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Zukunft des Journalismus : Das heilige Versprechen

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Jeder könne eine Idee sofort zum Produkt machen, so wärmt er ein längst gesprochenes Versprechen wieder auf: „Dann kann man es mit einem Tastendruck in den globalen Markt von Milliarden von Menschen ,verschiffen‘.“ Die ökonomischen Sozialisierungseffekte solcher Wahnsinnsprognosen, die sich lesen, als ob sie für alle gelten, aber nur für ganz wenige funktionieren, sind evident. Wo jeder alles hat, um „Weltmärkte“ zu bedienen, gibt es nur einen oder eine Schuldige, wenn nicht eintritt, was versprochen wurde: man selbst. Falls die Ökonomen der Chicago-School, Milton Friedman an der Spitze, je geträumt haben: Das wäre ihr Traum gewesen.

Das Dilemma der Piraten

Dabei wissen wir: Die Technologie als „trojanisches Pferd“ - das hat nie funktioniert. Keiner hat das am lebenden Objekt besser bewiesen als die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff, die die Auswirkungen digitaler Technologien in Unternehmen und Arbeitsumgebungen analysiert hat: Neue Technologien sind immer dem institutionellen Zwang zur Selbstreproduktion unterworfen. Die Piraten, die nach wie vor eines der spannendsten politischen Projekte unserer Zeit bleiben, erleben im Augenblick genau das: Die Technologie ist nicht in der Lage, die partizipativen und emanzipatorischen Prozesse auszulösen, die in der Betriebsanleitung versprochen wurden. Keiner der teilweise dramatisierten Skandale spricht gegen diese Partei als Partei; sie bilden nur die Effekthascherei einer Informationsökonomie ab, die damit begonnen hat, politische Informationen ebenso in der Aufmerksamkeitsökonomie zu auktionieren wie Anzeigen.

Jetzt dreht sich die Spirale institutionell immer weiter nach oben: Man will eine Antwort auf die Euro-Krise von der Partei. Ein Antwort zur Euro-Krise! Dabei müsste man dieser experimentellen Partei Fragen stellen (und sie müssten Antworten geben), die die ganze Gesellschaft voranbringen würden: Keiner weiß besser als die Piraten, was Hass in einer digitalen Gesellschaft ist, Gruppenzwang, Technohybris - Kritik also, nicht kurzfristige Belohnung durch Skandalisierungen wäre verlangt, und das heißt: eine Reflexion über den gesellschaftlichen Preis der neuen Technologien.

„Internet“-Revolutionen sind eine Mär

Es wäre schon viel gewonnen, wenn man damit aufhören würde, reine Marktmechanismen metaphysisch zu überhöhen. Und das betrifft nicht nur die Internet-Community, die es in Wahrheit gar nicht gibt, sondern auch die Journalisten, die geliebt und geklickt werden wollen und von Klicks sich ihre Themen vorgeben lassen. Dort, nicht in der Frage, ob Verlage, was gewiss auch wichtig ist, Content-APIs in ihre Webauftritte installieren, stellt sich die Frage, welchen Journalismus wir wollen.

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