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Zeitungsverleger Dirk Ippen : Auch in der zweiten Liga spielt man schön

„Natürlich hätte ich früher gerne eine ,Frankfurter Allgemeine' oder eine ,Süddeutsche' verantwortet”, sagt Dirk Ippen. Heute bedienen seine Blätter im lokalen Markt Lebens- und Heimatgefühl Bild: Claus Setzer

Krisengerede überlässt er der Konkurrenz: Dirk Ippen ist einer der erfolgreichsten deutschen Zeitungsverleger. Von München aus lenkt er geräuschlos ein Imperium aus Lokal- und Anzeigenblättern.

          6 Min.

          Ippen - das war einmal ein Schreckenswort in der Münchner Zeitungslandschaft. Ein Nachtmar für Betriebsräte, vornehmlich solche, die nicht bei ihm angestellt waren. Ein Phantom, das sich nicht in der Öffentlichkeit zeigte. Der Name ein Synonym für strenges Regiment, schlechte Bezahlung und knappe Personaldecke.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Seine Zeitungen waren auch nicht danach, dass man sie unbedingt lesen wollte. Dabei hat sich der Verleger Dirk Ippen einfach dorthin begeben, wo die Konkurrenz abgewirtschaftet hatte. So kam, verstreut über das ganze Land, ein Imperium von Lokal- und Gratisblättern zusammen. Das reicht von der Ostsee („Fehmarnsches Tagblatt“, Auflage 2200 Exemplare) über den „Westfälischen Anzeiger“, die „Hessisch-Niedersächsische Allgemeine“ bis zum „Münchner Merkur“ (220.000).

          In der Zeitungskrise des vergangenen Jahrzehnts war von Ippen nichts zu hören - außer, dass bei ihm nicht entlassen wurde, dass seine Zeitungen auffallend wenig Auflage einbüßten. Vor fünf Jahren erschien die Anthologie „Des Sommers letzte Rosen“ bei C.H. Beck, die hundert beliebtesten deutschen Gedichte, kompiliert nach außerlyrischen Kriterien vom promovierten Juristen Dirk Ippen, der bis dahin öffentlich nicht als Lyrikfreund aufgefallen war. Anthologien zu Liebesgedichten und geistlichen Liedern folgten. Anfang Mai kam die Meldung, der Lyrikfreund habe den Hirmer Verlag, einen auf bildende Kunst spezialisierten Traditionsverlag, für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag erworben. Wie passt das zusammen? Ist hier ein knallharter Sanierer - hat man je von einem samtweichen Sanierer gehört? - altersmilde geworden?

          Dirk Ippen in seinem  Büro in der Nähe des Stachus. An der Wand Fotos von Menschen, die ihm im Arbeitsleben wichtig waren, ganz links aber auch seine Mutter. Das Porträt seines Vaters steht auf dem Schreibtisch.
          Dirk Ippen in seinem Büro in der Nähe des Stachus. An der Wand Fotos von Menschen, die ihm im Arbeitsleben wichtig waren, ganz links aber auch seine Mutter. Das Porträt seines Vaters steht auf dem Schreibtisch. : Bild: Jan Roeder

          Ausweichen auf die Historie

          Wer Antworten sucht, findet sich in einem knallhart schmucklosen Besprechungszimmer mit Blick auf den Münchner Stachus wieder. Der Verleger hat sich hierher zurückgezogen, weil der den „jungen Leuten“ in der Bayerstraße, dem Sitz des Münchner Zeitungsverlags mit dem „Merkur“ und dem Boulevardblatt „tz“, nicht im Nacken sitzen wollte. Ein altersloser Siebziger, passionierter Bergwanderer, eine sportlich-elegante Erscheinung, dezent gebräunt. Der Tonfall verrät nach mehr als dreißig Jahren den Zugereisten. Auch unter Strom steht er immer noch, das Fingerklöppeln und der diskrete Blick zur Uhr verraten es. Über seine neue Akquisition sagt er: „Ich bin nicht mehr in dem Alter, wo ich nur Dinge kaufen muss, die auf der bisherigen Linie liegen, sondern in einem, in dem auch die Freude an schönen Dingen eine Rolle spielen darf.“ Außerdem sei Hirmer ein Verlag, dessen Programm seinen historischen Interessen entgegen komme.

