https://www.faz.net/-gqz-8odm2

Zeitschrift „Wolf“ : Warum kriegen die Kerle immer die cooleren Magazine?

Hurra, Haptik! Anscheinend kommt der coole Teil der Menschheit doch nicht ganz ohne stofflich vorliegende Trägermedien aus. Bild: AP

Die Männer-Zeitschrift „Wolf“ hat, was der Frauen-Zeitschrift „Flow“ fehlt: Das richtige Temperament für den entschleunigten Lesegenuss.

          2 Min.

          Das Papier des Mannes heißt Vinyl. Erst hat alle Welt daran gearbeitet, es als Trägermedium abzuschaffen, dann stellte man plötzlich fest, wie gerne man es immer angefasst hat und wie gut es roch. In einer Zeit – heute –, in der alles, was einst auf Papier und auf Vinyl gespeichert war, in ein Telefon passt, da kommen sie wieder, die Trägermedien, die lange Zeit aus den spartanischen Wohnungen verbannt waren. Sie werden mit offenen Armen aufgenommen und als Retro-Objekte liebevoll fetischisiert.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          Diese Medien von gestern sind auch das Symptom einer Gegenwartskrankheit: „Ich bin so vernetzt wie nie zuvor, aber im Kern: einsam“, diagnostiziert York Pijahn in der Titelgeschichte des neuen Magazins „Wolf“ aus dem Haus Gruner + Jahr, das sich als männliches Gegenstück zum Achtsamkeitsmagazin „Flow“ positionieren will. Während „Flow“ mit seinem Papier- und Textilfetischismus eher Frauen ansprechen soll, feiert Wolf die gute alte Schallplatte, Analogtechnik wie Fahrräder und das Holz.

          Beiden Magazinen ist die Rückkehr zur Haptik in allzu virtuellen Zeiten gemeinsam, daneben die gezielte Flucht vor der digitalen Überforderung. Zurück zum Selbst, das ist die Richtung, und zwischendurch wird ganz oft innegehalten und in sich hineingespürt, was das gerade mit einem macht. Und dann trifft man endlich mal wieder richtige Freunde und geht mit ihnen ins Kino, gegen die Einsamkeit und die Kälte unserer modernen Existenzen.

          Nicht dauernd das Denken verbieten

          Es ist leicht, sich über diesen Trend lustig zu machen, denn natürlich löst ein Magazin, das einem sagt, es sei gut, so als Mann ab und zu einen Hammer in die Hand zu nehmen, überhaupt nichts. Und der permanente Aufforderungsgestus, man solle doch mal wieder Tomaten streicheln oder jemanden anrufen, gerät ab der Mitte des Heftes auch arg penetrant.

          Es ist aber bemerkenswert, wie viel unpeinlicher „Wolf“ im Gegensatz zu seiner großen Schwester „Flow“ dasteht. „Wolf“ ist nicht pastellfarben und voller Blümchen und will nicht dauernd das Denken verbieten und durch Fühlen ersetzen, das ist sehr angenehm. Es gibt auch keine Papierchen zum Ausschneiden und Irgendwohinkleben, sondern eine beigefügte Longread-Reportage aus dem „New York Times Magazine“. So lange Texte traut man Frauen ja gar nicht zu, die malen lieber was aus.

          „Wolf“ von Gruner + Jahr ist wahrscheinlich die bessere Flow, weil sie ihren Lesern nicht das Denken verbieten will.
          „Wolf“ von Gruner + Jahr ist wahrscheinlich die bessere Flow, weil sie ihren Lesern nicht das Denken verbieten will. : Bild: Gruner + Jahr/dpa

          Und das ist das wirklich Frustrierende an „Wolf“: Warum bekommen die Jungs ein so viel interessanteres Magazin und wir Mädchen nur eins, in dem es um kartoffelbedruckte Küchentücher geht? Als ob wir uns nicht für Schallplatten interessieren würden oder für Hütten im Wald, für die Möglichkeit eines unspießigen Schrebergartenbesitzes oder geile selbstgemachte Burger (jawoll, in „Wolf“ sind hinten Rezepte drin). Wer hat eigentlich diesen Quatsch erfunden, dass Männer nur Geschichten von Männern über Männer lesen wollen, weil sie sich nur damit identifizieren können, und Frauen auch gern hübsch für sich bleiben, damit alle fein geschlechtergetrennt vor sich hinentschleunigen können?

          Man möchte sofort ein Magazin erfinden, das alle gleich ernst nimmt in ihrem Bedürfnis, was bauen zu wollen oder zu blättern oder zu braten. Bis dahin bleibt uns Damen nur übrig, in einem Heft zu blättern, das ein Autoquartett enthält, und leise neidisch zu sein auf „Wolf“, die einfach so viel bessere „Flow“.

          Weitere Themen

          Demokratie ist machbar

          Initiation für Erstwähler : Demokratie ist machbar

          Für viele Erstwähler ist das erste Mal ein ernüchterndes Erlebnis. Warum verpassen wir eine Chance, junge Menschen in unserer Demokratie willkommen zu heißen?

          Topmeldungen

          Edgar Engist  mit seinen Hunden und Schafen auf seiner Wiese in Bollschweil. Der Schäfer fragt sich, warum Wölfe so viel mehr wert sein sollen als seine Arbeit.

          Landfrust : Im Würgegriff der Bürokraten

          Von Wolf bis Windkraft: Gut gemeinte Vorschriften, die in fernen Großstädten erdacht werden, treiben die Selbständigen auf dem Land in den Wahnsinn.
          Der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler (/links) und der Spitzenkandidat Rainer Brüderle am 23. September 2013, dem Tag nach der Bundestagswahl

          Bundestagswahlen seit 1949 : 2013: Die FDP fliegt aus dem Bundestag

          19 Wahlen, 19 Geschichten. Heute: Angela Merkel beschert der Union aus heutiger Sicht unerreichbare 41,5 Prozent. Aber das eigentliche Ereignis der Bundestagswahl 2013 ist das Scheitern der Liberalen. Teil 18 unserer Wahlserie.
          Josephin Kampmann, Gesundheits- und Krankenpflegerin, steht in einem Zimmer der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Essen und bereitet eine Infusion vor.

          Corona-Pandemie : Sieben-Tage-Inzidenz sinkt auf 60,6

          Das Robert Koch-Institut hat seit dem Vortag 7211 Corona-Neuinfektionen registriert. Tendenziell gehen die Infektionszahlen seit rund zwei Wochen zurück. In den USA müssen Staatsbedienstete nun bis Dezember geimpft sein.
          Wer ehrlich rechnet und keine Schenkungen der Eltern erhoffen kann, muss beim Ansparen Risiken eingehen und auf Aktien setzen.

          Baufinanzierung : So klappt es mit dem Hauskauf

          Für den Kauf einer Immobilie reicht eine Finanzierung auf Pump nicht aus. Es muss zusätzlich lange vorher gespart werden. Hier ist die passende Strategie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.