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Zeitschrift „Wolf“ : Warum kriegen die Kerle immer die cooleren Magazine?

Hurra, Haptik! Anscheinend kommt der coole Teil der Menschheit doch nicht ganz ohne stofflich vorliegende Trägermedien aus. Bild: AP

Die Männer-Zeitschrift „Wolf“ hat, was der Frauen-Zeitschrift „Flow“ fehlt: Das richtige Temperament für den entschleunigten Lesegenuss.

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          Das Papier des Mannes heißt Vinyl. Erst hat alle Welt daran gearbeitet, es als Trägermedium abzuschaffen, dann stellte man plötzlich fest, wie gerne man es immer angefasst hat und wie gut es roch. In einer Zeit – heute –, in der alles, was einst auf Papier und auf Vinyl gespeichert war, in ein Telefon passt, da kommen sie wieder, die Trägermedien, die lange Zeit aus den spartanischen Wohnungen verbannt waren. Sie werden mit offenen Armen aufgenommen und als Retro-Objekte liebevoll fetischisiert.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          Diese Medien von gestern sind auch das Symptom einer Gegenwartskrankheit: „Ich bin so vernetzt wie nie zuvor, aber im Kern: einsam“, diagnostiziert York Pijahn in der Titelgeschichte des neuen Magazins „Wolf“ aus dem Haus Gruner + Jahr, das sich als männliches Gegenstück zum Achtsamkeitsmagazin „Flow“ positionieren will. Während „Flow“ mit seinem Papier- und Textilfetischismus eher Frauen ansprechen soll, feiert Wolf die gute alte Schallplatte, Analogtechnik wie Fahrräder und das Holz.

          Beiden Magazinen ist die Rückkehr zur Haptik in allzu virtuellen Zeiten gemeinsam, daneben die gezielte Flucht vor der digitalen Überforderung. Zurück zum Selbst, das ist die Richtung, und zwischendurch wird ganz oft innegehalten und in sich hineingespürt, was das gerade mit einem macht. Und dann trifft man endlich mal wieder richtige Freunde und geht mit ihnen ins Kino, gegen die Einsamkeit und die Kälte unserer modernen Existenzen.

          Nicht dauernd das Denken verbieten

          Es ist leicht, sich über diesen Trend lustig zu machen, denn natürlich löst ein Magazin, das einem sagt, es sei gut, so als Mann ab und zu einen Hammer in die Hand zu nehmen, überhaupt nichts. Und der permanente Aufforderungsgestus, man solle doch mal wieder Tomaten streicheln oder jemanden anrufen, gerät ab der Mitte des Heftes auch arg penetrant.

          Es ist aber bemerkenswert, wie viel unpeinlicher „Wolf“ im Gegensatz zu seiner großen Schwester „Flow“ dasteht. „Wolf“ ist nicht pastellfarben und voller Blümchen und will nicht dauernd das Denken verbieten und durch Fühlen ersetzen, das ist sehr angenehm. Es gibt auch keine Papierchen zum Ausschneiden und Irgendwohinkleben, sondern eine beigefügte Longread-Reportage aus dem „New York Times Magazine“. So lange Texte traut man Frauen ja gar nicht zu, die malen lieber was aus.

          „Wolf“ von Gruner + Jahr ist wahrscheinlich die bessere Flow, weil sie ihren Lesern nicht das Denken verbieten will.
          „Wolf“ von Gruner + Jahr ist wahrscheinlich die bessere Flow, weil sie ihren Lesern nicht das Denken verbieten will. : Bild: Gruner + Jahr/dpa

          Und das ist das wirklich Frustrierende an „Wolf“: Warum bekommen die Jungs ein so viel interessanteres Magazin und wir Mädchen nur eins, in dem es um kartoffelbedruckte Küchentücher geht? Als ob wir uns nicht für Schallplatten interessieren würden oder für Hütten im Wald, für die Möglichkeit eines unspießigen Schrebergartenbesitzes oder geile selbstgemachte Burger (jawoll, in „Wolf“ sind hinten Rezepte drin). Wer hat eigentlich diesen Quatsch erfunden, dass Männer nur Geschichten von Männern über Männer lesen wollen, weil sie sich nur damit identifizieren können, und Frauen auch gern hübsch für sich bleiben, damit alle fein geschlechtergetrennt vor sich hinentschleunigen können?

          Man möchte sofort ein Magazin erfinden, das alle gleich ernst nimmt in ihrem Bedürfnis, was bauen zu wollen oder zu blättern oder zu braten. Bis dahin bleibt uns Damen nur übrig, in einem Heft zu blättern, das ein Autoquartett enthält, und leise neidisch zu sein auf „Wolf“, die einfach so viel bessere „Flow“.

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