          Unlängst hat Dirk Ippen in der Frankfurter Paulskirche eine Rede bei der Verleihung des Wächter-Preises gehalten. Und sich als Ritter der Staatsferne und Pressefreiheit offenbart - gleichwohl seine Blätter bislang nicht als Speerspitzen des investigativen Journalismus aufgefallen sind. Ippen weicht auf Nachfrage lieber in die Historie aus. „Das hat mich schon enttäuscht, als ich vor dreißig Jahren nach München kam: Auch die ,Süddeutsche Zeitung' hat die ganzen Machenschaften von Strauß nicht richtig aufgedeckt. Der ,Spiegel' hat kritischer über Strauß geschrieben als die SZ. Der ,Münchner Merkur' hatte einen wertkonservativen Chefredakteur, der ein bekennender Strauß-Skeptiker war.“

          „Wir können nicht alles falsch gemacht haben

          Dieses sein Nach-München-Kommen hat man in der Stadt zunächst nicht für voll genommen. Nicht nur, weil der junge Herr Doktor („Die GmbH & Co. KG als Inhaberin sämtlicher Geschäftsanteile ihrer allein persönlich haftenden GmbH-Komplementärin“, Münster 1967) aus Westfalen so jungenhaft aussah. Ein Irrtum, der längst korrigiert ist. Denn hier kam einer, dem das Verlegen in die Wiege gelegt worden war. Sein Vater hatte als Kaufmann einen Fünf-Prozent-Anteil an der WAZ. Mit diesem Geld erwarb er eine Zeitung in Hamm, die der Filius gut weiterentwickelt hat.

          So gut, dass die Branchenpresse die Gesamtauflage der Blätter, an denen Ippen beteiligt ist, auf 4,7 Millionen Exemplare beziffert. „Das ist ganz großer Unfug“, kontert der Verleger, „die addierte Auflage aller meiner Tageszeitungen liegt bei unter einer Million.“ Dass er die (Mehrheits-)Beteiligung an rund zwanzig Anzeigenblattverlagen, an Internet-Portalen und Telefonbuchverlagen unerwähnt lässt, passt zu Ippens großem Faible für das Understatement. Stets legt er Wert darauf, nicht mit den großen Medienkonzernen verglichen zu werden. Sein Geschäftsprinzip zieht er durch, in Schongau, Soest oder Offenbach. „Wir haben immer auf Lokales und Sport gesetzt. Dem Mantelteil mit Deutschland- und Weltpolitik haben wir früher schon einen geringeren Stellenwert eingeräumt, das zahlt sich jetzt aus.“

          Als Verlagsmanager großer Häuser sich im Boom Ende der neunziger Jahre vorbereiteten, vierhundert Seiten dicke Wochenendausgaben zu drucken, hielt Ippen den Ball flach. Resultat: Im Zehnjahresvergleich gehören der „Westfälische Anzeiger“, die „Hessisch-Niedersächsische Allgemeine“, die „Merkur“-Gruppe und die „tz“ zu den Zeitungen mit den stabilsten Auflagen. „Also können wir nicht alles falsch gemacht haben.“

          lle von Presseversagen

          Vom Zeitungsmarkt seiner Wahlheimat ist er immer noch angetan, obwohl hier mit der „Süddeutschen“, der „Abendzeitung“, dem „Merkur, der „tz“ und „Bild“ gleich fünf Zeitungen konkurrieren: „München ist halb so groß wie Berlin, aber hier werden eher mehr Zeitungen verkauft als dort. In keiner Großstadt haben die Tageszeitungen eine so große Reichweite wie in München.“

          Redakteure, die für ihn gearbeitet haben, beschreiben ihn als zugewandten, aufgeschlossenen Arbeitgeber. Als einen, der seine Leute fragt, ob sie zufrieden mit ihrer Arbeit seien, persönlich frohe Weihnachten wünscht. Das mag Ausfluss sein einer bildungsbürgerlichen Abstammung, mit der Dirk Ippen öffentlich keinesfalls hausieren geht. Die Mutter war in der Goethe-Gesellschaft engagiert, seine Frau ist eine Cousine des verstorbenen Schriftstellers und Joyce-Übersetzers Hans Wollschläger. Ippen überrascht privatim mit auswendig vorgetragenen Gedichten und Passagen der dramatischen Literatur. Das „Wessobrunner Gebet“ hat er ebenso im Gedächtnisköcher wie Shakespeare.

          In der Frankfurter Ansprache hat er darüber nachgedacht, was denn eigentlich Journalisten seien: „Sind sie diejenigen, die neue Wege denken oder sind sie die Lautverstärker dessen, was als Mainstream einer Gesellschaft vor sich geht? Ich glaube eher Letzteres.“ Deswegen freut er sich, wenn diese Auffassung widerlegt wird, etwa in der Affäre Dominique Strauss-Kahn. „Dass eine unbekannte schwarze Reinigungskraft eines Hotels den mächtigsten Mann des IWF so sehr in Bedrängnis bringen kann, ist ein Sieg für den Rechtsstaat in Amerika, unabhängig davon, wie das Verfahren ausgeht.“ Dass man in München dem ungesetzlichen Treiben des Gaddafi-Sohnes jahrelang zugesehen hat, hält er ebenfalls für einen Fall von Presseversagen. Und dass es dem Freiherrn zu Guttenberg beinahe gelungen wäre, politisch zu überleben, bringt ihn aus der Fassung: „Was Guttenberg gemacht hat, ist unsäglich. Frau Merkel hat sich zu spät gegen ihn gestellt und die örtliche CSU hat wohl gar nicht mit ihm gebrochen.“

