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Zukunft der Zeitung : Suche nach dem Modell

Arianna Huffington expandiert mit ihrer Netzzeitung im Herbst auch nach Deutschland Bild: AFP

Während viele Internetauftritte in Deutschland unter Hochdruck nach einem neuen Finanzierungsmodell für ihre journalistischen Inhalte im Internet suchen, kommt mit der deutschen Ausgabe der „Huffington Post“ eine weitere Gratis-Zeitung ins deutsche Netz.

          Im vergangenen Jahrzehnt endete die Debatte in deutschen Medienhäusern über kostenpflichtige Inhalte im Internet meist nach einem Satz: Solange die Konkurrenz kein Geld verlangt, machen wir es auch nicht. Dieser Grundsatz gilt seit diesem Jahr nicht mehr. Die Welt der deutschen Nachrichten-Websites spaltet sich zurzeit in zwei entgegengesetzte Geschäftsmodelle auf. Nachdem schon einige Regionalzeitungen Bezahlschlösser vor ausgewählte Artikel im Internet gestellt, oder die Zahl der kostenlos zugänglichen Texte pro Monat begrenzt haben, zog mit der „Welt“ im vergangenen Dezember die erste überregionale und mit der „Bild“-Zeitung am 11.Juni die erste deutsche Boulevardzeitung nach. Auch der Internetauftritt dieser Zeitung wird in naher Zukunft ein Bezahlmodell vorstellen.

          Cai Tore Philippsen

          Leitender Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET

          Doch von einem allgemeinen Trend zur sogenannten Paywall, wie er in Amerika zu beobachten ist, kann in Deutschland keine Rede sein. „Wir sind bei Paywalls eher skeptisch, weil es uns fast unmöglich erscheint, hier die Zahnpasta wieder in die Tube zu kriegen“, sagte der Burda-Verlagsvorstand Philip Welte im Gespräch mit dem österreichischen „Standard“. Auch „Stern“ und „Spiegel“ planen, zumindest im Augenblick, keine Kostenpflicht auf ihren Internetseiten. Weltes Absage gilt dabei nicht nur für den „Focus“, der nach „Bild“ und „Spiegel“ die drittgrößte Reichweite unter den Nachrichtenseiten in Deutschland erreicht. Mit dem deutschen Ableger der „Huffington Post“ bringt Burda im Herbst eine weitere Gratiszeitung ins deutsche Netz, obendrein eine, deren Autoren zum überwiegenden Teil für ihre Leistung nicht bezahlt werden.

          „Bezahlinhalte sind mehr als eine Möglichkeit, Geld zu verdienen“

          Welche Bedeutung der Start der „Huffington Post“ für den deutschen Markt haben könnte, zeigt der Blick nach Amerika, dort ist die Reichweite der „HuffPo“ doppelt so groß wie die der „New York Times“. „Und das war auch schon so, bevor die ‚New York Times‘ die Paywall eingeführt hat“, sagte der Vorstand der Tomorrow Focus AG, Christoph Schuh, am Donnerstag bei der Tagung „Zeitung Digital 2013“ des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) in Frankfurt. Ehrgeizig sind somit auch die Ziele, die sich Schuh in Deutschland setzt. Genauso groß und profitabel wie „Focus.de“ (zehn Millionen Unique User im Monat) derzeit sei, wolle die deutsche „Huffington Post“ bereits in fünf Jahren sein. Die Zahl der fünfzehn Redakteure, die „nur durch eine Reihe Blumentöpfe von der ,Focus‘-Redaktion getrennt“ seien, solle schnell wachsen. Ein namhafter Chefredakteur solle für Glaubwürdigkeit sorgen.

          Wie in Amerika sollen neben wenigen Redakteuren viele unbezahlte Blogger Inhalte für die Seite liefern. Dem Vorwurf, mit dem Konzept der „Huffington Post“ das Geschäftsmodell der Verlage anzugreifen, widerspricht Schuh. „Das ist keine Eins-oder-null-Diskussion, ich glaube, dass beide Systeme, bezahlt oder frei, nebeneinander bestehen können.“ Wie bei einer Gratiszeitung bezahle der Leser der „Huffington Post“ mit seiner Aufmerksamkeit für die Werbung, sagte Schuh.

          Dass es keinen für alle Zeitungen, Zeitschriften und deren Internetauftritte gleichermaßen erfolgversprechenden Weg gebe, betonte Frank Schirrmacher, Mitherausgeber dieser Zeitung, auf der BDZV-Tagung. „Es ist verrückt zu glauben, es gebe ein Modell, das alle rettet“, sagte Schirrmacher. Doch anders als „Focus“ oder „Huffington Post“ wird diese Zeitung ihre Leser in der Zukunft zum Bezahlen auffordern, gleich, ob sie einen Text auf dem Papier oder im Internet lesen. „Bezahlinhalte sind mehr als eine Möglichkeit, Geld zu verdienen“, sagte Schirrmacher. Es gehe darum, zu zeigen, dass die geistige Arbeit des Redakteurs einen Wert habe.

          Rundfunkbeitrag finanziert Seiten von ARD und ZDF

          So werden sich die Leser spätestens in einem Jahr entscheiden können, ob sie bereit sind, für guten Journalismus mit mehr zu bezahlen als mit der „Aufmerksamkeit für Werbung“. Wobei auch heute schon klar ist, dass die Werbung von Seiten mit Bezahlmodellen nicht komplett verschwinden wird. Das machte Romanus Otte, Leiter von „Welt“-Online, deutlich, der in Frankfurt eine positive Zwischenbilanz nach sechs Monaten Paywall bei der „Welt“ zog: „Alle unsere Produkte sind kostenpflichtig, alle unsere Produkte sind werbetragend.“

          Vorbild sowohl für sämtliche verschiedenen Modelle sind die Medien in Amerika. Dabei ist der deutsche Markt eigentlich unvergleichbar und für die Zeitungen und Zeitschriften härter als anderswo, weil auch die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ARD und ZDF umfangreiche Nachrichtenseiten im Netz unterhalten. Bezahlen müssen die Leser dort durch den neuen Rundfunkbeitrag, ob sie wollen oder nicht. Doch bleibt der Klick auf „tagesschau.de“ und „heute.de“ weiterhin scheinbar „gratis“, ganz gleich, mit welchen Modellen die Verlage versuchen, ihre Redaktionen zu finanzieren.

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