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Zum Tod Alfred Neven DuMonts : Der letzte Patriarch

Alfred Neven DuMont im Oktober 2011 auf der Frankfurter Buchmesse Bild: Imago

Mit Temperament und Machtbewusstsein setzte er mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ seine Vorstellungen einer modernen Zeitung um und wurde zum letzten großen Patriarchen der Zeitungsverleger: Zum Tod von Alfred Neven DuMont.

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          Einmal saßen wir im Kölner Schauspielhaus, kaum zufällig, nebeneinander, als er, der matte Pausenapplaus war verebbt, halblaut, als spräche er mit sich selbst, zischte: „Die F.A.Z. wird’s wieder verreißen!“ Den amüsierten Blick beantwortete er mit einem sich erstaunt gebenden „Wie, Sie sind das?“, und am Ende durfte er recht behalten. Eine kleine Begebenheit nur, fast ein Vierteljahrhundert her, doch typisch für ihn: Alfred Neven DuMont war Kölner, als Spross einer Verlegerdynastie, deren Anfänge ins siebzehnte Jahrhundert zurückreichen und die 1802 die „Kölnische Zeitung“ gründete, war er in der Stadt, in der er am 29. März 1927 geboren wurde, verwurzelt. Ihre Belange waren seine Belange, und so lag ihm auch der Ruf ihres Theaters am Herzen.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Schließlich hatte er sich, während des Studiums der Philosophie, Geschichte und Literatur in München, als Schauspieler und Regieassistent betätigt, unter dem Pseudonym „Franz Nedum“ Stücke und Kurzgeschichten geschrieben - musische Neigungen, auf die er im Alter zurückkam. Schon 1953 begann er beim „Kölner Stadt-Anzeiger“, zwei Jahre später übernahm er die publizistische Leitung. Mit Temperament und Machtbewusstsein setzte er seine Vorstellungen einer modernen Zeitung um, tauschte in kurzer Zeit leitende Redakteure aus und machte das Blatt zur führenden, heute quasimonopolistischen Zeitung der Stadt Köln. Als Abwehrmaßnahme gegen den seligen Düsseldorfer „Mittag“ und die „Bild“-Zeitung gründete er 1964 den „Express“: Neben den „sehr ordentlichen, feinen, strebsamen Sohn“, den er im „Stadt-Anzeiger“ sah, trat „einer, der wild, ein Rocker ist“.

          Mit Autorität und Leidenschaft

          1960 wurde Alfred Neven DuMont Herausgeber, 1990 übernahm er den Vorsitz des Aufsichtsrats des Verlags M. DuMont Schauberg, der im gleichen Jahr die „Mitteldeutsche Zeitung“ in Halle kaufte, 2006 die Mehrheit an der „Frankfurter Rundschau“ erwarb und seit 2009 65 Prozent am Berliner Verlag („Berliner Zeitung“, „Berliner Kurier“) und der „Hamburger Morgenpost“ hält. Als Zeitungsverleger war der großgewachsene, aristokratisch wirkende und sein Haus autokratisch regierende Herr der letzte Patriarch, der, so Kasper König, nach seiner Zeit als Direktor des Museums Ludwig, „kölsche Berlusconi“.

          Wie er mit schriftlichen Vermerken auf Artikel reagierte, ist Legende, wie er die Stadt mitgestaltete, verband Autorität und Leidenschaft: „Sie sagen, dass Sie ohne Fußball und den 1. FC nicht leben könnten“, schrieb er Wolfgang Overath 2003 zum sechzigsten Geburtstag: „Machen Sie diesen Spruch wahr, und helfen Sie, dass der 1. FC . . . wieder das wird, was er war zu Ihren Zeiten.“ Dass „dieser Traum wahr wird“, hat er nicht mehr erlebt. Am Samstag ist Alfred Neven DuMont im Alter von 88 Jahren gestorben.

          Mit Autorität  und Leidenschaft: Alfred Neven DuMont 1977 in Stuttgart bei der Jahrestagung des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV)
          Mit Autorität und Leidenschaft: Alfred Neven DuMont 1977 in Stuttgart bei der Jahrestagung des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) : Bild: dpa

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