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Ibiza-Affäre : Steht das Zentrum im Zentrum?

Das Video, auf dem sich Johann Gudenus und Heinz-Christian Strache um Kopf und Kragen redeten. Bild: AFP

Zu der Frage, wer das verhängnisvolle Ibiza-Video gedreht, verkauft oder verteilt haben könnte, gibt es jeden Tag neue Erkenntnisse. Die aktuellen rücken abermals das Zentrum für politische Schönheit in den Blick.

          Das österreichische Online-Portal eu-infothek.com hatte mit seinen Recherchen zu Herkunft und Verbreitung des „Ibiza-Videos“, das die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus zeigt, ihre Karriere kostete und Österreich eine Regierungskrise bescherte, bislang stets die Nase vorn. Knapp vor einer Reihe weiterer österreichischer Medien, die sich der Frage nach dem Woher und Warum des Videos ebenfalls verschrieben haben. Jetzt berichtet das Portal, ähnlich wie die „Kronen Zeitung“, von einem Stand der Dinge, der insofern neu ist, als er eine Annahme zu bestätigen scheint, die seit einiger Zeit darauf hinausläuft, dass die Aktivistengruppe „Zentrum für Politische Schönheit“ das Video angenommen und verbreitet habe.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          600.000 Euro seien für sieben Sequenzen des insgesamt sechs bis sieben Stunden langen Videos bezahlt worden, in Form von Krügerrand-Goldmünzen. Abgewickelt habe den Verkauf eine Berliner Anwaltskanzlei, die auch den Kontakt zwischen dem Zentrum und dem Verkäufer, dem Privatdetektiv „Julian H.“, hergestellt habe. Die Einzelheiten seien in einem achtzehnseitigen Vertrag festgehalten. Über das Zentrum für Politische Schönheit seien die Videoausschnitte bei „Spiegel“ und SZ gelandet. Das klingt schon abenteuerlich.

          Auf Anfrage der F.A.Z. hieß es bei der Anwaltskanzlei, die Berichterstattung sei falsch, man habe das fragliche Video vor der Veröffentlichung von „Spiegel“ und „Süddeutscher Zeitung“ weder gekannt noch es Dritten angeboten oder gar verkauft oder an der Verbreitung mitgewirkt. Man werde juristische Abwehrmaßnahmen einleiten. Das Zentrum für Politische Schönheit hatte auf die letzten Nachfragen dieser Zeitung mitgeteilt, man äußere sich dazu nicht.

          Mit der „Bild“-Zeitung, die über die Berichterstattung des ZDF-Magazins „Frontal 21“ geschrieben hatte, die ebenfalls auf das Zentrum als vermeintlichen Verbreiter des Videos verwies, würde man übrigens „niemals“ reden. Darauf, dass die Aktivistengruppe bei der Verteilung des Videos eine Rolle gespielt haben könnte, deutete indes der Twitteraccount „kurzschluss14“ hin, der vor „Spiegel“ und SZ mit Hinweisen auf das Ibiza-Video online ging und auf den das Zentrum für Politische Schönheit auf seinem Account als Erster verwiesen hatte.

          Als Drahtzieher des Videos hat sich inzwischen der Wiener Anwalt Ramin M. bekannt, es als „zivilgesellschaftlich motiviertes Projekt“ bezeichnet und sich darauf berufen, geheime Kameraaufnahmen seien im Enthüllungsjournalismus erlaubt. Folgt man den Ausführungen des Portals eu-infothek, wäre die Aktion allerdings ein Ergebnis des Geschäftsmodells von „Sicherheitssöldnern“, die auf diese Weise Parteien oder Konzernen Material in die Hände geben oder schlicht Geld verdienen wollten. Im Fall des FPÖ-Politikers Heinz-Christian Strache sei man über einen Sicherheitsmann detailliert über dessen Alltag informiert gewesen, hinzugekommen sei, dass Johann Gudenus nach einem Abnehmer einer Liegenschaft suchte. So sei eins zum anderen gekommen.

          Bei der jungen Frau, die sich als „Aljona Makarowa“, Nichte eines russischen Oligarchen, vorstellte, soll es sich österreichischen Medien zufolge um eine bosnische Studentin der Agrarwissenschaften handeln, die für ihren Auftritt eine Tagesgage von sechs- bis siebentausend Euro erhalten habe. Das Video sei nach Fertigstellung im Jahr 2017 dem Chef des Baukonzerns Strabag und österreichischen Polit-Kreisen gezeigt und für 1,5 bis zwei Millionen Euro angeboten worden. Die Strabag spielte insofern eine Rolle, als FPÖ-Mann-Strache auf dem Video davon spricht, dass man der vermeintlichen Oligarchennichte als Gegenleistung für verdeckte Parteispenden über der FPÖ nahestehende Vereine (zwei von diesen sind inzwischen aufgelöst worden, ein dritter wird nach Angaben der Partei gerade überprüft) und den Kauf von Anteilen der „Kronen Zeitung“ staatliche Aufträge zuschanzen könne, wie sie zum Beispiel zurzeit der Strabag-Konzern erhalte.

          Mit dem Video habe, so die übereinstimmende Darstellung der österreichischen Presse, aber in Wiener Kreisen niemand in Verbindung gebracht werden, geschweige denn dafür etwas bezahlen wollen. So sei die Sache vor zwei Jahren versandet. In einem zweiten Anlauf sei das Video dann im März dieses Jahres mit Blick auf die bevorstehende Europawahl auf dem deutschen „Markt“ angeboten worden.

          Die Staatsanwaltschaft Wien teilte am Montag mit, man habe „betreffend die Erstellung des Ibiza-Videos“ ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, es werde in mehrere Richtungen ermittelt, weitere inhaltliche Angaben könne man aus ermittlungstaktischen Gründen nicht machen. Heinz-Christian Strache hatte, wie er sagte, gegen drei Personen Strafanzeige gestellt.

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