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Kritik an „hart aber fair“ : Der falsche Skandal

Frank Plasberg im Gespräch mit dem Journalisten Georg Mascolo in seiner Sendung zum Thema Antisemitismus. Bild: WDR/Oliver Ziebe

Frank Plasberg erntet einen journalistischen Shitstorm, den er nicht verdient. Wer nach seiner Sendung über Antisemitismus in Deutschland nicht verstanden hat, worum es geht, dem ist nicht zu helfen.

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          Die Sendung von Frank Plasberg am vergangenen Montag hatte ein ernstes Thema, und es wurde ernsthaft gesprochen. „Wieder da oder nie wirklich weg: Wie stark ist der Judenhass in Deutschland?“, lautete die Frage.

          Sie wird immer wieder gestellt, in den Fernsehrunden ist der Antisemitismus ein wiederkehrendes Thema. Das Ritualhafte, das den Debatten mitunter innewohnt, die bequeme Selbstvergewisserung derjenigen, die sich im Kampf gegen Judenhass und Rassismus unterhaken, wollte „hart aber fair“ vermeiden.

          Plasberg sprach es selbst an, als er erläuterte, warum man niemanden von der AfD eingeladen habe – weil es dann mehr um diese Partei ginge und weniger um das größere Thema: dass sich Bürger dieses Landes hier nicht mehr sicher fühlen, weil sie wegen ihres jüdischen Glaubens angegriffen werden.

          Mit dem Terroranschlag auf die Synagoge in Halle, bei dem der rechtsextremistische Attentäter Stephan Balliet die gesamte Gemeinde auslöschen wollte und zwei Menschen erschoss, dürfte der Letzte begriffen haben, wo wir stehen.

          „Fast 75 Jahre nach dem Holocaust“, sagte Michel Friedman zu Beginn von „hart aber fair“ und setzte damit den Ton, „leben Juden in Deutschland nicht sicher, weil sie Juden sind.“ Welche Partei dafür mitverantwortlich sei, sagte Friedman auch – die AfD, eine Partei, „deren Inhalt Hass ist“.

          Wie tief dieser Hass geht, wie alltäglich, wie selbstverständlich er daherkommt, wurde in der Sendung unter anderem an nach einer Stunde eingeblendeten Zuschauerreaktionen deutlich. Eine lautete: „Vielleicht sollte man allmählich das Judenthema etwas zurücknehmen, denn genau das schürt Hass. Wir wissen um unsere Vergangenheit, die Kinder bekommen es in der Schule auch eingetrichtert und gut ist’s.“ Was von einer solchen Einstellung zu halten ist, die sagen will, dass die Juden schuld am Antisemitismus seien und nicht die Judenhasser, hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht nur Michel Friedman deutlich gemacht, den Plasberg an dieser Stelle nicht zu Wort kommen ließ, dafür einen Zuschauer mit dem Zitat: „Eingetrichtert? Was soll so eine Aussage? Nichts ist gut, niemals.“

          Bei Plasberg zu Gast: Michel Friedman (links) und der Gastronom Uwe Dziuballa aus Chemnitz.

          Pickt man sich nun die eine Aussage heraus und lässt alles andere, was in 75 Minuten von „hart aber fair“ gesagt wurde, weg, könnte man daraus den Vorwurf konstruieren, Plasberg und seine Redaktion transportierten Antisemitismus ohne Gegenrede.

          Und genau das wurde konstruiert, und genau in diesem Punkt sind sich Journalisten von „Spiegel“, „Zeit“, „Welt“ und „Bild“ einig. Sie sehen nach der Sendung einen Skandal, der keiner ist, aber unbedingt einer sein soll, weil es ja viel einfacher ist, den Boten zu erschlagen, wenn man sich mit der Botschaft nicht auseinandersetzen will, die da lautet: Es wäre schön, wenn es nicht so wäre, wie es nicht sein darf, aber so ist es nun einmal, der Judenhass ist da, er steckt in vielen Köpfen und bedroht unsere Demokratie. Das habe man dargestellt, heißt es von der Redaktion von „hart aber fair“ und von der ARD, und genauso ist es.

          Die Journalistenhatz auf Plasberg ist seit geraumer Zeit im Gang. Er kann tun und lassen, was er will, die AfD einladen oder nicht, in den Augen mancher Kritiker macht er, dessen Sendung einst für ihre Zuschauernähe gerühmt wurde, es immer falsch. Dass sich zu diesen auch der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) gesellte mit dem der „Bild“ gegebenen Zitat: „Solche Zuschriften kann man nicht unkommentiert lassen, oder man darf sie erst gar nicht ausstrahlen“, ist besonders zu würdigen. Pistorius war bei Plasberg selbst in der fraglichen Sendung zu Gast. Hat er sich dort eingreifend geäußert? Hat er nicht, hätte er aber gekonnt. Jetzt rufen die Ersten nach dem Rundfunkrat. Plasberg soll der Skandal sein und nicht der Umstand, dass sich Juden in diesem Land nicht mehr sicher fühlen. Dümmer geht es nicht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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