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Zeitungsverleger Dirk Ippen : Auch in der zweiten Liga spielt man schön

Ippens Anti-Zeitgeist-Kampagne kollidiert allerdings mit seiner eigenen Parole, dass Tageszeitungen „Solidargemeinschaften“ bilden - in Beschränkung auf lokale Themen. Leser, die Zeitungen schätzen, die sie täglich herausfordern, greifen zu den Leitmedien. Im lokalen Markt bedienen Ippens Blätter Lebens- und Heimatgefühl. Nicht nur im Speckgürtel von München und im Oberland eine sehr erfolgreiche Mischung; dort, wo die Leser schon nicht mehr nur Interesse an Weltpolitik haben, sondern ihre kickenden Kreisklassenkinder auch in der Zeitung sehen wollen. Da der Markt für Lokalzeitungen halbwegs stabil ist, geht Ippens Kurs auf - Gewinne weist das Unternehmen nicht aus, darin ganz dem Aldi-Prinzip folgend. Den einst als uneinholbar eingeschätzten Konkurrenten „Abendzeitung“ hat der Nachbau „tz“ in einem „Überholmanöver“ abgehängt.

Auch im Hause Ippen stehen die Zeichen auf Internet, beziehungsweise wie der Hausherr sich auszudrücken beliebt, auf „Tsunami“: „Langfristig wird die digitale Form mehr Zuwachs haben als die Papierform. Es gibt uns ja nicht, weil wir drucken können, sondern weil wir Inhalte haben.“ Das wirtschaftliche Problem des Zeitungsverlags liege darin, dass er zur Aufrechterhaltung des konventionellen Systems erhebliche Umsätze braucht. Nach dem Wegbrechen der Rubrikenmärkte fehlen der Branche viele hundert Millionen Umsatz; Umsatz, der bislang im Netz nicht zu erwirtschaften ist. Aber Dirk Ippen glaubt an den Markenkern der Zeitung: „Unsere Hauptaufgabe ist, das Kerngeschäft auch in die digitale Welt zu führen. Wenn man Print und Digital addiert, haben wir heute schon eine höhere Reichweite als jemals zuvor.“

Vornehme Zurückhaltung

Nun soll kräftig weitergespart werden. Die laufenden Verhandlungen um die künftige Gestaltung der Tarifverträge kommentiert Ippen so: „Der Flächentarifvertrag ist so etwas wie ein vom Gesetzgeber genehmigtes Kartell für einheitliche Arbeitsbedingungen von Flensburg bis Garmisch. Wie jedes Kartell ist das nicht unbequem für die Beteiligten und die Branche ist damit gut gefahren.“ Nun aber, in Zeiten großer Umbrüche bräuchten die Betriebe mehr „Bewegungsfreiheit“. Wenn ein Redakteur in Husum das gleiche verdiene wie einer im überteuerten München, habe der Kollege in Husum einen ungleich höheren Lebensstandard.

Geht es um die Absicherung seines Lebenswerkes, spricht der Vater dreier Söhne nicht als Dynast, sondern als Unternehmer. „Ich möchte, dass die Zeitungsgruppe in der nächsten Generation nicht von einer Stiftung, sondern von Menschen verantwortet wird, die unternehmerisch handeln. Gute Unternehmer verbinden Gestaltungskraft mit Nachhaltigkeit.“ Die Nachfolge ist geregelt. Sein Neffe Daniel Schöningh („Offenbach Post“ und weitere Engagements) soll die operative Führung übernehmen. Ippens ältester Sohn Jan leitet in München die digitalen Geschäfte. Ippen wäre schon froh gewesen, wenn er „fünf geniale Kinder wie der Frankfurter Bankier Mayer Amschel Rothschild“ gehabt hätte. Das habe aber leider nicht geklappt.

Unerschütterlich bleibt Deutschlands fünftgrößter Zeitungsverleger auf dem Kurs der vornehmen Zurückhaltung. Die zweite Liga - das ist sein Mantra. „Wenn ich Landpfarrer in Langenselbold bin, rede ich ja auch nicht darüber, ob ich gerne Papst wäre. Natürlich hätte ich früher gerne eine ,Frankfurter Allgemeine' oder eine ,Süddeutsche' verantwortet, aber das ist eine ganz andere Liga.“ In seinem Büro mit Zimmerspringbrunnen hängt eine Karte mit der Verteilung der deutschen Regionalzeitungen, alles voller Ippen-Beteiligungen. Gegenüber eine private Fotogalerie, zu jedem Bild gibt es eine Geschichte, aber die Zeit drängt schon wieder. Wie hatte Dirk Ippen kempowskihaft gesagt, als es darum ging, ob er nicht lieber Historiker hätte werden wollen? „Man kann ja nun nicht alles, was man möchte.“

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