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Zukunft des Radios : Die Digitalisierung muss sich an den Hörern orientieren

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„Video killed the Radio Star“, sang einst die Popgruppe The Buggles. Das Internet bringt das Radio jedoch nicht zur Strecke. Solange die Programme dort vertreten sind.
„Video killed the Radio Star“, sang einst die Popgruppe The Buggles. Das Internet bringt das Radio jedoch nicht zur Strecke. Solange die Programme dort vertreten sind. : Bild: dpa

Die Forderung nach einem klaren Signal der Medienpolitik in Deutschland für DAB+ und gegen UKW ist falsch und hätte fatale Folgen. Wenn die Radioveranstalter mit ihren Angeboten nicht mehr dort vertreten sind, wo die Menschen sie nutzen, werden sie sie verlieren. Und mit den Hörern verlieren die Sender ihr Finanzierungsmodell. Eine UKW-Abschaltdebatte wäre auch alles andere als konstruktiv, denn sie würde die Hörerverluste verstärken und damit den privaten Veranstaltern die Finanzierungsgrundlage entziehen. Man kann einen Standard nicht politisch verordnen, über seinen Erfolg entscheiden einzig die Menschen.

Der Bedarf ordnungspolitischer Entscheidungen

Ein Umstieg von UKW auf DAB+ kostet Geld, sehr viel Geld. Die Institution mit dem sperrigen Namen „Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten“ (Kef) schätzt in ihrem 20. Bericht die Gesamtkosten eines Umstiegs auf DAB+ bis 2025 auf rund 584 Millionen Euro für ARD und Deutschlandradio. Dieser Betrag wurde und würde auch künftig über die Haushaltsabgabe des Rundfunkbeitrages finanziert. Ein Markteingriff von gewaltigem Ausmaß, müssten die privaten Hörfunkveranstalter ihre Umstiegskosten in vergleichbarer Höhe doch alleine aus dem Markt stemmen.

Die Kef sieht eine politische Entscheidung zur Dauer einer Parallelausstrahlung von UKW und DAB+ im Übrigen als Grundvoraussetzung, um die Kosten eines reinen Digitalbetriebs überhaupt unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit überprüfen zu können – nicht mehr und nicht weniger. Sie hat aber völlig recht, wenn sie feststellt, dass das duale System ohne ordnungspolitische Entscheidungen weiter in eine Schieflage gerät. Dass nicht nur die Kef DAB+ kritisch beobachtet, macht der Beitrag des Medienwissenschaftlers Hermann Rotermund in dieser Zeitung deutlich, der von einer „digitalen Ruine“ spricht.

Die Lösung: Multichips

Das Kernproblem liegt folglich nicht in einem Ideologiestreit, sondern schlicht darin, dass die Übernahme der Migrationskosten sowie die künftige Refinanzierung aus dem Markt nach wie vor ungeklärt sind. Das trifft im Besonderen die lokale und regionale Werbeaussteuerung sowie die Ausspielung der Inhalte, die heute unter anderem regulatorisch durch Auseinanderschaltungen der Programme vorgegeben ist. Um technisch zu überprüfen, ob und wie diese Lokalisierungspraxis (zum Beispiel für lokale Nachrichten- und Werbefenster) erfolgen kann, wurde in Niedersachsen ein Modellversuch gestartet. Die Ergebnisse stehen aus – aber leichter werden sie diese Debatte sicher nicht machen.

Wo also kann man stattdessen ansetzen? Im Sinne eines pluralistischen privaten und öffentlich-rechtlichen Hörfunks wäre es hilfreicher, wenn der Gesetzgeber die Integration und Freischaltung von Radio-Empfangschips in Smartphones vorschreiben würde. Ein solcher Multichip würde UKW, DAB+ und Internet auf mobilen Endgeräten ermöglichen und zugleich Reichweitenverluste durch einen Technikumstieg minimieren. Die Implementierung ist schon heute möglich, in zahlreichen Android-Smartphones sind UKW-Empfangschips bereits verbaut. Eine entsprechende Vorgabe würde die Hörfunkprogramme für die Nutzer auf ihre mobilen Endgeräte bringen und zusätzliche Geschäftsmodelle über den „Rückkanal“ Internet ermöglichen.

Glaubwürdigkeit und Vertrauen

Das mobile Internet gewinnt als Übertragungsweg für Radio rasant an Bedeutung. 84 Prozent der Deutschen zwischen 14 und 29 Jahren nutzen aktuell ein Smartphone, 2012 waren es nur 35 Prozent. Nicht nur die jungen Menschen setzen mobile Endgeräte in immer mehr Lebensbereichen ein. Diese Entwicklung zeigt, dass Hörfunkangebote auf digitalen Plattformen zwingend auffindbar und einfach nutzbar sein müssen. Hier muss die Politik Radio gegenüber Aggregatoren und Plattformanbietern stärken. Smartphones und mobile Plattformen werden, nein, sie sind die neuen Radiogeräte und werden zum Beispiel auch im vernetzten Auto eine größere Rolle spielen.

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