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M100 Medien Kolloquium : Zeit der Optimisten

Diskutierten über Medien und Demokratie in herausfordernden Zeiten: (v.l.) Saad Mohseni, Can Dündar und Ali Aslan beim M100-Sanssouci-Kolloquium 2021 Bild: Imago

Auf dem M100-Medien-Kolloquium wurde der inhaftierte Oppositionelle Alexej Nawalnyj in Abwesenheit mit einem Preis geehrt. Zuvor diskutierten die Teilnehmer über Totalitarismus und Meinungsfreiheit und wagten sogar ein wenig Zuversicht

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          Die Heldin war die Zeit, denn es ging nur um sie und nicht um die Menschen. Und das, obwohl am Mittwochabend auch heldenhafte Menschen da waren. Und das, obwohl es um einen besonders Mutigen gehen sollte – den Oppositionellen Alexej Nawalnyj. In Potsdam bekamen er und seine Stiftung FBK den Medienpreis M100. Doch es fing anders an und früher: Im Schlosstheater des fast- bis vollbarocken Neuen Palais sahen alle fast- bis vollmondän aus. Viele Anzugmänner und nicht so viele Frauen.

          Anna Prizkau
          Redakteurin im Feuilleton.

          Eine aber saß auf der Bühne. Es war der sogenannte „Special Talk“ des Sanssouci Colloquiums, das Thema war „Die totalitäre Versuchung“, doch hätte es auch „Zeit“ überschrieben sein können. Denn von ihr sprach gleich einer der Männer auf der Bühne, es war der afghanisch-australische Medienunternehmer Saad Mohseni. Er sagte: „Ende Juli!“ Da sei er zum letzten Mal in Afghanistan gewesen. Sein Sender wurde weltberühmt, als Tolo News das erste Taliban-Interview ausstrahlte, das eine Frau geführt hat. Noch immer habe er 400 Mitarbeiter. „Es ist merkwürdig“, sagte er. Ein diktatorisches Regime versuche seinen Weg zu finden, doch gleichzeitig protestierten Frauen auf Kabuls Straßen. Und dann ging es noch mal um Zeit, genauer um die Jahre, in denen die Afghanen relativ frei gewesen sind. Die Bildung der Menschen könne man nicht mehr rückgängig machen, sagte Mohseni. Darauf nickte der halbe Saal.

          Die Frau auf der Bühne reiste in die Vergangenheit

          Noch stärker nickend sahen die Gäste einem anderen Mann zu – Can Dündar. Der türkische Journalist, der einen Mordanschlag auf offener Straße überlebte und jetzt Chef der Exil-Plattform Özgürüz ist, sprach über seine Heimat: „Wir vertrauen den Medien nicht, wir kämpfen gegen sie.“ Denn fast alle Medien würden von der Regierung kontrolliert. Was daraus folgt? Neue Exilmedien. Doch es sei schwer, aus der Ferne zu berichten, die Infrastruktur fehle, die Finanzierung sei ein Problem, so Dündar. Obwohl man mehr darüber wissen wollte, weil Exiljournalisten – nicht nur aus der Türkei, auch aus Russland, Afghanistan und Belarus – weltweit aktiver, lauter und mehr werden, fragte der Moderator nicht nach. Er fragte später nach der Zukunft der Türkei. Dündar antwortete als moderater Optimist und sagte, dass er an ein Ende der dunklen Zeitperiode glaube – „bald“.

          Nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit reiste die Frau auf dieser Bühne. Claudia Major von der Stiftung Wissenschaft und Politik sprach über ihre Kindheit in Ostdeutschland, darüber, wie ihre Eltern sagten, dass in der gesamten Zeitung immerzu gelogen werde, nur auf der letzten Seite nicht – dem Sport. Was nichts anderes bedeutet, als dass Menschen die Wahrheit erkennen. „Sie erkennen, wenn die Medien kontrolliert werden“, sagte sie. Ja, es war ein optimistischer Abend.

          Keine Zeit für nachhaltigen Wandel?

          Auch als es um das Vertrauen in die Medien ging. Der Moderator fragte, wie man das denn erlange oder zurückerlange. Mit einer Binsenweisheit, aber aufrichtig antwortete Dündar: „Wir müssen wahrhaftig sein und unabhängig.“ Mohseni sagte Ähnliches. Doch Major kam zurück zum Thema, zur Heldin Zeit: „Wir konnten sehen, wie lange es gedauert hat, bis Deutschland ein demokratisches Land geworden ist. Und wenn wir den Fall Afghanistans nehmen: Nun, da hat es nicht genug Zeit gegeben, um wirklich Wandel zu bewirken. Die Dinge sind aber nicht verloren, wenn wir längerfristig denken und in Bildungssysteme investieren.“

          Und dann musste auch schon der Medienpreis verliehen werden und Christian Lindner die Laudatio halten. Er redete von Trollen, die schrieben, dass er Nawalnyj nutze, um sich das Außenministerium zu sichern. Seine Partei aber verfüge über „andere Pläne“, sagte der lächelnde Vielleicht-Finanzminister. Leise lachten ein paar Anzüge aus dem Publikum. Als später Leonid Wolkow, Nawalnyjs Stabschef, den Preis für den Abwesenden entgegennahm, sprach er auch von Zeit, von den vergangenen zehn Jahren nämlich, in denen der FBK Korruption bekämpft hat. 2011 waren nur fünfzehn Prozent der Russen der Meinung, dass Korruption ein Problem sei, sechzig Prozent sind es 2021, sagte Wolkow. Deshalb glaubt er an eine europäische Zukunft Russlands. „Es braucht viel Zeit, aber am Ende werden wir gewinnen.“ Ja, es gab danach lauten Applaus. Und ja, die Zeit der Optimisten im Schlosstheater war danach abgelaufen. Oder, um es nach so viel Zuversicht zuversichtlicher zu sagen: Sie war zumindest an diesem einen Abend abgelaufen.

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