https://www.faz.net/-gqz-74kky

Zukunft des Journalismus : Das heilige Versprechen

  • -Aktualisiert am

Die Macht der Unternehmensgiganten

Wer also unter denen, die die Chance ihres Lebens hatten, konnte den technologisch-ökonomischen Imperativ erfüllen? Nimmt man ernst, was die Heiligen der Netzintellektuellen zwischen TED-Konferenz und Internet-Beratung (das einzig florierende Geschäftsmodell) seit Jahren prognostizieren und fordern, kann man nur sagen: Chance verschlafen. Wer einfach nur sagt, Verlage (und sie sind nur ein Symbol) hätten ihre Chance im Netz verschnarcht, kann genau das Gleiche über all die sagen, die von Anfang in ihm zu Hause waren.

Aber so zu reden, das hieße, das Spiel des billigen Hohns weiterzuspielen. Fragen wir lieber: Wenn wir schon keine neuen Medien bekommen haben, was haben wir stattdessen in der schönen neuen Informationsökonomie bekommen - nicht einmal im großen Maßstab, sondern im kleinsten der alltäglichen Kommunikation? Unternehmensgiganten, die ungefragt Bücher vom Lesegerät löschen (Amazon), die Buchtitel oder Zeitungsinhalte zensieren (Apple, Facebook) oder in ihren Suchergebnissen die eigenen Produkte bevorzugen, weil sie sich selber als Medien verstehen (Google).

Naomi Wolfs neues Buch „Vagina: eine neue Biographie“ wurde von Apples iBookstore in „V*****a“ umgeschrieben und erst nach heftigen Protesten in den Urzustand zurückversetzt. Evgeny Morozov hat in der „New York Times“ dieses und andere Beispiele gebracht und darauf hingewiesen, wie sehr die Informationsgiganten dabei sind, kulturelle Normen autoritär neu zu definieren, oft ohne dass es irgendeinem auffällt.

Statt Emanzipation

Auch die vom Silicon Valley vorausgesagte politische und soziale Selbstaufklärung des Menschen, der alle Informationen unter seinen Fingerkuppen hat, lässt medial noch auf sich warten. Partizipation beschränkt sich immer öfter auf Belohnungssysteme, die im Wesentlichen auf Empfehlungsbuttons hinauslaufen, permanente Plebiszite des Konsumenten und seiner „I like“- Befindlichkeit.

Die Tatsache, wie wenig gesehen wird, dass die Evolution der neuen Kommunikationstechnologien ihre eigenen emanzipatorischen Ideen praktisch unterläuft, ist das eigentlich Befremdliche der gegenwärtigen Debatte. Es wäre deshalb an der Zeit, endlich zu erkennen, dass wir nicht von neuen Technologien reden - wer, im Ernst, von Einzelpersonen über Verlage bis zu ganzen Staaten, sagt denn, er verweigere sich dem Netz? -, wir reden von einer neuen Ökonomie, die zu dem wird, was erstmals im Zeitalter Ronald Reagans fast religiös verkündet wurde: eine Ökonomie des Geistes.

Werbealgorithmen sind überall am Werk

Leider folgt sie nicht den Gesetzen, die Kevin Kelly formulierte. Nicht nur bei den Verlagen, in fast allen Bereichen geht es um das Verhältnis von Wert und Preis. Selbst kritische Köpfe vermögen immer seltener zu unterscheiden zwischen den legitimen Bedürfnissen des Konsumenten und der Tatsache, dass politische und kulturelle Werte mitsamt dem Inhalt des eigenen Kopfes zu Produkten dieses globalisierten Marktes werden. Netzkommunikation ist längst in der Phase, wo buchstäblich jedes Signal, das man sendet, Gegenstand einer Preisfindung, einer algorithmisch in Millisekundenschnelle ablaufenden Online-Auktion wird.

Weitere Themen

„The Wild Boys“ Video-Seite öffnen

Trailer : „The Wild Boys“

„The Wild Boys“, 2017. Regie: Bertrand Mandico. Mit: Pauline Lorillard, Vimala Pons, Diane Rouxel. Start: 23.05.2019.

Die Highlights vom roten Teppich Video-Seite öffnen

Filmfestival in Cannes : Die Highlights vom roten Teppich

Glamouröse Kleider, schicke Anzüge, Schuhprobleme, strömender Regen und ein Heiratsantrag... Auf dem roten Teppich des Filmfestivals in Cannes war in diesem Jahr einiges los. Hier sind die schönsten Momente an der Croisette.

Geteilte Welt

FAZ Plus Artikel: Amerika gegen China : Geteilte Welt

Zwischen Amerika und China tobt ein neuer Kalter Krieg um die wirtschaftliche Vorherrschaft. Immer mehr deutsche Unternehmen müssen sich zwischen den beiden Wirtschaftsmächten entscheiden.

Topmeldungen

Analyse der Europawahl : Grüne Großstädte – blauer Osten

Die Grünen punkten bei der Europawahl in den Städten und in der Fläche, die AfD ist stärkste Kraft in Teilen Ostdeutschlands. Doch auch andere Entwicklungen sind bemerkenswert: Gab es einen Rezo-Effekt für die CDU? Und woher kommen die Stimmen für „Die Partei“?
Wer wird die leeren Stühle im Plenarsaal der Bremer Bürgschaft besetzen? Noch liegt das amtliche Endergebnis der Wahl nicht vor.

Nach der Bremenwahl : Viele Optionen, jede Menge Hürden

Bremen steht auch nach der Bürgerschaftswahl spannende Tage bevor: Eine rechnerische Mehrheit gibt es für mehrere Bündnisse. Im Vordergrund stehen Rot-Rot-Grün und Jamaika – doch wie stehen ihre Chancen? Eine Analyse.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.