          „Es gibt uns nicht, weil wir drucken können“

          Ippens Anti-Zeitgeist-Kampagne kollidiert allerdings mit seiner eigenen Parole, dass Tageszeitungen „Solidargemeinschaften“ bilden - in Beschränkung auf lokale Themen. Leser, die Zeitungen schätzen, die sie täglich herausfordern, greifen zu den Leitmedien. Im lokalen Markt bedienen Ippens Blätter Lebens- und Heimatgefühl. Nicht nur im Speckgürtel von München und im Oberland eine sehr erfolgreiche Mischung; dort, wo die Leser schon nicht mehr nur Interesse an Weltpolitik haben, sondern ihre kickenden Kreisklassenkinder auch in der Zeitung sehen wollen. Da der Markt für Lokalzeitungen halbwegs stabil ist, geht Ippens Kurs auf - Gewinne weist das Unternehmen nicht aus, darin ganz dem Aldi-Prinzip folgend. Den einst als uneinholbar eingeschätzten Konkurrenten „Abendzeitung“ hat der Nachbau „tz“ in einem „Überholmanöver“ abgehängt.

          Auch im Hause Ippen stehen die Zeichen auf Internet, beziehungsweise wie der Hausherr sich auszudrücken beliebt, auf „Tsunami“: „Langfristig wird die digitale Form mehr Zuwachs haben als die Papierform. Es gibt uns ja nicht, weil wir drucken können, sondern weil wir Inhalte haben.“ Das wirtschaftliche Problem des Zeitungsverlags liege darin, dass er zur Aufrechterhaltung des konventionellen Systems erhebliche Umsätze braucht. Nach dem Wegbrechen der Rubrikenmärkte fehlen der Branche viele hundert Millionen Umsatz; Umsatz, der bislang im Netz nicht zu erwirtschaften ist. Aber Dirk Ippen glaubt an den Markenkern der Zeitung: „Unsere Hauptaufgabe ist, das Kerngeschäft auch in die digitale Welt zu führen. Wenn man Print und Digital addiert, haben wir heute schon eine höhere Reichweite als jemals zuvor.“

          Vornehme Zurückhaltung

          Nun soll kräftig weitergespart werden. Die laufenden Verhandlungen um die künftige Gestaltung der Tarifverträge kommentiert Ippen so: „Der Flächentarifvertrag ist so etwas wie ein vom Gesetzgeber genehmigtes Kartell für einheitliche Arbeitsbedingungen von Flensburg bis Garmisch. Wie jedes Kartell ist das nicht unbequem für die Beteiligten und die Branche ist damit gut gefahren.“ Nun aber, in Zeiten großer Umbrüche bräuchten die Betriebe mehr „Bewegungsfreiheit“. Wenn ein Redakteur in Husum das gleiche verdiene wie einer im überteuerten München, habe der Kollege in Husum einen ungleich höheren Lebensstandard.

          Geht es um die Absicherung seines Lebenswerkes, spricht der Vater dreier Söhne nicht als Dynast, sondern als Unternehmer. „Ich möchte, dass die Zeitungsgruppe in der nächsten Generation nicht von einer Stiftung, sondern von Menschen verantwortet wird, die unternehmerisch handeln. Gute Unternehmer verbinden Gestaltungskraft mit Nachhaltigkeit.“ Die Nachfolge ist geregelt. Sein Neffe Daniel Schöningh („Offenbach Post“ und weitere Engagements) soll die operative Führung übernehmen. Ippens ältester Sohn Jan leitet in München die digitalen Geschäfte. Ippen wäre schon froh gewesen, wenn er „fünf geniale Kinder wie der Frankfurter Bankier Mayer Amschel Rothschild“ gehabt hätte. Das habe aber leider nicht geklappt.

          Unerschütterlich bleibt Deutschlands fünftgrößter Zeitungsverleger auf dem Kurs der vornehmen Zurückhaltung. Die zweite Liga - das ist sein Mantra. „Wenn ich Landpfarrer in Langenselbold bin, rede ich ja auch nicht darüber, ob ich gerne Papst wäre. Natürlich hätte ich früher gerne eine ,Frankfurter Allgemeine' oder eine ,Süddeutsche' verantwortet, aber das ist eine ganz andere Liga.“ In seinem Büro mit Zimmerspringbrunnen hängt eine Karte mit der Verteilung der deutschen Regionalzeitungen, alles voller Ippen-Beteiligungen. Gegenüber eine private Fotogalerie, zu jedem Bild gibt es eine Geschichte, aber die Zeit drängt schon wieder. Wie hatte Dirk Ippen kempowskihaft gesagt, als es darum ging, ob er nicht lieber Historiker hätte werden wollen? „Man kann ja nun nicht alles, was man möchte.“

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