben aufgehört, den Leser zu verführen und verführen nur noch Google.“

Gestaltung und Leserführung

Weitgehend verlorengegangen ist dabei eine klassische Funktion des Journalismus: eine Auswahl zu treffen, Schwerpunkte zu setzen. „Kuratierung“ ist ein Begriff, der zum Beispiel im Gespräch mit Frederik Frede immer wieder fällt. Auch die alte Kunst des „Blattmachens“, der Gestaltung und Leserführung, scheint in den Online-Medien in den Hintergrund gedrängt worden zu sein: Zur Rationalisierung der Abläufe, die ganz auf Geschwindigkeit und Masse ausgelegt sind, sieht jeder Artikel gleich aus, mit fest vorgegebenen Formen und Fotogrößen zum Beispiel. Das iPad wäre die Chance für eine Renaissance des Blattmachens.

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